Die Beschäftigung mit der Geschichte von uns Menschen zeigt uns an vielen Stellen, dass unsere früheren Vorfahren ein Weltbild glaubten, das sehr von der Verbindung von materiellem Sein mit mythischen Vorstellungen verknüpft war. So wurden viele ganz materielle Dinge wie Bäume, Berge, Tiere, Schnitzereien und Kunstwerke zu Götzen oder mit Göttern in Verbindung gebracht. Viele materielle Dinge hatten in ihren Vorstellungen einen mythischen Hintergrund oder auch eine mythische, eine geheimnisvolle Seite nicht materieller Natur. Auch geheimnisvolle oder mythische Vorstellungen ohne materiellen Bezug spielten eine grosse Rolle. Leben ohne „religiösen Bezug“ war nahezu unmöglich. Man konnte ja nie wissen, was da so auf Einen einwirkte. Waren es wirklich nur die Dinge oder auch Geheimnisse hinter den Dingen?
Mit Beginn der Neuzeit gleichzeitig mit dem Niedergang des Mittelalters begann die grosse Entmythologisierung. Für uns Menschen in der Neuzeit wurde charakteristisch, dass wir dem Sehen unserer Augen (und den anderen Sinnen wie Hören, Riechen und Schmecken sowie Tasten bzw. Fühlen) immer mehr Gewicht gaben in unserem Weltbild. Das war ein qualitativer Bedeutungswechsel. Einher damit ging auch ein quantitativer Bedeutungswechsel. Zunehmend wurde alles gemessen und vermessen. Unser wissenschaftliches, neuzeitliches Weltbild gründet vor allem auf sehen und messen. Die übrigen Sinne vergessen wir fast, aber sie spielen auch eine geringe Rolle. Wenn wir heute medizinische Wissenschaft betreiben und Krankheiten diagnostizieren und beschreiben, dann mit immer genaueren Bildern und immer genaueren Messungen. Auch in den anderen wissenschaftlichen Disziplinen ist das so.
Dieser Wahrnehmungswechsel, dieser Wechsel in unserer Betrachtungs- und Forschungsweise in unserer Umwelt führte dann auch dazu, dass sich unser Bild von der Erde und dem Kosmos um uns herum änderte. Die Erde war in unseren Vorstellungen nicht mehr eine Scheibe, sondern wurde zur Kugel und die Erde war nicht mehr Mittelpunkt, sondern es entstand das heliozentrische Weltbild, in dem die Sonne zum Mittelpunkt wurde. Dass sich auch dieses Weltbild noch deutlich ändern würde, wusste man damals noch nicht. Da haben wir heute wieder andere Vorstellungen. Wir wissen heute noch nicht, was sich in den kommenden hundert Jahren ändern wird.
In der Theologie führte die Entmythologisierung dazu, dass viele Geschichten der Bibel nur noch als Beispiel, als Idee, als Metapher, als Theorie verstanden wurden und heute noch werden. Gott verliert an Leben. Er ist zwar noch der Schöpfer, aber die Schöpfung ist lange her. Wir Menschen haben längst das Regiment auf Erden übernommen. Wenn er noch leben sollte, dann hat er vor langer Zeit gelebt und ist heute natürlich von vorgestern oder noch früher. Seine Beschreibungen, Geschichten, Anweisungen, Deutungen, Voraussagen, Anweisungen und vieles mehr sind heute veraltet. Vielleicht ist er auch nur noch ein lebloses allgemeines Sein? Wir sind neu, sind modern und heute bestimmen wir, wie wir die Erde und uns Menschen haben wollen. Ein lebender Gott passt in unser Bild von der Welt nicht mehr und die Zukunft bestimmen wir. „Gott, falls Du noch leben solltest, dann hilf uns dabei, uns und die Welt so zu gestalten, wie wir sie wollen: Unseren Himmel auf Erden.“ Hören Sie mal in die Fürbittengebete jeden Sonntag in den christlichen Kirchen. „Ach Gott, Deine Vorstellungen interessieren uns gar nicht.“ Das uns von Jesus gelehrte Gebet klingt da ganz anders.
Die Entmythologisierung der materiellen Natur führte dazu, dass wir keine Angst mehr haben mussten, dass uns irgendetwas ungewisses oder ein ungewisser, womöglich lebender „Gott“ in die Quere kommen konnten. Wir nahmen jetzt die Dinge wie wir sie sehen und messen (glaubend, dass sie dann auch so sind). Wir konnten ungehindert Leichen öffnen, um die Anatomie zu studieren und Krankheiten zu definieren. Wir konnten die Dinge um uns herum studieren, ohne Gefahr zu laufen, Geistern oder anderen Ungeheuern dabei zu begegnen. So kletterten wir auf alle Berge, durchwanderten die fernsten und kältesten Gegenden der Erde, entwickelten Autos, Flugzeuge und Raketen und landeten sogar auf dem Mond. Wir konnten uns der kleinsten Lebewesen entledigen durch Antibiotika und Impfungen, waren bisher aber nur sehr begrenzt erfolgreich. Ach so? Wir konnten uns der grossen Lebewesen und den von ihnen ausgehenden Gefahren entledigen, indem wir sie im grossen Massstab jagten und töteten und ganz aus Versehen dabei viele nahezu oder ganz ausrotteten. Ach so? Wir konnten ganz ohne Skrupel Bodenschätze ausbeuten und fossile Brennstoffe zur Erleichterung unseres Lebens nutzen. Gefahren konnten davon keine ausgehen, obwohl uns der Forscher Herr Alexander von Humboldt schon in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vor der Zerstörung unserer Umwelt und Umweltverschmutzung gewarnt hatte. Er hatte sie in Südamerika immer wieder erlebt. Ach so? Diese Warnungen galten zum Glück immer nur für die Anderen, nicht für uns, denn wir selbst machen ja nichts kaputt. Wir machen selbst alles richtig. Wir erforschen nur und machen unser Leben leichter, länger, gesünder, … Das ist ja gut. Sogar bei Herrn Alexander von Humboldt war das so. Ach so? Sollten wir vielleicht doch mehr zweifeln?
Interessanterweise sind selbst wir Neuzeitmenschen gar nicht so entmythologisiert. Wie oft hörte ich in meinem Leben in Deutschland im Zusammenhang mit einem glücklichen Ausgang eines Vorganges, der hätte auch deutlich schlechter ausgehen können, die Worte „Teu, Teu, Teu“ oder andere Äusserungen mit ähnlicher Bedeutung. In der Schweiz kam dann regelmässig die Floskel mit der Bewegung „Holz alange“. Ein vollständig entmythologisierter Neuzeitmensch würde das nicht tun. Selbst bei Menschen, die sich selbst für Christen halten, fand ich das häufig, was noch unverständlicher ist.
Bis hierher könnten wir die neuzeitliche Entmythologisierung als ganz hilfreich und positiv beurteilen. Wie es wirklich ist, können wir ja nicht beurteilen, da wir nicht wissen, was wir nicht wissen, was also unseren Ansichten (die wir „Wissen“ nennen) entgegen stehen könnte. Es könnte also doch hinter den uns umgebenden Dingen und Vorgängen Strukturen oder Vorgänge geben, die mythischer (oder mystischer) oder geheimnisvoller Natur sind. Das wissen wir nicht. Unser Weltbild ist unser Glauben und unser Glauben bestimmt unser Weltbild. Von „Wissen“ kann da gar keine Rede sein, wie uns Herr Sokrates ja schon vor fast 2500 Jahren als Ergebnis seines Nachdenkens mitteilte. Auch das hat seitdem niemanden interessiert.
Betrachten wir einige Fragen oder Dinge unseres Lebens:
Das Woher und Wohin unseres Menschseins sind Grenzfragen, die mit den Mitteln, die wir zur wissenschaftlichen Forschung benutzen, gar nicht erforschbar sind. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssten ja vor den geglaubten Urknall zurückgehen können, wenn sie Erkenntnisse von dort gewinnen wollten. Schon ihre Ansichten und Messergebnisse in den letzten Millionen Jahren sind wissenschaftlich gar nicht überprüfbar. Wir haben zwar Bilder und Messergebnisse möglicherweise von vor Jahrmillionen und deuten diese, aber wir können nicht überprüfen, ob an jenen Orten und zu jenen Zeiten die Bilder wirklich so waren und die Messergebnisse der Realität entsprachen und wir deuten sie dann ja zu Erklärungen und Bildern, wie wir sie heute verstehen wollen. Ob unsere Deutungen stimmen, ist wissenschaftlich auch gar nicht überprüfbar. Als Rechthaber, wie wir sind, haben wir unsere Ergebnisse zu „Wissen“ erklärt und nicht mehr kritisch hinterfragt. Wir haben ja sowieso Recht, ganz egal welche Deutung oder Ansicht wir haben bzw. glauben. Versuchen Sie mal testweise, 3 Monate lang nicht Recht zu haben. Der Test ist spannend.
Wir leben. Ich wünsche Ihnen das jedenfalls. Was unterscheidet uns von dem Stein, der dort liegt? Er ist Materie und wir sind Materie und doch unterscheidet uns etwas. Wir leben, er nicht. Nun kommen wir Mediziner und fertigen uns genaue Bilder an und messen. Was sagen uns die Bilder und Messergebnisse über die Herkunft, den Sinn, den Charakter und die Zusammenhänge zum Vorgang „leben“? Nichts. Wir legen unsere Deutungen hinein, deren Übereinstimmung mit der Realität wir gar nicht überprüfen können und erklären diese Deutungen dann zu "Wissen".
Wir Menschen werden geboren. Das ist ein ganz handfester, materieller Vorgang, nicht nur „Ich denke, also bin ich“ (René Decartes). Das war sehr einseitig, sehr beschränkt von ihm gedacht. Die Schwangerschaft ist ein sehr materieller Vorgang, den jede werdende Mutter sehr leiblich erlebt. Jede mehrfache Mutter kann über Herrn Decartes nur schallend lachen. "Dein Denken bedeutet Sein, bedeutet Leben? Ja, bis zum Ende Deines Lebens. Dann ist Schluss. Meine Kinder (nicht Katzen oder Hunde etc., sondern echte Kinder der Tierart „Mensch“) bedeuten fortgesetztes Leben von Menschen auf der Erde. Denken reicht da bei weitem nicht!" Woher aber nimmt sie das Leben, das sie dem Kind weitergibt? Wird das Leben bei der Zeugung übertragen oder erzeugt oder erst bei der Geburt oder wann dazwischen? Unsere Abtreibungsmoralapostel haben eben einfach selbst festgelegt, bis wann wir glauben wollen, dass noch kein Leben bestehe und daher straffrei abgetrieben werden können soll, also keine Mutter des Kindesmordes angeklagt werden soll. Wir haben ja mit unseren Ansichten seit dem 3. Lebensjahr Recht, egal welcher Ansicht wir sind. Auf irgendwelche verlässlichen Grundlagen berufen können wir uns nicht. Weder das leblose allgemeine Sein noch die evolutionäre Natur noch der lebende Gott haben uns ihre Ansichten oder Gestaltungspläne dazu mitgeteilt. Wir haben es einfach selbst bestimmt und haben daher auch alle Folgen daraus selbst zu verantworten, z.B. unseren demographischen Wandel mit allen Folgen für uns und kommende Generationen.
Interessanterweise können wir, selbst die Frauen, kein Leben selbst erzeugen. Frauen können es weitergeben und brauchen dazu einen Mann und Beide müssen miteinander kooperieren, sich vielleicht sogar gegenseitig lieben. Im Wettkampf um die beste Karriere und das meiste Geld ist das für Beide schwierig. Der Anfang des Lebens, in dessen Reihe auch unser eigenes Leben gehört, liegt schon sehr lange zurück. Unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler werden sich um viele Millionen Jahre zurückversetzen lassen, damit sie zu der entsprechenden Zeit ihre Forschungen ganz praktisch ausführen können. Wie wollen wir heutige Bilder und Messergebnisse so deuten, dass sie sicher den Tatsachen von damals entsprechen? Das ist wissenschaftlich gar nicht überprüfbar. Kann eine evolutionär sich entwickelnde Natur, die ja zunächst kein Leben enthält, plötzlich oder langsam Leben entwickeln? Könnte ein lebloses allgemeines Sein das? Oder braucht es dazu eben doch einen lebenden Gott, der, weil er selbst lebt, Leben verschenken kann? Wir wissen es nicht. Wir können uns nur nach langem Nachdenken für die eine oder andere Version entscheiden. Die glauben wir dann. Das ganze entmythologisiert zu denken und zu entscheiden, ist ziemlich einseitig und lässt einige wichtige mögliche Möglichkeiten bewusst oder unbewusst einfach unbedacht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler denken und arbeiten so nicht. Alle Möglichkeiten müssen bedacht werden, auch die, an die wir womöglich gar nicht denken.
Wir Mediziner haben uns Kriterien geschaffen, die für die Feststellung des Todes gelten sollen. Schon diese Kriterien haben es in sich. Wer genau untersuchen will, braucht schon mehr Zeit dazu, als eine Todesfeststellung heute kosten darf. Dann noch die Bürokratie dazu. Die sichere Feststellung des endgültigen Todes ist ja eben nicht gleich mit dem Eintritt des Todes feststellbar, sondern erst deutlich später. Wann hat eigentlich das Sterben eingesetzt, das schliesslich zum Tode geführt hat? Ist ein „natürlicher Tod“ wirklich ein natürlicher Tod oder ist ein „natürlicher Tod“ in der Balance und im Gleichgewicht der Lebewesen mit- und gegeneinander nicht ein Tod in der letzten Auseinandersetzung mit seiner auch lebenden Umwelt, die dann verloren wurde und diesen Menschen oder dieses Lebewesen sein Leben kostete? Dann wäre sogar ein Mord oder ein tödlicher Angriff eines Tieres ein natürlicher Tod. Im Gleichgewicht der Lebewesen in der evolutionären Natur siegt der Stärkere über den Schwächeren, auch wenn der Stärkere nur die Grösse von Viren hat und sorgt daher für das natürliche Gleichgewicht der Lebewesen auf Erden. Dieses Gleichgewicht hat über Hunderttausende von Jahren für unsere Existenz als Menschen in der Evolution der Natur gesorgt. Man kann das natürlich anders sehen und anders festlegen, aber woher nehmen wir den Massstab für „richtig“ oder „falsch“? Wir haben es einfach nach unseren eigenen Wünschen entschieden und können es so auch gar nicht anders. Es muss uns nur klar sein, dass wir so gehandelt haben, dass eben unser „Wissen“ nur eigenes Wunschdenken ist, auch von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern.
Sind wir denn nach dem Tod auch wirklich tot, also weg, also nicht mehr existent, in welcher Weise auch immer? Es gibt ja Beschreibungen von Nahtoderfahrungen, die dem widersprechen würden. Der Tod ist aber ja doch offenbar eine unsichtbare (!) Grenze, die wir nicht so einfach überschreiten können und dann doch wieder zurückkommen. Ob also eine Nahtoderfahrung tatsächlich eine Erfahrung der Welt nach dem Tod war und dann doch noch eine Rückkehr einsetzte? Wer will das sagen? Es gäbe sogar Gründe, das zu bezweifeln. Deutungen haben wir immer. Da sind wir Menschen und erst recht Mediziner nicht verlegen. Recht haben wir auch, egal welcher Ansicht wir sind und einen Fühler für unsere Fehler haben wir nicht (Vergleiche am Anfang). Der Tod ist eine unsichtbare Grenze, an der und hinter der wir keine sichere Wahrnehmung, Deutung der Wahrnehmung und daraus folgendes „Wissen“ haben können. Wir können weder Für noch Wider mit unseren wissenschaftlichen Mitteln erforschen und verlässliche Aussagen dazu treffen. Warum können wir dann jeden Tag genau solche Aussagen mit dem Brustton der Überzeugung geschrieben lesen?
Wir könnten jetzt noch viele Dinge oder Vorgänge in unserem Leben betrachten: Liebe, Persönlichkeit, Gerechtigkeit, Schönheit, gut und böse, Sinn und Zusammenhang, Schlaf, Menschsein, Vergangenheit und Zukunft, Wahrheit, Realität, Naturregeln, Schuld, Intelligenz … Mit unseren wissenschaftlichen Mitteln kommen wir recht schnell an unsere Grenzen. Da diese Grenzen unsichtbar sind, nehmen wir mit unseren wissenschaftlichen Mitteln schon nicht einmal unsere Grenzen wahr. Das macht alles noch spannender.
Wie in der Zeit vor der Neuzeit, nach unseren Bezeichnungen im „Altertum“ und im „Mittelalter“, müssen wir also wohl doch zumindest damit rechnen, dass es auch mehr gibt, als nur Materie. Das alles lässt sich nicht mit unseren wissenschaftlichen Methoden erforschen. Wir können weder etwas Für noch Wider sagen. Wenn es aber sein kann, dass ich noch nach meinem Tod in irgendeiner Weise weiter existiere, dann ist es wohl sehr ratsam, das, was mehr als Materie da sein könnte, nicht einfach zu ignorieren und zu glauben, dass es da nichts gäbe. Der Möglichkeiten wären sogar mehrere. Die Auseinandersetzung mit dieser Tatsache ist also nicht so ganz einfach und doch dringend zu empfehlen.
Unsere wissenschaftlichen Forschungsmethoden sind nicht falsch, aber doch erschreckend eingeschränkt, erschreckend beschränkt, vor allem, wenn es sich um lebende Wesen wie uns Menschen selbst handelt. Da kann ich nur dringend empfehlen, die Scheuklappen der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler abzulegen und den Blick zu weiten auf alle möglichen Möglichkeiten des Seins und Nichtseins in uns und unserer Umgebung und natürlich gehört da auch ein möglicher lebender Gott dazu. Wenn es den geben sollte, dann wäre er die Nummer 1, mit der ich mich auseinandersetzen muss. Ich muss mir erst einmal eine Vorstellung davon verschaffen, wer dieser lebende Gott sein könnte. Ohne eine Vorstellung von ihm kann ich weder ihm glauben noch ihm nicht glauben. Natürlich gilt das in der Folge für alle anderen Möglichkeiten auch noch. Es hat ja Zeiten und Strömungen in der Menschheitsgeschichte gegeben, als man diese Fragen sehr viel ernster genommen hat als wir Ignoranten heute.
Ich möchte daher heute dringend raten und empfehlen, doch neben seiner materiellen Vorstellung von der Welt, in der wir leben, auch den mythischen oder mystischen oder geheimnisvollen Teil der Realität zu erforschen und sich eine Vorstellung davon zu verschaffen. Dazu gibt es nicht so sehr viele Möglichkeiten, das zu tun, weil ja eben der lebende Gott möglicherweise nur hinter meinen Grenzen leben könnte. Die Bibel wäre eine Möglichkeit, sich solch eine Vorstellung vom lebenden Gott schenken zu lassen. Auch die Bibel zu verstehen, ist nicht einfach so mal einfach gemacht. Diese irdische und zugleich ausserirdische Möglichkeit erfordert längere und intensivere Beschäftigung mit ihr. Die erschliesst sich nicht mal eben so im Vorbeigehen, -hören oder -lesen.
Dafür möchte ich uns auch raten und empfehlen, die Entmythologisierung der Bibel wieder aufzugeben und die Bibel tatsächlich für Botschaft zu halten, wie sie da steht. Sie zu verstehen, ist schon schwierig genug. Wie sollte uns denn eine entmythologisierte Verstehensweise zum tatsächlichen geheimnisvollen Mittelpunkt der Bibel, dem lebenden Gott und seinem Sohn Jesus Christus führen? Unwahrscheinlich, oder? Unser griechisches Weltbild erschwert uns solch einen Zugang. Die alten Griechen, also auch wir, glauben die Wahrheit, die Realität und verstehen darunter eine richtige oder zutreffende Aussage und die uns umgebende Natur. Die alten Hebräer glauben an den Wahrheit, an den Realität und verstehen darunter den lebenden Gott, der sie nicht nur geschaffen hat, sondern in dem sie auch heute leben und der auch heute wesentlich Handelnder um sie herum ist. Allein aus diesem Unterschied entstehen unterschiedliche Welt-, Menschen- und Gottesbilder und unterschiedliche Denk- und Handlungsweisen, unterschiedlicher Glauben.
Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn wir mit einem begrenzten wissenschaftlichen Weltbild die Probleme unserer Welt und unsere eigenen Probleme gar nicht lösen können. Da hilft kein lösungsorientiertes Denken und Handeln, denn es gibt es wahrscheinlich gar nicht. Das sind nur unsere eigenen viel zu optimistischen Vorstellungen von uns selbst. Auch unsere Umwelt und uns selbst sollten wir nicht einfach als Materie, als Maschine auffassen, sondern unsere mythische und geheimnisvolle Existenzweise wieder zum Vorschein kommen lassen und erforschen. Die Welt, wir Menschen, Sie und ich und erst recht natürlich der lebende Gott sind ein Geheimnis, nicht nur ein Rätsel, das wir mit guter Taktik oder Kenntnis mal so eben lösen. Wir können sie und uns nicht einfach mal so eben erforschen, fassen, deuten und handeln oder behandeln.
Unser Leben verbindet uns mit der jenseitigen Welt, die sich an den Informationen und Beschreibungen, Deutungen und Voraussagen der Bibel entscheidet. Seine Einladung in Gottes neue Welt mit ihm zusammen oder Leben ohne Gott, beschrieben mit dem Begriff „Hölle“. Auch heute geht leben nicht ohne Religion, selbst wenn wir uns selbst für religionslos halten. Religionslos leben ist (Un)glauben ohne Mythologie und damit nur umgekehrter Glauben mit umgekehrter Mythologie. Wir können das nicht einfach selbst ändern.
Wenn ich heute abwägen soll und will, dann halte ich die Wahrscheinlichkeit, dass wir es mit einem lebenden Gott zu tun haben für sehr viel höher, als dass ausser uns lebenden Menschen kein weiteres Leben vorhanden sein sollte. Im alten Testament der Bibel wird gleich zu Beginn auch von der Schlange oder dem Teufel gesprochen. Viele halten uns Menschen ja für „gut“. Dann wundern mich nur die vielen Berichte in den Medien und Büchern und anderswo, in denen unsere ganze abgrundtiefe Bösartigkeit mit Herrschsucht, Geldgier, Karrieregeilheit, Sex, Mord und Totschlag, digitalem und realem Raub und vielem mehr beschrieben und bitterlich beklagt wird. Das passt so gar nicht zusammen. Ist uns unsere Widersprüchlichkeit zwischen unserem Leben mit diesen Dingen und unserer eigenen Beurteilung nicht bewusst? Natürlich betrifft es nur die Anderen, aber aus der Sicht des Anderen, bin auch ich ein Anderer, ich und ein Anderer zugleich und in meiner Person. Die Existenz eines lebenden Teufels werden wir wohl auch denken müssen. Dort wäre für mich die Mythologie allerdings weitgehend zu Ende. Wir müssen nicht ins Altertum oder Mittelalter zurück.
Mythos und Materie gehören zusammen. Der lebende Gott und auch wir lebenden Menschen gehören unter den vom lebenden Gott beschriebenen Vorstellungen und Bedingungen zusammen. Nach unseren Vorstellungen wurde da nicht gefragt. Wir sind Geschaffene, nicht Schöpfer. Wir werden uns in unserem Denken, Glauben und Handeln nach ihm richten müssen, nicht umgekehrt. Beten, so wie er es uns gelehrt hat, nicht wie wir es uns wünschen.
Unser heutiges, entmythologisiertes Weltbild ist offenbar nicht realitätsnah. Wir müssen umdenken. Wir müssen unsere Ansichten relativieren und sie auf die Ansichten des lebenden Gottes ausrichten und wenn da ein Teufel mit uns in unserer Löwengrube „Erde“ lebt, dann ist auch klar, dass wir uns nicht selbst retten können, also nicht selbst die Lösung erfinden und aufbauen können, sondern dass es da der „Erlösung“ Jesu Christi als Sohn Gottes bedarf. Das Angebot für uns steht.