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Interessante Bücher (01/2025)
Nun gibt es ja bereits Millionen (oder vielleicht schon Milliarden?) Bücher. Wie viel „Müll“ ist also in den letzten Jahrhunderten geschrieben worden? Wie können wir „Müll“ von „Nachdenkenswert“ trennen? Ich fürchte, es geht nicht. Ich entdeckte auch, dass im Nachdenken viele Bücher, die wir wahrscheinlich sogar gemeinsam als „Müll“ bezeichnen könnten, doch zu sehr interessanten Gedanken und vielleicht sogar zu Einsichten, jedenfalls zu veränderten Ansichten führten. Wir wagen trotzdem die Begrenzung auf ganz wenige.
1.
Dan Ariely: Die halbe Wahrheit ist die beste Lüge
Wie wir andere täuschen – und uns selbst am meisten
Aus dem Amerikanischen von Gabriele Gockel und Maria Zybak
Droemer-Verlag, 2012.
Der amerikanische Professor erzählt von vielen Studien, die zeigen, wie sich unsere moralischen Grundsätze ändern lassen und beeinflussen lassen und wie zumindest Studenten (die er und seine Kolleginnen und Kollegen meistens als Probanden benutzten) sich mit ihren moralischen Entscheidungen darauf einstellen und anpassen.
Wir können diese Ergebnisse sehr wahrscheinlich auf viele unserer eigenen Entwicklungen und Entscheidungen übertragen, können sie wahrscheinlich mehr oder weniger auf viele Entwicklungen in unserer Gesellschaft ebenfalls anwenden und wahrscheinlich werden sie auch in der Geschichte unserer Gesellschaften in den letzten Jahrhunderten eine grosse Rolle gespielt haben. Natürlich gilt das immer nur für die Anderen, denn wir selbst haben ja „immer schon gesagt“ und haben uns nicht geändert, sondern sind uns selbst treu geblieben.
Spielen Sie mit den geschilderten Resultaten und Ihrem eigenen Gedanken- und Gefühlsgebäude.
Ich habe wieder ein bisschen gespielt:
Wenn wir heute Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi (russischer Dichter, 1828 – 1910) fragen würden, wie er unsere Lebensweise heute im Vergleich zu damaligen Lebensweisen beurteilen würde, dann würde er unsere Lebensweise wahrscheinlich als genauso dekadent betrachten wie die der damals als dekadent betrachteten oberen 1000. Aber da wir heute in der Masse so leben, ist sie natürlich unserer Ansicht nach nicht mehr dekadent, sondern normal. Nun ist die Lebensweise der jetzt oberen 10000 dekadent. Ein enormer moralischer(?) Wandel in weniger als 150 Jahren.
Noch vor hundert Jahren war Abtreibung schwer möglich und gefährlich und auf jeden Fall verachtenswert. Heute ist das Recht auf Abtreibung (möglichst auch noch ohne jede Kosten) so selbstverständlich, dass wir von einer langsamen Kehrtwende unserer Ansichten und unserer Moral innerhalb von 100 Jahren um 180 Grad reden müssen. Damit möchte ich keine Wertung der Beurteilungen abgeben, sondern nur die Tatsache, dass es so ist, offenlegen.
In Ihrem eigenen Leben erleben diesen Drift sehr viele. Sie brauchen nur sich selbst zu beobachten. Sie sind wahnsinnig verliebt in die/den Andere(n). Zwei Jahre nach der Hochzeit ist Ihre Liebe abgekühlt, nichts mehr davon da. Sie haben also eine 90 Grad-Wendung gemacht. Noch drei Jahre später hat sich Ihre Einstellung noch einmal um 90 Grad gedreht und Sie sehen keine andere Möglichkeit mehr. Sie müssen sich scheiden lassen.
Wer also unsere Gesellschaft mit offenen Augen betrachtet, findet überall solche Drifts unserer Urteile und Beurteilungen und da ist die Moral nicht ausgenommen.
Man muss ja geradezu die Frage stellen, ob man dazu wirklich Wissenschaftler sein muss, ob man dazu teure Unis und teure Studien braucht, um so etwas herauszufinden? Es ist ja ganz nett, dass er uns unsere schon lange gehegte Beobachtung noch einmal auf andere Weise bestätigt. Aber hat er uns wirklich etwas Neues berichtet? Nun hat er uns ein paar Zahlen genannt, aber die gelten offenbar auch nur in seinem untersuchten Beispiel, denn mit den paar Prozent Abweichung der Moral die er fand, kommt man nicht auf 90 oder gar 180 Grad, wie in unseren Beispielen. Die Schulden für diese staatlichen Kosten hätten wir unseren Kindern auch ersparen können.
2.
Dr. Chris Niebauer: Kein Ich, kein Problem
Was Buddha schon wusste und die Neuropsychologie heute bestätigt
Übersetzt von Astrid Ogbeiwi
VAK Verlag, 2020
Es wird erzählt von schwerkranken Epilepsie-Patienten, denen man in den 1960iger Jahren als Therapieversuch die Nervenbahnen zwischen beiden Hirnhälften durchtrennte. Man fand erstaunliche Phänomene, die uns unsere eigene Funktionsweise zu einem Teil besser verstehen lehren.
Die Forschungsergebnisse kann man in ganz verschiedene Richtungen deuten. Da gehe ich nicht mit allem im Buch mit. Mich beschäftigte mehr die Frage, wer wir denn eigentlich sind. Wie wir uns unser Ich materiell denn vorstellen könnten oder müssten, wo und wie unser Denken und Nachdenken, unsere Entscheidungen etc. zustande kommen. Kann die Wissenschaft diese Fragen überhaupt klären? Welche Vorstellungen müssten wir uns machen, damit wir überhaupt wissenschaftliche Methoden anwenden könnten? Wie weit reicht unser menschliches Sein in Form von Körper, Wahrnehmung und Denken? Sind wir ein abgegrenztes Ich, das tatsächlich in der Lage ist, sich vor äusseren Einflüssen zu schützen und wenn ja, wie?
3.
Andrea Wulf: Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur
Penguin Random House Verlagsgruppe FSC, 2015
deutschsprachige Ausgabe 2016 im C. Bertelsmann-Verlag, München
Alexander von Humboldt reiste um 1800 durch Süd- und später Nordamerika. Er war nicht der Entdecker und auch nicht der Eroberer. Er entdeckte Amerika sozusagen im zweiten Gang, im Tiefgang und unter ganz anderem Blickwinkel als die früheren vor ihm.
Es hatte sich an vielen Stellen in Europa, Nordamerika und an wenigen Stellen auch ausserhalb das Interesse an der Umwelt ausgebreitet. Auch vorher musste dieses Interesse vorhanden gewesen sein. Sonst hätten Menschen nicht in ihr über hunderttausend Jahre leben können. Die Sichtweise hatte sich geändert. A. v. H. begriff die Umwelt neu als eine Art riesiges Ökosystem und nannte sie „Natur“. Viele Forscher waren äusserlich und innerlich noch in kirchlichen Denkmustern gefangen. Andere hatten sich freigeschwommen oder waren gleich in die Opposition gegangen. Es öffneten sich riesige Räume von Umgebung, teils nur in Form von Materie, teils mit jeder Form von Lebewesen gefüllt. A. v. H. hatte das Glück einer reichen Erbschaft und einer ausreichenden äusseren und hohen (vielleicht auch übertriebenen?) inneren Freiheit.
So erkundete er die Natur mit allen Sinnen, erweitert um die ihm zur Verfügung stehenden Messmethoden. Er kartographierte, mass, definierte, zeichnete, sammelte, … Es wurden jede Menge von Ansichten aller Art gesammelt, die die Selbstbewussten (zu denen er gehörte) auch gerne als „Wissen“ präsentierten.
Die „Natur“ bekam fast einen magischen Charakter, den Charakter eines Du, eines Gegenübers, begreifbar und doch nicht begreifbar. Er hat sehr wesentlich auch unsere Beziehung zur Natur geprägt.
Er fand damals schon auf seinen Reisen viele Schäden, die die Menschen bereits in ihrer Umwelt angerichtet hatten im Wunsch, dort wohnen zu können und sich Bequemlichkeit zu verschaffen, Sicherheit und ein langes Leben.
Frau Wulf beschreibt Alexander von Humboldts Leben, seine Reisen und Arbeiten sehr anschaulich und dicht, mit Empathie und Kraft. Das Buch hinterlässt einen tiefen Eindruck.
Mir stellen sich in diesem Zusammenhang eine ganze Anzahl von Fragen:
Eine davon ist:
Frau Wulf ist sicher so etwas wie eine Powerfrau. A. v. H. war ein Powermann ohne gleichen. Wie nahe schafft eine Autorin oder ein Autor die Atmosphäre zu zeichnen, in der die Gesellschaft damals lebte, sodass wir auch die Gefühlswelt als Basis für das damalige Lebensgefühl und in diesem Fall für das Umweltverständnis realitätsnah verstehen? Können wir das von damals nachempfinden oder ist völlig klar, dass wir nur ein entfernt ähnliches Bild bekommen können? Wie viel Interpretation und Abwandlung durch heutiges Erleben steckt gleich mit im Buch? Könnte es sein, dass sehr engagierte Menschen solche Verhältnisse in ihren Büchern auch völlig überzeichnen und damit unser Verständnis für diese Zeit unrealistischer machen?
Ein anderer Fragenkreis ist das Verhältnis von uns Menschen zur Umwelt:
A. v. H. beschreibt die vom Menschen verursachten Umweltschäden. Natürlich verursachten die Anderen die Schäden, die Menschen, die schon zuvor da waren, die, die dort wohnten, lebten, Gewinne suchten für die Angehörigen zuhause und für sich selbst. Er war nur ein Einzelner (bzw. eine kleine Gruppe). Verursacht ein Einzelreisender keine Schäden, wenn 1000 oder gar 100000 Einzelreisende deutliche Schäden anrichten? Die Schäden verursachen immer die Anderen, ich doch nicht, selbst wenn ich mit Tausenden von Wechselpferden mehr als 10000 km per Kutsche durch Russland jage.
Wissenschaft ist immer gut. Da gibt es keine Frage. Sie verursacht keine Schäden. Sie schafft nur Nutzen. Sollten wir nicht auch da mal Fragen stellen?
Mir sind da gleich wieder eine ganze Reihe von Fragen gekommen. Johann Wolfgang von Goethe hatte sich ja übrigens als Zeitgenosse und Freund von A. v. H. dazu etwas überlegt und uns das auch ganz offen überliefert. Er war ein Bewunderer von Alexander von Humboldt, dachte aber offenbar mehr nach, wenn er die unbändige Wissenssucht von uns Menschen nicht nur als Segen für uns Menschen begriff, sondern auch als Fluch. Seine geradezu prophetischen Aussagen werden die gebildeten Menschen der letzten 200 Jahre millionenfach konsumiert haben, ohne daraus irgendwelche sinnvollen Konsequenzen gezogen zu haben (Ja, wahrscheinlich nicht einmal selbst nachgedacht zu haben). Dabei dürften Wissenschaft und in der Folge Technik eben diese Schäden ermöglicht haben, die wir heute mit der gleichen Wissenschaft und Technik wieder beheben zu können glauben. Können wir uns denn vorstellen, dass eine Lebensweise ohne all die wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften unserer Tage auch nur allein den Klimawandel verursacht hätte? Wohl eher nicht, oder?
Unsere Welt wird sicher besser, wenn wir der ersten Selbsttäuschung noch eine zweite hinzufügen und so weiter leben wie bisher?
Vielleicht hatte Johann Wolfgang von Goethe Alexander von Humboldt von den Ergebnissen seines Nachdenkens gar nichts mitgeteilt? Nehmen wir die Erkenntnisse beider Männer zusammen, werden wir wohl davon ausgehen müssen, dass 12.00 Uhr bezüglich der irreversiblen Schädigung unserer Umwelt offenbar schon mindestens vor 200 Jahren war. Und da kommen ja nicht nur das CO2 und der Klimawandel in Betracht. Das dürfte wohl nur eine stark vereinfachte, eben eine wissenschaftliche Betrachtungsweise sein. Der Schaden wird wohl viel komplexer und eben bereits vor 200 Jahren irreversibel gewesen sein. Dann müssten wir heute an diese Tatsachen mit einem ganz anderen Ansatz herangehen? Jetzt sind nicht nur unser Weltbild, sondern auch unser Menschenbild und falls es so etwas gibt, auch unser Gottesbild gefragt.
Zu all diesen Fragen haben sich aber weder Alexander von Humboldt noch Frau Wulf geäussert. Darüber nachdenken müssen wir selbst.
4.
Fritz Baade: Der Wettlauf zum Jahre 2000
Union Verlag Berlin, 1960 oder spätere Auflagen
Meines Wissens bekommen Sie das Buch nur antiquarisch. Ich habe es Ende der 1960iger Jahre gelesen und erinnerte mich im letzten Jahr seiner. Über das ZVAB (Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher) konnte ich es in Deutschland sehr leicht und preiswert bestellen und mir zuschicken lassen.
Fritz Baade erklärt die Aussichten der Menschheit aus wissenschaftlicher Sicht Ende der 1950iger Jahre bis zum Jahr 2000. Damals lag das Jahr 2000 noch so weit weg. Würde es uns Menschen im Jahr 2000 noch geben? Unter welchen Bedingungen würden wir dann leben? Chancen (und Risiken) der gemeinsamen Anstrengungen für die Schaffung einer besseren Welt.
Er war diesbezüglich sehr optimistisch. War das der Optimismus eines Nachkriegsneuanfangs? Saurer Regen, CO2 und Klimawandel und andere Gefahren und Krisen waren offenbar selbst in der Wissenschaft noch kein Thema, als Idee vielleicht noch nicht einmal geboren? Vergleichen wir die Ansichten von damals und unsere Ansichten von heute. Die Wissenschaftler von damals glaubten genauso wie unsere Wissenschaftler heute, zu wissen, wie die Welt funktioniert. Sie mussten und müssen nur das Puzzle zusammensetzen, um das Bild komplett zu machen und dann wird alles gut. Welche Anteile unserer von uns als Wissen geglaubten Ansichten werden sich in 60 Jahren als falsch, als Halbwahrheit oder doch als realitätsnah erwiesen haben?
Würden Sie heute noch seinen Optimismus teilen?
Es ist leicht zu lesen. Ein Einblick in uns fremde, frühere Denkweisen, die uns manche heute bestehenden Verhältnisse leichter verstehen und einordnen lassen.
5.
Jaroslav Hasek: Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk
Volmedia GmbH, Paderborn, ISBN 3-938478-00-4
Es ist ein etwas eigenartiges Buch. Jaroslav Hasek führt uns im Alter von knapp 40 Jahren (und trotzdem ist es sein letztes Buch, dass er nicht einmal mehr vollenden kann, weil er früh stirbt) in die Welt des ersten Weltkrieges im Osten Europas. Wir erleben Kriegswirren, die Welt der Soldaten, aber auch der Zivilisten, der Männer und Frauen, der Bürokratie, des Militärs … Leben eben, so wie es vielleicht war? Wenn es so war, dann ist es mir fremd und erscheint oft dumm, gewollt und überzeichnet von Herrn Hasek oder tatsächlich so? Ich habe damals nicht gelebt. Ich kann es nicht beurteilen.
Die Realität war offenbar schon immer schwierig zu ertragen. Eigentlich ist unsere Realität heute wahrscheinlich so viel bequemer und leichter, dass wir sie mit Leichtigkeit ertragen können müssten. Warum kämpfen wir dann noch immer für Freiheit, Gleichberechtigung, Toleranz, gegen die Armut, für Wohlstand, kurz für alles Mögliche und eine bessere Welt? Haben wir sie nicht eigentlich längst erreicht, vielleicht unbemerkt schon wieder hinter uns gelassen?
Was mir auffiel, war die Häufung von Glücksspiel unter den Männern. Offenbar war das selbst Erarbeiten des Wohlstands, den man sich wünschte, extrem schwer, ermüdend, erschöpfend und wenig erfolgreich. Glück im Spiel wäre da doch eine willkommene Lösung?
Immer wieder erleben wir das Glücksspiel mit und einmal, etwa nach dem ersten Drittel des Buches erleben wir eine Männerrunde, die das Glücksspiel auf die Spitze treibt. Es werden nicht nur alle Einkünfte, alles besessene Geld, sondern der eigene Besitz, die eigenen Bediensteten und jede Menge Darlehen verwettet. Nur, das Glück kommt nicht. Was passiert dann?
Es ist eine Entwicklung, die mich sehr an unsere heutigen Börsen erinnert. Die Börsen sind ja eine besondere Form von Glücksspiel. Wir glauben, gegen das Glück (gar nicht wissend, wer oder was das Glück ist oder bestimmt) zu spielen und hoffen und wünschen uns, dass es uns doch wenigstens zu etwas mehr als 50 % der Spiele ein Plus bringt. Dann bliebe am Ende ein Plus übrig und wenn wir lange, lange, lange spielten, dann würde das auch ein grosses Plus geben, eins, das uns und unserer Familie zu Wohlstand und einem leichten Leben verhilft. Glück, das wäre es doch, oder?
In unserer Realität spielen aber die grossen Finanzhäuser und Finanzverwalter gegeneinander und gegen Staaten, zu denen wir ja auch alle gehören. Da gibt es ja keine evolutionäre oder natürliche oder göttliche oder überirdische Bank. Es wird gegeneinander gespielt und des Einen Glück ist des Anderen Pech. Und es gibt Gründe, annehmen zu müssen, dass das Glück in aller Regel mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit als 50 % kommt. Das ist ja Pech! Dann ist Glücksspiel gar kein Glücksspiel, sondern Pechspiel? Es merkt nur gar Keiner? Doch, die Männer in dem Buch haben es gemerkt, immer und immer wieder und wurden trotzdem nicht schlauer.
Wie es ausgeht, lesen Sie im Buch. Wie es in unserem Weltgeschehen ausgehen wird, werden wir oder unsere Kinder erleben. Ich fürchte, es könnte dem damaligen Geschehen sehr ähnlich sein. Nur damals war es eine Runde von Männern, von Spielern in einem Ort. Heute geschieht das Spiel in allem Ernst vernetzt über die ganze Welt. Ob unsere Akteure heute wohl schlauer sind oder wenn schon nicht sind, dann hoffentlich werden? Ob das wohl den Führern der führenden Geldinstitute der Welt, wie Herrn Larry Fink oder Herrn Sergio Ermotti oder den Führern der amerikanischen führenden Banken und Vermögensverwalter und Anderen als mögliche Entwicklung klar ist? Und falls dieses System tatsächlich ähnlich enden sollte, wer sollte den Schutt hinterher wegräumen und den darum herum lebenden Menschen wieder eine Möglichkeit zum Leben eröffnen? Ob das wohl den Finanzministerinnen und Finanzministern wie Frau Karin Keller-Suter und den anderen der führenden Finanzländer sowie den Führererinnen und Führern der National- und Internationalbanken, wie Frau Christine Lagarde und Jerome Powell und anderen bewusst ist? Wir Männer müssen unsere selbst eingebrockte Suppe auslöffeln. Leider müssen es die Frauen und sogar die Kinder mit und die nun in Führungspositionen steckenden Frauen erst Recht.
6.
Johann Wolfgang von Goethe: Faust – Der Tragödie Erster und Zweiter Teil
Im Himmel singen die Engel. Der Herr ist da und auch Mephistopheles, der Teufel.
Mephistopheles erklärt dem Herrn, das Leben der Menschen auf Erden sei so erbärmlich.
Der Herr fragt, ob er Faust kenne, seinen treuen Diener.
Da fragt Mephistopheles, ob er ihn verführen dürfe und der Herr gestattet es ihm solange Faust auf Erden sei.
Mephistopheles äussert sich ganz sicher, dass er Erfolg damit haben werde.
Faust zieht los, Geister beschwörend, Ostern erlebend, das Leben der jungen Leute, der Bauern...
Über Gott und die Welt nachdenkend kommt er immer wieder zu der Erkenntnis seiner erkennenden und geistigen Begrenztheit. Das Volk, das sich um Erkenntnis und Wissen nicht kümmert, sondern in viel Arbeit und seltenem Vergnügen lebt, erlebt er als glücklicher als sich selbst.
Der Teufel besucht Faust in seinem Studierzimmer. Er bietet sich Faust als Diener an und Faust willigt in den Pakt ein: „ Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch! du bist so schön! Dann magst du mich in Fesseln schlagen, Dann will ich gern zugrunde gehn!“ (Ob Faust überlegt hat, was er das sagt?)
Nun führt der Teufel Faust durchs Land und zeigt ihm lustige Gesellen in Auerbachs Keller in Leipzig. Der Teufel lässt Wein aus einem Tisch sprudeln. Verwirrung, Schlägerei. Eine Hexenküche.
Faust lässt sich vom Teufel Grete verführen und sich mit ihr verkuppeln.
Grete verliebt sich grenzenlos in Faust und verzweifelt doch an dieser teuflischen Beziehung.
Der Teufel verführt Faust Gretes Bruder beim Fechtkampf zu töten. Gretchens Mutter und frisch geborenes Kind kommen um. Sie wird wahnsinnig. Sie wird als Verbrecherin in den Kerker geworfen.
Der Teufel und Faust fliegen zu den Hexen an Walpurgis in den Harz.
Zurückgekehrt will Faust Gretchen aus dem Kerker retten. Ob er sie liebt, weiss ich nicht. Es ist wohl eher Mitleid? Der Teufel besorgt Schlüssel für den Kerker und die Ketten, aber Gretchen weiss um ihre Schuld, erkennt den Geliebten, aber empfindet seine Gefühlskälte und empfindet die Nähe des Teufels. Sie lässt sich nicht retten. Faust verlässt sie mit dem Teufel. Das Ende ist eine Stimme aus dem Himmel, dass sie trotz ihres schlimmen Endes gerettet ist.
Im zweiten Teil der Tragödie führt Mephistopheles ihn an den Hof des Kaisers, noch einmal nach Walpurgis und in die griechische Götterwelt. Am Ende wird auch Faust dem Teufel entrissen und er beugt sich Gott und wird gerettet.
Eigentlich wollte ich Ihnen empfehlen, Faust selbst zu lesen. Aber da wird es für uns komplizierter. Da treffen wir auf die neue Dimension, die der Zeit, die der Geschichte. Die griechische Götterwelt ist uns fremd, ist auch mir fremd. Ich habe keine Ahnung, was es uns heute nutzen sollte, sie zu kennen und zu verstehen und womöglich in ihr zu leben. Sie ist eben weit zurückliegende Geschichte einer anderen Zeit. Den zweiten Teil der Tragödie zu lesen, kann ich Ihnen daher nicht empfehlen. Meines Erachtens ist es schlichtweg nutzlos, vertane Zeit. Die Nachricht, dass es mit Faust bei Mephistopheles böse endet und es der Befreiung durch Gott bedarf, kann und soll uns reichen.
Beim ersten Teil tauchen wir ein in eine uns auch fremde Welt, aber sie ist nur 200 bis 300 Jahre zurückliegend. Die Handlung ist eingebettet in eine Vorstellung, entlehnt aus Bildern des Christentums. Faust studiert wie Wissenschaftler es tun, aber er erlebt auch menschliches Leben und er nimmt auch seine eigenen Begrenzungen wahr und macht Bekanntschaft mit dem Bösen.
Bei Johann Wolfgang von Goethe erlebt Faust die ganze Bandbreite des Lebens und wird vom Leben (und dem Teufel) geradezu überrumpelt. Dieser Fülle von Eindrücken, Gefühlen, Erkenntnissen wird er nicht Herr, sondern diese Fülle beherrscht ihn, vom Teufel ganz zu schweigen.
Nun ist für uns heute der Teufel ja keine reale Figur mehr. In unserem Weltbild gibt es ihn gar nicht. In Johann Wolfgang von Goethes Weltbild gab es ihn noch. Wir heute erleben das Böse nur in den anderen Menschen, in uns selbst natürlich nicht. Wir sind ja gut, die Guten.
Seit der Zeit von Johann Wolfgang von Goethe und Alexander von Humboldt (beide waren ja Zeitgenossen und kannten sich und waren wohl auch befreundet, auch wenn sie sich nicht oft sahen) hat die Wissenschaft eine Wandlung durchgemacht. Die Wahrnehmung mit den Sinnen (sehen, hören, riechen, fühlen und daraus abgeleitet messen) führte dazu, dass nur noch immanente, sinnlich wahrnehmbare oder messbare Information als „wissenschaftlich“ angesehen wurde und wird und es entstand auch ein rein immanentes Weltbild. Natürlich gibt es dann in diesem Weltbild keinen Gott und keinen Teufel mehr. In unserem Weltbild wird selbst das ganze Universum immanent, also messbar mit unseren Sinnen und so können Wissenschaftler grenzenlos Vorstellungen entwickeln, die sie überhaupt nicht praktisch überprüfen können, denn messen Sie mal real im Kosmos. Wissenschaft verliert sich in weiten Teilen in von uns Menschen gedachter Theorie und verliert so die Nähe zur Realität. In einer solchen wissenschaftlichen Theorie gibt es kein Böses, kein Minus mehr, sondern alles wird nur noch gut. Wir machen es gut und sogar noch besser. Schaun Sie mal um sich, wie gut alles geworden ist. Im Raum der ehemals christlichen weissen Rasse sah es für ungefähr zweihundert Jahre so aus, als könnten wir Menschen alles gut machen und das, obwohl wir im 20. Jahrhundert christlicher Zeitrechnung zwei furchtbare Weltkriege erlebt haben. Vielleicht täuschen wir uns nur selbst?
Nein, dieses Weltbild, das wir da seit den beiden grossen Männern entwickelt haben, ist sehr eingeengt und damit nicht realitätsnah. Wir müssen unser Weltbild wieder öffnen für die Transzendenz, für die Erkenntnis und Anerkenntnis unserer eigenen Grenzen und ich fürchte, wir werden auch wieder wie Gretchen und ganz am Ende Faust uns beugen müssen als Verlorene. Retten kann uns nur Gott. Johann Wolfgang von Goethe vergass dann allerdings Jesus Christus.
So ist es vielleicht doch nicht ganz verkehrt, wenn man sich „Der Tragödie erster Teil“ doch einmal widmet?
7.
Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes.
Es erschien zunächst in 2 Bänden 1918 und 1922 und wurde 1923 von ihm noch einmal etwas aktualisiert.
Das Buch wird in seiner Titelaussage immer wieder mal zur Unterstützung bestimmter eigener Positionen erwähnt. Auch ich tat das, bis ich es tatsächlich mal gelesen habe, über 1400 Seiten. Der Sinn des Titels könnte aber realitätsnah sein.
Das Buch kann man heute gar nicht lesen. Es ist inzwischen mehr als 100 Jahre alt. Die Denkweise, viele Begriffe und Hinweise sind entsprechend unserem heutigen Denken veraltet, werden inzwischen anders genutzt oder sind uns (jedenfalls mir) weitgehend unbekannt. Ob seine Ansichten damals oder unsere heute der Realität näher sind, wissen wir ja gar nicht. Wenn man also verstehen wollte, was Herr Spengler wirklich sagen wollte, dann ist das sehr mühevoll und zeitaufwändig.
Herr Spengler denkt in langen Zeiträumen, ungefähr in den letzten 3000 Jahren und erdumspannend. Er vergleicht verschiedene Kulturen und Denkweisen, vergangene, wie die Antike mit noch existierenden wie der chinesischen noch vor der Kulturrevolution und der neuzeitlichen in Europa und Amerika und andere. Er findet gewisse Strukturen, die in den meisten Kulturen in ähnlicher Weise wiederzufinden sind. Das ist interessant.
Herr Spengler kennt den Unterschied zwischen Sein und Schein. Genauso wie wir, ist er wahrscheinlich teilweise nicht in der Lage, zwischen beiden zu unterscheiden. Das zu lernen, ist eine Lebensaufgabe und gelingt uns bisher nur sehr bruchstückhaft.
Für ihn ist die Entwicklung des Menschen in diesen 3000 Jahren eine vom primitiven (Menschen) zum höherstehenden, kulturell sehr aktiven und gebildeten, ja zivilisierten und die Natur zunehmend beherrschenden Menschen. Seine Sichtweise endet natürlich unmittelbar mit dem Ende des ersten Weltkrieges. Den deutschen Nationalsozialismus gab es noch nicht und damit auch keinen zweiten Weltkrieg. Seine Ansichten könnten gut mit dazu beigetragen haben, das nationalsozialistische Weltbild zu untermauern. Aber sind wir heute nicht auch davon überzeugt, dass wir die besseren, gebildeteren, zivilisierteren Menschen sind, als die damals es waren? Den Nationalsozialismus wollen wir zwar nicht wieder haben, aber die zugrunde liegende Denkweise teilen wir unbewusst und sehr überzeugt.
Interessant ist der grosse Unterschied zwischen seinem Denken und meinem Denken und sicher auch unserem Denken heute. Was einhundert Jahre doch so ausmachen. Anderes sieht er schon damals unter ganz anderen Umständen genauso, wie wir (bzw. ich) heute. Es ist schier unmöglich, festzustellen, wessen Ansichten näher zum tatsächlichen Ablauf der Geschichte in damaligen Epochen und heute liegen könnten. Es fehlt mir (uns?) einfach das Wissen, das Empfinden und die Denkweise der damals lebenden Menschen. Alles, was wir heute glauben, zu wissen, kann nur unsere persönliche Interpretation von Informationen auf dem Hintergrund unserer Vorurteile sein. Wie es wirklich war und ist, ist mir (uns?) verborgen.
Wer sich die Mühe machen will, einmal zu verstehen, warum die Realität, in der wir leben und unser Wunschdenken so verschieden sind, dass wir eine Enttäuschung nach der anderen erleben, der kann es wagen. Je weiter man vordringt, desto näher unserem Denken wird es und je verständlicher.
8.
Daron Acemoglu und James A. Robinson: Warum Nationen scheitern. Die Ursprünge von Macht, Wohlstand und Armut
Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter, Fischer Taschenbuch, 4. Auflage, 2017, amerikanische Originalausgabe 2012
Das Buch bekam ich zufällig in die Hand. Wie so viele Bücher und Veröffentlichungen heute, beschreibt es in vielen Facetten und Beispielen die Teufelskreise menschlichen Lebens und Handelns, die zu verbreiteter Armut und konzentriertem Reichtum führen. Das ist sehr interessant und informativ geschrieben. Man kann es gut lesen und hat noch ein paar mehr Beispiele dafür, was auf unserer Welt so schlecht funktioniert, weil die Anderen einfach nicht in der Lage sind oder es auch gar nicht wollen: Alles so zu machen, wie wir uns das denken, denn dann würde doch alles so gut, oder?
Dann aber kommen als Gegensatz zu den Teufelskreisen die Tugendkreise. Bei uns, bei den zumindest in Wohlstand Lebenden oder sogar Reichen funktioniert doch alles so viel besser, weil wir das Leben und den Markt, die Wirtschaft und die Demokratie so viel besser organisieren und handhaben. Wenn ich aber die Tugendkreise durchdenke und hinterfrage, dann stellt sich mir die Frage, ob sie nicht langfristig doch auch zu Teufelskreisen werden, denn aller unserer Wohlstand oder gar Reichtum muss ja irgendwo erzeugt werden, also irgendwo Verlust einbringen. Unsere Gewinne und unser Wohlstand wachsen nicht auf den Bäumen. Unsere reichen und gut organisierten Demokratien und deren Wirtschaft konnten nur Dank billiger Rohstoffe, billiger Energie, billiger Arbeitskräfte wohlhabend werden, denn dort entstanden durch „billig“ die Verluste oder auch etwas fieser benannt, die Ausbeutung, während bei uns die Gewinne sprudelten. Mit dem reicher und stärker werdenden China und den selbstbewusster handelnden anderen ärmeren Staaten oder Entwicklungsländern, soweit man sie überhaupt als „Staaten“ bezeichnen kann, werden die Möglichkeiten geringer und weniger, Verluste zu verstecken, die bei uns als Gewinne sprudeln. Wir sind mitten drin in der Entwicklung, die zwar unsere Wünsche hat unermesslich sprudeln lassen, aber die Möglichkeiten, Gewinne zu machen und damit unsere Wünsche zu erfüllen, immer weiter reduziert. Unser Wohlstand oder gar Reichtum basieren nach heutiger Wirtschaftsstruktur aber auf Gewinnen. Sonst gibt es sie nur im Märchen.
Damit wir aber ohne die Verluste bei den Anderen, also ohne Ausbeutung doch noch Gewinne machen können, gibt es seit Bretton-Woods 1971 die wunderbare Möglichkeit als National- oder Internationalbank sich einfach Geld zu denken und das zu verteilen, damit Gewinne entstehen. Dass das mit hoher Wahrscheinlichkeit nur ein Verschieben der Verluste in das Leben unserer Kinder und Kindeskinder ist und wir auf deren Kosten Gewinne machen, ist uns ja gar nicht klar. Bloss gut, dass wir es mit der Moral nicht so sehr haben. Sonst müssten wir nämlich arm bleiben, damit unter Anderen unsere Kinder nicht so ausgebeutet werden.
Obwohl sicher auch meine Ansicht die Realität nicht voll wiedergibt, den Optimismus der Autoren, dass alles gut würde, wenn wir doch nur nach ihrer Theorie handelten, kann ich nicht teilen. Leider!
9.
Albert Einstein: Mein Weltbild Ullstein Materialien Nr. 35024,
ISBN 3 548 35024 0. herausgegeben 1980 von Carl Seelig
Ein hoch interessantes Buch. Einer der bekanntesten und bedeutendsten Wissenschaftler des 20. Jahrhunderts beschreibt sein Weltbild. Das ist ja etwas, was wir alle gar nicht tun, unser eigenes Weltbild hinterfragen, es überhaupt schon mal definieren, beschreiben, in Worte fassen. Wir besitzen alle ein Weltbild wie ein Vorurteil und urteilen damit über alle möglichen Dinge und Vorgänge und wissen gar nicht, wie realitätsnah oder realitätsfern wir urteilen. Seit dem 3. Lebensjahr haben wir Recht, egal welches Weltbild wir haben und ein Sensor für unsere eigene Dummheit ist allenfalls rudimentär vorhanden.
Zunächst lesen wir da, wie er die Welt sieht. Er beschreibt seine Sicht der Politik und des Pazifismus. Er lebte vor und im Nationalsozialismus und hatte dazu Ansichten. Da er Jude war, beschreibt er auch jüdische Angelegenheiten.
Im zweiten Teil bzw. letzten Kapitel beschreibt er wissenschaftliche Theorien und Ergebnisse aus seiner Sicht.
Zu Beginn seiner Ende der 1920iger Jahre geschriebenen Ansichten über die jüdischen Angelegenheiten legt er seine Ansicht dar, wie Juden und Araber in Palästina friedlich und zur Freude beider Völker miteinander zusammen leben können und werden. Er hält beide Völker für so klug, dass sie friedlich zusammen leben werden. Ich kann kaum Zweifel an dieser Voraussage bei ihm erkennen. Die ersten jüdischen Siedler sind zu dieser Zeit in Palästina gerade erst sesshaft geworden.
Wenn wir heute, etwa hundert Jahre später, die tatsächlich abgelaufene Geschichte zwischen den beiden Völkern ansehen, dann ist nahezu genau das Gegenteil eingetroffen. Nichts, aber auch nichts der Vorausschau von Herrn Albert Einstein ist eingetroffen. Der gebildete und intensiv forschende Mann irrt sich vollständig über die Zukunft beider Völker, damit auch seines eigenen Volkes. Seine Ansichten waren völlige Illusionen (im Nachhinein betrachtet).
Ohne jetzt irgendwie rassistisch (eigentlich ja völkisch) trennen zu wollen, fiel mir auf, dass wir noch etliche namhafte Juden in Wissenschaft, Gesellschaft, Bildung und Kunst haben, an deren Ansichten wir uns noch heute gesellschaftspolitisch abarbeiten und unter ihnen wohl eher leiden als sie geniessen. Da wäre sicher Herr Karl Marx zu nennen. Bei genauerem Hinschauen gibt es noch eine Reihe weiterer (meist) Männer zu nennen. Könnte es dafür Gründe in der jüdischen Religion und Kultur geben? Allerdings finden wir solche Männer auch in anderen Völkern, inzwischen sogar Frauen.
Zu Beginn seiner Abhandlung über wissenschaftliche Themen umreisst er Prinzipien der wissenschaftlichen Arbeit. Der realen Natur werden Prinzipien „abgelauscht“, die dann scharf formuliert deduktiv zu Schlussfolgerung um Schlussfolgerung führen. So werden Theorien entwickelt, mit denen Realität dann auch in anderen Bereichen beschrieben und vorhergesagt werden kann und soll.
Er selbst war im wesentlichen theoretischer Physiker (und Mathematiker, denn Einer kommt nicht ohne den Anderen aus). Hier übernimmt er das alte Vorurteil der Griechen, dass die Welt nach Prinzipien aufgebaut sei und ablaufe und dass diese Prinzipien überall (unendlich) und zu jeder Zeit (ewig rückwärts und vorwärts) und zu jeder Gelegenheit so gelten. „Immer“ und „nie“ sind aber in unendlichen Räumen oder Zeiten oder Aufteilungen oder anderen Gelegenheiten nicht wissenschaftlich überprüfbar. Das glaubten die alten Griechen und Herr Albert Einstein und auch wir haben diesen Glauben, dieses Vorurteil, einfach übernommen. „Wissenschaftlich“ ist das nicht. Das ist eher ein Zeichen für unser „unwissenschftliches“ Forschen, Leben, Denken und Arbeiten.
Und nun führt er durch die damalige Wissenschaft und erklärt Theorien und Ansichten, die ich mit meinem niedrigen Bildungsstand natürlich nicht ausreichend verstehe.
Mir stellt sich nun die Frage: Könnte es sein, dass unsere wissenschaftlichen Theorien und Schlussfolgerungen neu gedacht und erforscht werden müssten, wenn wir diesen Glauben an die Allgemeingültigkeit der Prinzipien aufgeben würden und es schlicht offen lassen würden, ob es Naturgesetze und allgemeingültige Prinzipien überhaupt gibt? Wir sind ja als Menschen in unserer Forschertätigkeit durch die Unfähigkeit begrenzt, unsichtbare Grenzen im Sinne eines Horizontes zu erkennen, zu definieren und nicht zu überschreiten. Wenn wir sie überschreiten, befinden wir uns in der reinen Theorie, jenseits unseres Horizontes der wissenschaftlichen Überprüfungsmöglichkeiten. Die Theoretiker werden dort erst richtig wach und aktiv, aber es fehlt ihnen der Realitätsbezug, ohne dass sie das merken. Ob er wohl die Relativität seiner Relativitätstheorie und anderen Theorien wahrgenommen hat? Ich bin nicht sicher, dass ich Hinweise bei ihm darauf fand.
Die Wissenschaftler selbst bezeichnen ihre Theorien ja ganz realistisch und zutreffend als „Theorien“. Aber mit dem Vorgang des weitere Schlussfolgerungen Suchens und Ziehens, machen sie sie zur Basis für neues. Mit diesem Vorgang halten wir sie für Realität, für richtig, für Grundlage, auf der wir aufbauen können und Schlussfolgerungen ableiten können. Mit diesem Vorgang halten wir die Theorien für Realität und unsere Techniker benutzen diese Theorien wie Realität. Uns ist die Trennung zwischen Theorie und Praxis abhanden gekommen. Wir machen einfach weiter und merken gar nicht, dass wir die Grenzlinie längst passiert haben und nur noch in Theorien schwelgen ohne jede Realität. Die zunehmenden Leistungen unserer Rechner (Computer) ermöglichen uns immer weiteres Vordringen in realitätslose Theorien. Das Märchen wird ein (böses?) Ende haben.
Jetzt würde die Diskussion mit Herrn Einstein erst richtig spannend. Leider ist er tot.
Da erinnere ich mich an Herrn Oswald Spengler mit dem „Untergang des Abendlandes“. Beide haben einander gekannt und von einander gewusst. Beim Wissenschaftler Albert Einstein ist heute schon klar, dass er mindestens teilweise, aber an lebenswichtigen Stellen, heftig geirrt hat, also einfach Illusionen anhing. Bei Herrn Oswald Spengler ist die Geschichte der Menschheit noch nicht so weit, aber es spricht inzwischen mehr und mehr dafür, dass er realitätsnäher geurteilt hat. Warten wir es ab. Unser Leben in der realen Geschichte ist spannend.
10.
Frau Altbundeskanzlerin Dr. rer. nat. Angela Merkel: Freiheit. Kiepenheuer & Witsch, Köln, 2024.
Ein interessantes Leben und 16 Jahre Kanzlerschaft in Deutschland. Da kommt schon eine Menge lesenswertes zusammen. Wer einmal Politikbetrieb in seiner Fülle und Dichte erahnen will, findet hier eine gute Beschreibung. Dabei müssen wir ja bedenken, das allenfalls 1-2 % davon beschrieben sein können.
„Wir schaffen das!“ Als die Bundeskanzlerin, Frau Dr. Merkel diesen Satz damals gesagt hat, habe ich gedacht: Ja, da nimmt sie wenigstens die Herausforderung an und das ist vorbildlich. Ihr müssen wir nacheifern und helfen, dass das gelingt. Dabei waren meine Frau und ich damals schon in der Schweiz und gar nicht mehr in Deutschland. Aus der Ferne kann man grosse Sprüche kloppen. Die Arbeit haben die vielen Deutschen geleistet und auch in der Schweiz ist diesbezüglich viel geleistet worden, ohne dass wir wirklich viel dazu beigetragen haben.
Wir müssen allerdings sagen, dass das nur die eine Seite des Problems ist. Da gibt es nicht nur eine zweite, sondern noch viel mehr Seiten zu bedenken. Es war ein Fehler, dass wir Europäer und Amerikaner und Verbündete Weltpolizei gespielt haben und spielen müssen, die einen ganz körperlich (die Amerikaner mit ihren Soldaten und Waffen), die anderen überwiegend mit einer grossen Klappe (wir Europäer). Damit haben wir natürlich in so manchem Land erst den Unfrieden verursacht, der uns dann die Massen von Flüchtlingen einbrachte. Vorher waren die nicht schon alle zu uns unterwegs. Das haben wir uns selbst zuzuschreiben. Es stellt sich aber auch die Frage, warum Bevölkerungsgruppen in anderen Ländern nicht Frieden untereinander halten können oder wollen, keine Menschenrechte oder -würde wertschätzen. Aber ist das in unserer, der westlichen Welt, wirklich so anders? Der Traum vom europäischen Haus in den 1990iger Jahren, in dem alle Völker friedlich zusammen wohnen, jedes in seiner Wohnung, in seinen Grenzen? Traum. Auch unsere Realität sieht anders aus.
Die Proklamation von Menschenrechten vor mehr als 100 Jahren war natürlich ein Meilenstein. Wir müssen uns nur klar machen, dass, wenn Einer ein Recht bekommt, ein Anderer oder sogar viele Andere das Recht auch gewähren müssen, also dafür einstehen müssen, die Kosten aller Art dafür übernehmen müssen. Da wir Menschen recht begrenzt in unseren Möglichkeiten, Fähigkeiten und selbst in unserem Denken sind (ganz entgegen unserer Selbstwahrnehmung sogar bei denen, die sich für „gebildet“ halten), können wir nicht unbegrenzt Rechte gewähren. Da war natürlich die Einrichtung von Dreiecksstrukturen wie dem Staat, Versicherungen, Stiftungen, Banken und anderen mehr sehr willkommen, weil sie uns suggerierten, dass die das jetzt alles an unserer Stelle leisten könnten und dass wir uns nun ausruhen könnten und all die Rechte verteilen und in Anspruch nehmen könnten. Das funktioniert nur gar nicht. Dafür gibt es Gründe, die ich an anderer Stelle aufgearbeitet habe. Wir scheitern selbst mit dem Gewähren dieser Rechte und das sollte uns die jüngere Geschichte nun gelehrt haben, dass wir nicht so grosszügig mit dem Gewähren von Rechten sein dürfen, denn die werden im Handumdrehen zu unseren Pflichten. So einfach mal Rechte vergeben und uns selber nehmen möchten wir zwar und das wäre schön, aber es geht nicht. Es glaubt zwar Jeder von sich, dass er wüsste, wo seine Grenzen liegen, aber das ist eine Selbsttäuschung. Unsere Grenzen sind viel enger, als uns lieb ist und das auch wieder an vielen Stellen zugleich.
Da ist z.B. die Wissenschaft, eines der Lieblingsthemen von Frau Dr. Merkel. Wir haben heute sehr viel theoretische Forschung. Da werden dann Theorien und Formeln, Tabellen, Wenn-danns etc. konstruiert und immer weiter gedacht und inzwischen mit Supercomputern immer weiter gerechnet. Nur wir müssen uns natürlich klar machen, dass unsere Theorien und die Realität zwei völlig getrennte Bereiche unseres Lebens sind. Theoretische Forschung müssen wir an der Realität überprüfen auf ihren praktischen Informationsgehalt und Nutzen in unserem Leben, auf die Übereinstimmung mit analogen Strukturen. Das verursacht eine unsichtbare Grenze im Nebel, die dazu führt, dass ich einen enormen Anteil an Forschung inzwischen für Theorie ohne Praxisbezug halte, weitgehend nutzlos für uns Menschen, aber sehr kostenintensiv für die jungen Menschen, die später unsere dafür aufgenommenen Staatsschulden bezahlen sollen und gar nicht können und auch nicht wollen. Den Irrtum werden sie, vielleicht und dann sicher gerechter Weise, sogar noch wir ausbaden. In der Theorie können wir vieles logisch glatt herleiten, beschreiben und dann auch ein „Cum laude“ dafür bekommen.
Ich habe als Kontrast dazu eine Dr. Arbeit im Labor gemacht, habe gemessen und messen lassen und natürlich Messergebnisse auch berechnen lassen. Nach drei Jahren wurde eigentlich klar, dass man damit gar nichts richtig anfangen kann. In der Realität (noch dazu an lebenden Subjekten wie Menschen) ist die Unterschiedlichkeit der gemessenen (in diesem Fall dann) Objekte so gross, dass wir oft nicht so einfach Regeln oder sogar Gesetze, Normalität (was ist normal?), Formeln etc. daraus ablesen können. Je weniger Respekt wir vor der Realität haben, desto eher kommen dann Wissenschaftler daher und interpolieren dann und finden alle möglichen Tricks und nennen uns Regeln und Formeln (deklarieren das meist auch noch als ihr „Wissen“), deren Realitätsnähe aber mehr oder weniger fraglich ist. Wer Respekt hat vor der Realität, kommt dann mit einer „leeren“ Doktorarbeit zur Prüfung. Auch das ist eine Erfahrung aus der Wissenschaft immer wieder: Von den öffentlich mit viel Geld geförderten Studien, bei denen man grosse Hoffnungen hatte, werden nur die Ergebnisse eines Teiles der Studien veröffentlicht, weil bei all denen, wo nichts verwertbares herauskommt, sich keiner mehr die Mühe machen will, das Fehlen von Ergebnissen auch noch zu veröffentlichen. Das ist dann doch sinnlose Arbeit? Oder wäre es sinnvoll, eben die auch zu publizieren? Wir hätten plötzlich einen ganz anderen Eindruck von „Wissenschaft“? Mir hat man den Titel damals erst im zweiten Anlauf gegeben, weil da eben kaum verwertbares dabei war. Wer hat nun realitätsnäher „Wissenschaft“ betrieben? (Ich kenne die Dissertation von Frau Dr. Merkel nicht. Ich würde sie sicher auch nicht verstehen. Es geht nicht darum, Frau Dr. Merkels Fähigkeiten anzuzweifeln, sondern eine grundsätzliche Diskrepanz in unserem Denken und Handeln zur Realität offenzulegen. Vielen Wissenschaftlern ist die nicht bewusst und noch weniger den vielen Wissenschaftsgläubigen, die die Ergebnisse nutzen, aber von Wissenschaft gar nichts verstehen.)
Wir Menschen können uns nicht selbst an unseren eigenen Haaren aus dem Sumpf der Realität ziehen. So, wie wir Neuzeitmenschen heute glauben, gibt es keine Geister, keinen Gott, keine Mächte ausser uns Menschen. Dann müssen wir also alles selbst erarbeiten, was wir geniessen wollen. Selbst die Dreiecksstrukturen helfen uns nicht, denn am Ende der Reihe sind doch wieder wir Menschen die Betroffenen, am Anfang beim Erarbeiten und am Ende beim Geniessen auch. Beides können wir selten zugleich und durch die Begrenzung unseres Tages auf 24 Stunden, bestehen da unglücklicherweise recht enge Grenzen. Diese Begrenzung können wir nicht entfernen. Da hilft uns auch die Wissenschaft nicht und selbst die nicht vorhandene „künstliche Intelligenz“ nicht, denn „Intelligenz“ ist an lebende biologische Strukturen gebunden. Ich zweifle eher an unserer menschlichen Intelligenz. Aber woran wollten wir messen, was „Intelligenz“ oder „intelligent“ist in der sich evolutionär entwickelnden Natur oder der Schöpfung eines lebenden Gottes?
Die Parade als Altkanzlerin im Januar 2025 gegen die Ansichten des CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz ist aus der Sicht der Menschenrechte und der selbst erstellten Definition von menschlicher „Würde“, die wir alle haben wollen und Frau Dr. Merkel auch allen geben will, völlig richtig und unterstützenswert. Da kann ich uneingeschränkt zustimmen. Wir werden aber in der Realität doch einsehen müssen, dass wir Bürger, die damit auf viele eigene Rechte zugunsten der Immigranten verzichten müssen, nur begrenzte Ressourcen haben und das gar nicht alles leisten können und wollen. Wir wollen doch selbst unsere Rechte und Errungenschaften geniessen. Stimmen wir dem nicht zu? Wenn wir es nicht mündlich oder schriftlich tun, dann aber doch durch unsere Lebens- und Entscheidensweise, durch unseren eigenen Einfluss in der Realität. Beides zusammen geht offenbar in der Realität gar nicht? Stimmt unsere Mathematik gar nicht: 2+2=4? Damit würde doch alles besser, exponentiell besser? In unserer menschlichen Realität müssen wir damit leben, dass 2+2 nicht nur 4 ist, sondern auch 0, nämlich an der Stelle, wo wir die zweiten 2 weggenommen haben. Das ändert alles! Nichts mit „besser“! „Besser“ geht in der Theorie.
Das Buch ist durch und durch eine Rechtfertigung des eigenen Handelns. Klar, gab es ein paar Fehler und entgegen der meisten männlichen Politiker hat sie sich sogar entschuldigt (Hut ab!), aber das ändert ja nichts an dem Grundsatz: „So, wie ich es gemacht habe, war es richtig! Hätten alle Anderen so mitgemacht, wie ich mir das gedacht habe, dann wären wir heute auf dem guten Weg schon viel weiter. Aber leider … die Anderen …“
Seit 3000 Jahren haben wir Männer das so gemacht und viele Frauen haben sich daran gestört, dass die Männer immer Recht haben, immer Recht haben müssen. Da würde ich den Frauen auch locker Recht geben. Nur die Anderen … Jetzt, wo die Frauen das auch und inzwischen intensiver machen, als wir Männer, da ist dieser Wesenszug plötzlich gut. Dürften wir da nicht einmal Fragen stellen?
Klar, eine der ersten Eigenschaften, die wir als Mensch und Person erwerben, ist bereits im 3. Lebensjahr, in der Trotzphase, die Einstellung: „Jetzt habe aber (mal) ich Recht!“ Ein Leben lang üben wir diese Ansicht und sie verfestigt sich immer weiter, in der Pubertät, auf der Karriereleiter, schliesslich als führender Wissenschaftler, führender Politiker, als Religionsführer … Spätestens dann haben wir immer Recht (Inzwischen nicht nur die paar Könige, 1% der Bevölkerung, später in den Demokratien 50 %, nämlich die Männer, sondern nun nahezu 100 %, Männer und Frauen allesamt). Da spielt es noch nicht einmal eine Rolle, welcher Ansicht wir sind. Wir haben Recht. Das auch ich das nicht ablegen kann, sehen Sie bei allen meinen Notizen. In den letzten hundert Jahren kommt dann noch der sagenhafte weibliche Optimismus (ohne den das Kinderkriegen wahrscheinlich gar nicht möglich gewesen wäre) dazu, nicht nur zuhause bei der Familie, sondern nun auch in der Wirtschaft und Politik: Wir Frauen können das besser. Wenn ihr Männer uns ranlassen würdet, dann würde die Welt schnell besser. In der Politik aber bedeutet Optimismus abweichen von der Realität und dann sind stärker realitätsfremde Entscheidungen sogar folgerichtig. Dabei kennen wir die Realität trotz aller wissenschaftlichen Ergebnisse noch nicht einmal. Was „realistisch“ oder „Realismus“ ist, wissen wir gar nicht, ich auch nicht. Unsere Realität, in der wir leben, ist kein Rätsel (mit der Möglichkeit, anhand der Bauplanvorlage zu kontrollieren, ob unsere Erkenntnisse richtig sind), sondern ein Geheimnis (Ohne die Möglichkeit, unsere Forschungsergebnisse oder Erkenntnisse auf Richtigkeit zu überprüfen). Es spricht viel dafür, dass wir das, was wir uns wünschen und wovon wir träumen, gar nicht erreichen können. Aber Recht haben wir, ganz egal, was wir denken.
„Grosser Gott, wir loben Dich...“ bei der Verabschiedung, beim grossen Zapfenstreich. Sie und ich haben eine Kindheit und Jugend gehabt, die sehr ähnlich waren und wir haben auch nur weniger als 50 km entfernt voneinander gelebt. Wie mir mein über 90-Jähriger Vater kürzlich mitteilte, haben er und ihr Vater, Herr Kasner, sich sogar gekannt, beide evangelische Pastoren in der gleichen Landeskirche. Ich war Kind und mit analogem Spielen und Schule beschäftigt und dem, was so in einem Pfarrhaus passiert. Ich bin nun sicher in der Bibel nicht so bewandert. Da gibt es viel bessere Experten als mich. Aber falls ich das richtig in Erinnerung habe, dann hat Jesus nicht geraten oder sogar befohlen: Arbeitet viel, vertragt Euch (das natürlich auch), sorgt dafür, dass die Anderen mehr Gewinne haben als ihr, nutzt die Ressourcen der Erde fair …, dann werdet ihr die Erde irgendwann „gut“ gemacht haben und dann könnt ihr in Frieden und Freiheit leben (mich, Gott, könnt Ihr vielleicht noch einladen, mit dazuzukommen). Falls ich mich richtig erinnere, hat er gesagt, dass er mit seinem Opfertod und seiner Auferstehung uns die Tür zum Reiche Gottes öffnet, so wir ihm das glauben. Ich muss daraus schliessen, dass er unsere hiesige Welt abgeschrieben hat, aufgegeben hat. „Richtig“ handeln tun wir ja in unseren eigenen Augen und nach unserer eigenen Ansicht sowieso. Sieht er das womöglich ganz anders?
Dann würde „Grosser Gott, wir loben Dich ...“ bedeuten: Wir loben Dich, weil Du uns mit Dir und Gott versöhnst, weil wir gar keine Chance haben, das selbst zu schaffen? Die Realität und auch die Bibel sind meist mehrdeutig, wir aber nehmen uns völlig unwissend die uns selbst genehmste eigene Deutung heraus und glauben die als einzige. Denn dann ist für uns alles eindeutig. Wo soll das hinführen? Denken wir viel nach darüber.
Das Thema „Freiheit“ sparen wir uns hier. Das führt zu weit. Es ist aber hoch interessant. Auch hier lohnte es sich, mehrere Seiten der Freiheit zu betrachten.
Seit 2015 hat sich mein Denken geändert: Wir schaffen es, Menschenrechte, Menschenwürde, Wohlstand und all unsere Wünsche selbst und interessanterweise auch als Menschen für alle Menschen zusammen zu erfüllen, liegt nicht in unserer Macht, selbst mit wissenschaftlichen Mitteln und viel Geld Denken oder Schürfen nicht. Das ist Wunschtraum, Märchen. Unsere Realität ist, dass wir in aller Regel bereit sind, zu spenden für die Kosten, ein kleines bisschen unserer Rechte und unseres Genusses dafür abzugeben, aber unseren Wohlstand darf das nicht mindern. Deshalb sind wir ja so glücklich, dass unsere Staaten und Andere das finanzieren in der Erwartung, dass wir dann nicht die Kosten selber tragen müssten. Irrtum. Der Staat sind doch heute wir Demokraten, wir Bürger, oder gibt es da noch Andere? Wir leben nicht im Märchen mit den drei Wünschen und wir leben eben doch im Märchen mit den drei Wünschen. Wir haben den 3. Wunsch schon gesprochen. Sie kennen das Ende des und der Märchen? Wir können auf Erden Freiheit, Gerechtigkeit, Wohlstand und vieles mehr nur teilen, nicht aber für alle vollenden. Wer es dann wenigstens für sich vollenden will, wie wir in der westlichen Welt, der tut es auf Kosten Anderer und der Erde. Das sind unsere „westlichen Werte“, für die wir kämpfen. Angesichts eines lebenden Gottes, der Wohlstand oder gar Reichtum und verwandte Werte als Hinderungsgrund für die Aufnahme in sein Reich anführte, können wir uns vorstellen, wie unser Märchen endet.
11.
Samuel P. Huntington: „Kampf der Kulturen“, aus dem Amerikanischen von Holger Fliessbach, Siedler Taschenbücher im Goldmann Verlag, 1996
Im freien Jahrzehnt nach dem Ende des kalten Krieges, also Mitte der 1990iger Jahre geschrieben. Darlegung der verschiedenen Kulturkreise oder auch Zivilisationen, ihrer Gedanken, Ideen, Vorstellungen von der Welt und wie Jede und Jeder damit leben will. Interessant, informativ, vermutlich recht realitätsnah.
Können Kulturen oder Zivilisationen miteinander kämpfen? Denken wir uns mal die Menschen daraus weg? Vermutlich wäre dann da gar nichts und könnte auch gar nichts miteinander kämpfen. Es sind also wir Menschen in den verschiedenen Kulturkreisen, die miteinander kämpfen.
Wenn wir auf einer endlichen Erde und in einem endlichen Leben und in einer endlichen Umgebung innerhalb unseres eigenen Horizontes als höchstes Ziel vertreten, selbst bestimmen zu können, wie wir leben wollen und daher alle Anderen besiegen müssen, um selbst der Grösste zu sein, dann müssten wir diese Denkgebäude, diese Vorurteile, diese Vorstellungen vom Sinn und Zusammenhang unseres Lebens her doch eher als Un-Kultur, als Nicht-Zivilisation betrachten und bezeichnen, oder? Wir benehmen uns wie die 3- bis 5-Jährigen Kinder, rangeln, betrügen einander, kämpfen um die eigenen Vorteile, die Besitztümer, die Ressourcen an allen möglichen Dingen bis am Ende nur noch Einer übrig bleibt, der dann alleine alles das, was er geniessen will, auch alleine erarbeiten muss, also kein Leben im Schlaraffenland vor sich hat. Mit unseren Kulturen und Zivilisationen auf dieser Erde werden wir vermutlich bis zum Ende kämpfen, bis wir uns alle gegenseitig umgebracht haben und der Rest wird einfach verhungern. Stimmt seine, stimmt unsere Vorstellung von der Welt?
Schöne Realität, die da vermutlich auf uns zukommen wird, denn ändern wollten wir Menschen uns schon seit 3000 Jahren nicht. Ändern sollten sich die Anderen, wir ja nicht; wir sind ja gut und haben Recht. Das haben uns doch die Philosophen und Religionsführer und alle Moralapostel immer wieder gelehrt. Wir haben uns aber nicht geändert.
Offenbar vor bereits 3000 Jahren hat der lebende Gott der Juden bereits entschieden, dass er sich da von seinen Geschöpfen, von den von ihm geschaffenen Menschen unterscheiden will. Das immer grösser, immer weiter, immer schneller bis ich am Ende gesiegt habe und alle Anderen unterordnet oder tot sind, das mache ich (Gott) nicht mit. Das hat er offenbar schon damals so für sich entschieden. Deshalb liess er seine Propheten in den heiligen Schriften der Juden und dem Alten Testament der Bibel den Erlöser ankündigen und vor 2000 Jahren kam dieser Erlöser tatsächlich auf diese Erde und … kam, sah und siegte. Nein, er kam, kämpfte nicht und liess sich kreuzigen, starb, wurde begraben und wurde von seinem Vater, dem lebenden Gott wieder ins Leben geholt. Gott selbst hat in Jesus Christus damals entschieden, Erlösung gibt es nur in dieser Form, im Glauben an die Erlösung durch diesen Jesus Christus. Nicht der Kampf bis zum letzten Blutstropfen oder bis zum (End)-Sieg ist der Weg in die Zukunft, sondern die Ergebung in die böse Realität, aus der schliesslich Jesus Christus alle diejenigen erlöst, die seinem Opfertod glauben. Erlösung, Heil liegen nur in Jesu Weg im Erleiden des Bösen bis zum Ende und in der Auferstehung und in der Berufung in das Wohngebiet Gottes. Die Wenigen, die diesem Jesus glauben und sich auf seine Erlösung verlassen, wird Gott auferstehen lassen. So hart die Realität ist, der Rest der Menschen ist Abfall auf der Erde (auch mit „Hölle“, was immer das ist, beschrieben).
Herr Samuel P. Huntington aber beschreibt den Kampf der Kulturen (oder den Kampf der Menschen in und aus den Kulturen) bis zu einem neuen Weltkrieg und beschreibt sogar diesen bereits im Voraus in seinem möglichen Ablauf. Die Geschichte hat Teile dieses Ablaufes schon umgangen, aber die Regeln, wie solch ein Krieg zum Weltkrieg werden kann, klingen sehr realitätsnah.
Sein Rat: Der, der schon seit 3000 Jahren propagiert wird und doch nicht funktioniert: Mensch, werde menschlich, dann hast Du eine Überlebenschance, zusammen, vereint. Und doch konkurrieren wir, werden wir reicher nicht zusammen, sondern auf Kosten Anderer und das lässt sich natürlich niemand gefallen. So sind wir menschlich und schlagen uns gegenseitig die Köpfe ein. Menschlich sein bedeutet leider auch, unmenschlich sein und das lässt sich in uns gar nicht trennen.
Den einzigen Ausweg, den ich bisher fand, ist nicht der Krieg bis zum Endsieg um meine Freiheit, sondern der Glaube an die Aufnahme durch diesen gekreuzigten und auferstandenen Jesus in das Wohngebiet Gottes.
12.
John Maynard Keynes: „Wirtschaftliche Möglichkeiten für unsere Enkel“, übersetzt und herausgegeben von Jens C. Knipp, mit einem Essay von Ulrike Herrmann, Reclam, 2024.
1930, also fast vor 100 Jahren veröffentlichte der bekannte Ökonom Herr John Maynard Keynes diesen Essay von 16 Seiten. Es ist also eher ein kurzes Bekenntnis zu seinen Ansichten über unsere wirtschaftliche Zukunft in den nächsten hundert Jahren. Die hundert Jahre sind nahezu um.
Herr Keynes schrieb 1930, also in der Zeit der grossen Wirtschaftsdepression bzw. Inflation. Er sieht im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen die Krise nur vorübergehend, weil im Jahrhundert vorher die Entwicklung einfach zu schnell abgelaufen sei und jetzt vorübergehend eine Delle im Wachstum aufgetaucht sei. Er hielt den Pessimismus seiner Zeitgenossen für klar falsch und prophezeite eine grosse Zeit voraus. Er will nicht die kurzfristigen Möglichkeiten, sondern die langfristigen ausloten, die in hundert Jahren für die damaligen Enkel, also uns (Er selbst war kinderlos.).
Seiner Ansicht nach gab es zwischen 2000 vor Christus und dem Beginn des 18. Jahrhunderts kaum Entwicklung. Es gab auf und ab, aber keine stürmischen Veränderungen in eine Richtung, aufwärts. Diese fehlende Entwicklung führte er auf Fehlen technischer Fortschritte und fehlende Kapitalansammlung zurück. Was zwischen 2000 vor Christus und 1700 nach Christus bereits vorhanden war, das gab es im Wesentlichen also schon vor 4000 Jahren. Seit dem 16. Jahrhundert wurde Kapital angesammelt und damit begann die Moderne Zeit. Seiner Ansicht nach begann diese Zeit mit der Ansammlung von Gold und Schätzen aus Übersee, aus den Kolonien zunächst vor allem Spaniens. 1580 wurde ein solcher grosser Schatz nach England für die Königin gebracht, die damit eine Menge Schulden abbezahlen konnte und den Rest von 40000 Pfund zu 3,25 % anlegte.
Dann erwähnt er eine zweite Kraft, die er für viel bedeutsamer und kraftvoller hält, den Zinseszins. Der erregte seine ungebremste Hoffnung und seinen ganzen Optimismus. Er rechnet vor, welche Steigerung von Gewinnen der Zinseszins hervorruft. 1930 seien die 40000 Pfund der Königin zu 4 Milliarden Pfund geworden, rechnete er vor.
Da die Menge des Kapitals bereits so stark gewachsen war, führte er das Wachstum des Wohlstandes darauf zurück. Schon bei einer Verzinsung von 2 % würde in 100 Jahren eine Steigerung um das 7,5-fache stattfinden. Zusätzlich sagt er eine massive Effizienzsteigerung nicht nur im Bergbau und in der Industrie, sondern auch in der Landwirtschaft als Folge der Technisierung voraus. Er sagt eine „technologische Arbeitslosigkeit“ voraus, weil die Technik schneller Arbeitskräfte freistellen wird als sie in anderen Bereichen wieder gebraucht werden könnten.
Er glaubt, dass auf lange Sicht „die Menschheit dabei ist, ihr wirtschaftliches Problem zu lösen“. Als Folge der Effizienzsteigerung durch die Technisierung und des Zinseszinseffektes erwartet er, dass wir Menschen bald nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten und uns sonst der Musse, dem Genuss, der Kunst etc. widmen könnten. Eher wird die gleichmässige Verteilung der Arbeit zum Problem als die Arbeit selbst. Mit der „Lösung unseres wirtschaftlichen Problems“ hätten wir Menschen unser wichtigstes Problem von Lebewesen, dem Kampf ums Überleben oder wie er sagt, ums „Bestehen“ überwunden.
Damit sieht Herr Keynes jedoch auch ein neues Problem auf uns zukommen, das des Fehlens dieses Problems. Wir müssten uns umgewöhnen. Er erwartet dann einen „Nervenzusammenbruch“ bei allen, wie es ihn damals offenbar schon bei wohlhabenden Ehefrauen gab, die nicht wussten, warum sie lebten und was sie tun sollten. Müssiggang als Sehnsucht hält uns menschlicher als Müssiggang als Realität. Er spricht dann von der Kunst zu leben. Die damals Reichen hält er für eine Vorhut für die in Zukunft nur noch aus Reichen bestehende Gesellschaft.
Er erwartet dann, dass unsere Abhängigkeit vom Geld und unsere Sucht nach Geld gegenstandslos werden. Dann erzählt er eine kurze Story eines armen Schneiders, der der Geldsucht und der Verlockung des Zinseszins doch nicht entfliehen kann. Aber Herr Keynes selbst hält Geldsucht für verwerflich und etliche ähnliche andere menschliche Angewohnheiten auch. All diese Ungezogenheiten würden wir dann ablegen können, allerdings erst in etwa hundert Jahren ab damals, 1930, also heute. Man sollte doch die Ökonomen machen lassen, wie in ihrem Fachbereich die Zahnärzte. Nun können wir seine Prognose mit unserer Realität heute vergleichen.
Meine Forschungsergebnisse dazu:
In Wissenschaft und Technik war es damals schon und ist es heute noch so, dass viele Persönlichkeiten nicht in der Lage sind, zwischen ihrem Denken und der Realität zu unterscheiden bzw. die Grenze wahrzunehmen (Theorie und Praxis, Schein und Sein, Denken und Handeln, ...). So verstehe ich auch, warum heute so viele Menschen, die sich selbst für gebildet halten, so von ihrem „Wissen“ schwärmen und es verteilen, wo doch schon Herr Sokrates vor 2500 Jahren festgestellt hat „Ich weiss, dass ich nichts weiss.“ Diese Menschen gehen davon aus, dass das, was sie denken, auch tatsächlich so ist. So wie Herr Keynes den Zinseszins versteht, funktioniert er wie 2+2=4. Theoretisch ist das auch so. In unserer menschlichen Realität ist aber 2+2=4 und 0 zugleich, denn die 2, die ich dort dazugelegt habe, habe ich hier weggenommen und jetzt sind sie hier nicht mehr, also 0. In der Realität lassen sich 2+2 nicht von 2-2 trennen. Das ist nur in der Theorie möglich. Wir müssen also sehr genau zwischen unserem Denken, der Theorie und unserem Leben, der Praxis unterscheiden und sie im Denken und im Forschen peinlich genau voneinander trennen.
Beim Zinseszins ist das genauso. Den Zins, den ich als Sparer bekomme, muss der andere, der dieses Geld ausleiht, als Darlehensnehmer bezahlen. Unter dem eigenen Kopfkissen wird das Geld nicht mehr. Für den Sparer wurde das Geld mehr, für den Darlehensnehmer aber weniger. Das gilt auch für Zinseszins. Auch im ganzen Volk gilt das. Geld kann ich nur sparen, also anlegen, wenn es Darlehensnehmer gibt, die bereit sind, mir den Zins zu zahlen. + und - heben sich im gesamten Volk genauso wie bei dem Sparer und Darlehensnehmer als einzelnes Handelspaar gegenseitig auf. Der Zinseszins ist theoretisch eine ungeheure Kraft, in der Praxis jedoch für uns alle zusammen völlig wirkungslos, nicht mehr als ein Märchen, auf die Gesamtheit bezogen. Einzelne auf Kosten Anderer können Geld scheffeln (z.B. die englische Königin), alle auf Kosten aller aber nicht.
Deshalb sind unsere Völker ja auch so hoch verschuldet. Wir denken, dass es unsere Staaten und insbesondere den Sozialstaat gebe. Unsere Staaten existieren aber gar nicht. Sie sind nur die Form, in der sich unsere Völker organisiert haben. So, wie Ludwig der XIV. von Frankreich sagen konnte, er sei der Staat, so sind wir Demokraten heute das Volk als Staat. Wir haben uns in Form eines Staates organisiert. Die Form ist aber nicht die Existenz. Wir haben uns nun als einzelne Bewohner des als Staat organisierten Volkes im Land reich gerechnet und vordergründig auch reich gemacht, nicht bedenkend, dass wir das ja auf Kosten von uns allen als Volk zusammen tun. Unsere Guthaben als einzelne Bewohner sind bei unserem Volk insgesamt Schulden. Wir können die gegeneinander aufrechnen. Dann kennen wir unseren finanziellen Reichtum bzw. unsere finanzielle Armut. Wahrscheinlich wird sich das näherungsweise gegeneinander aufheben? Das wäre doch eine spannende Frage für unsere ökonomischen Forscher?
Geld arbeitet nicht. Ich warte noch immer darauf, dass Ökonomen an meine Tür klopfen, um mir zu zeigen, wo und wie Geld arbeitet. Deswegen funktioniert der Zinseszins ja auch nicht so, wie sich das Herr Keynes vorgestellt hat. Menschen arbeiten und Maschinen können die Effizienz von menschlicher Arbeit unter Verbrauch von technisch gewonnener Energie und einigem mehr steigern. Da waren wir Menschen bisher tatsächlich recht erfolgreich. Mit Geld kann ich Menschen Anreiz geben, mehr zu arbeiten. Je mehr Geld, desto mehr Anreiz (leider auch: desto mehr Inflation). Das hat aber Grenzen, weil wir Menschen Grenzen haben, z.B. die zwischen arbeiten und geniessen. Wenn wir mehr geniessen wollen, müssen wir mehr arbeiten und mehr Geld verdienen, aber wenn wir immer mehr arbeiten, können wir nicht mehr so viel geniessen, weil wir ja arbeiten müssen und die Zeit zum Geniessen fehlt. Hier kommen wir schnell an die Grenze der Work-Life-Balance. Diese Grenze ist keine Theorie, sondern höchst real und wir erleben sie bei uns und unseren Kindern, anders als bei unseren früheren Vorfahren.
Mit erhöhter technischer Effizienz können wir unsere Leistung steigern. Die immer komplizierteren Maschinen kosten aber immer mehr Geld und nehmen durch ihre Komplexität mehr Wartungs-, Reparatur- und Entwicklungsarbeit in Anspruch. Auch hier gibt es eine Grenze im Nebel als Optimum. Wenn wir mit unserer technischen Effizienz so erfolgreich wären, wie sich das Herr Keynes vorstellte, müssten ja nach und nach die Kosten sinken, sodass wir immer weniger Geld verdienen und ausgeben müssten für die Dinge, die wir uns in zunehmender Qualität und Quantität wünschen. In unserer Realität, in unserem Leben, steigen die Kosten aber immer weiter (im Gesundheitswesen, im Sozialwesen, in der Bauwirtschaft, in der Justiz, in der Wissenschaft und leider in vielen anderen Gebieten auch). Wo wird das enden?
Wir müssen also feststellen, dass uns Herr John Maynard Keynes mit seinem hoch wissenschaftlichen ökonomischen Essay schlichtweg ein Märchen erzählt hat. Im Märchen kann man natürlich Ethik und Moral, die er selbst sehr hoch hielt, kostenlos hoch halten, aber in der Realität müssen wir für unsere Ethik und Moral selbst den hohen Preis bezahlen. Das ist die harte Wirklichkeit. Wir lieben Märchen, aber Märchen sind keine Wissenschaft. Wissenschaftliche Arbeiten sollten wir von Märchen klar trennen.
Interessanterweise müssen wir heute immer noch viel arbeiten, wenn wir viel geniessen wollen und wer nicht viel arbeitet, aus welchen Gründen auch immer, hat selten viel zu geniessen, es sei denn, er hat andere fein ausgebeutet oder er hat Menschen, die bereit sind, die Schulden für ihn in Kauf zu nehmen und ihn zu beschenken. Diese Menschen sind eine Rarität, heute noch seltener als früher.
Immerhin erwähnt Herr John Maynard Keynes auch den „alten Adam“. Er stammt ja offenbar aus einem gebildeten Hause, in dem auch die christliche Religion und sicher auch die Bibel bekannt waren, wenn er den „alten Adam“ erwähnt. Er ging davon aus, dass wir Menschen diese Strafsituation des lebenden Gottes nach unserem ersten menschlichen Ungehorsamsfall in spätestens 100 Jahren, also jetzt, würden überwunden haben. Wenn ich heute die Realität unseres Lebens in unseren Ländern anschaue, dann würde ich auch von daher das Essay als Märchen bezeichnen und die Beschreibung in der Bibel leider als sehr realitätsnahe, sodass wir glatt glauben könnten, dass der Fluch des lebenden Gottes damals über uns auch heute noch unverändert besteht und in seinen Auswirkungen sehr realitätsnah beschrieben ist.
Was nun angesichts dieser Forschungsergebnisse?
13.
Der Bibel erster Teil, das "Alte Testament".
Auch so können wir Bibel lesen. Die Bibel und unsere Realität
Eine angemessene Vorstellung vom lebenden Gott ist wahrscheinlich unbegrenzt. Er ist der grosse Unbekannte. Ewigkeit - Unendlichkeit - ... Meine Vorstellungen von ihm dagegen sind begrenzt. Ich weiss nicht, was ich nicht weiss. Ich weiss daher nicht, ob meine Vorstellung von ihm nahe an dem ist, wie er tatsächlich ist oder wie weit entfernt davon. Ich kann es auch nicht überprüfen, wie bei einem Rätsel. Er ist ein Geheimnis ohne menschliche Überprüfbarkeit. Ich aber muss über ihn nachdenken, muss mir eine Art Vorstellung von ihm machen. Im Nachdenken über ihn, im mir eine Vorstellung machen von ihm, indem ich mir ein Vorurteil über ihn bilde, kann ich ihm glauben oder auch nicht. Das unterscheidet mich vermutlich von einem Tier, dass ich das kann. Ein Tier kann das wahrscheinlich nicht? Ohne dieses Nachdenken und mir ein Vorurteil von ihm bilden, lebe ich im Grunde fast wie ein Tier. Ich lebe und handele einfach nach dem, was mir in den Sinn kommt oder was mir mein Körpergefühl ohne selbstkritische Kontrolle vorschlägt.
Offenbar gab es einen Anfang mit einer Welt, einer Schöpfung, einer Neuschaffung in Tagen oder Ewigkeitstagen oder Entwicklung in Milliarden von Jahren, wie auch immer. Wie lebt und handelt ein ewig lebender Gott?
Offenbar existiert der lebende Gott nicht einfach wie ein lebloses allgemeines Sein (eine Gottheit), sondern er lebt und ist aktiv, gestaltet seine Umgebung und sein Leben. Offenbar wollte er Gegenüber. Er wollte nicht alleine sein. Da reichte ihm eine leblose geschaffene Welt offenbar nicht. Interessanterweise schuf er sich offenbar nicht selbst eine Frau, eine Frau Gott. Er spielt nicht nur mit einer Modelleisenbahn oder ähnlichem, wie viele Jungen und Männer heute. Er wollte Lebewesen, wollte Menschen und er schuf sie selbst durch Wort und Tat. Wie ein "Ebenbild" des lebenden Gottes vorstellbar ist, weiss ich nicht, aber offenbar lebt er und wir leben auch. Wir fühlen unser Leben, denken es, erleiden es und erfreuen uns an ihm. Wahrscheinlich ist unser Leben das, was wir mit dem lebenden Gott gleich haben (Ebenbild)? Aber dann gibt es auch viel, was wir nicht mit dem lebenden Gott gleich haben: Unsere Endlichkeit in zeitlicher und örtlicher Hinsicht, unsere eng begrenzte und ungenaue Wahrnehmungsfähigkeit, unsere Urteilsunfähigkeit (obwohl wir uns für völlig urteilsfähig halten und jeden Tag viele Male selbstverständlich Andere (be)urteilen, sogar verurteilen) und Urteilsfähigkeit in der Schule lernen. Unsere Dummheit in unserem Selbstbild, besonders schlau zu sein, Wissender zu sein. Kurz: Unsere Begrenztheit, leben in dem, was ist und wie es ist und wie wir sind, ...
Wir Menschen sind sehr eng begrenzt mit unserem Körper, unserem zeitlichen und örtlichen Horizont, unserer Fähigkeit, unsere Wahrnehmungen realitätsnah zu deuten. Unser Denken ist sehr begrenzt. Uns fehlt die Möglichkeit zu erkennen, wie die Welt wirklich ist, ja wie wir selbst wirklich sind. Wir haben nur unsere Wahrnehmungen und interpretieren sie entsprechend unseren Vorurteilen. Wir wissen nicht, was wir nicht wissen und ob daher unsere Interpretationen unserer Wahrnehmungen, Bilder, Geräusche, Berührungen etc. auch tatsächlich der Realität entsprechen. Wir sind getrennt von der Wirklichkeit und leben doch in der Wirklichkeit.
Interessanterweise wird an dieser Stelle noch gesagt, dass der lebende Gott seine Schöpfung so als "gut" befand. Ich habe in meinem Leben seine Schöpfung, so wie ich sie erlebe, oft als Fehlentwicklung beurteilt. Aber ich messe mein "gut" natürlich auch an meinen eigenen Massstäben. Gott muss offenbar ganz andere Massstäbe für „gut“ gehabt haben, als ich sie habe. Oder seine geschaffene Welt und wir von ihm geschaffenen Menschen waren vor dem ersten menschlichen Ungehorsamsfall mit Eva und Adam, dem "Sündenfall" anders, als wir die Welt und uns heute nach dem ersten Ungehorsamsfall (= Sündenfall) von Menschen erleben? Ich kann gar nicht sagen, was der lebende Gott für "gut" hält, warum und mit welchen Daseinsformen in der realen Welt. Er selbst als Person „Gott“ ist gut und nicht irgendein Ideal, ein Prinzip, ein Naturgesetz oder gar unsere menschlichen Wünsche etc. Sind wir überhaupt menschlich in der Lage, den Begriff „gut“ in dieser Weise zu denken: Gott selbst ist „gut“? Das ist z.B. ein Unterschied zwischen unserem griechischen Denken, unserem griechischen Weltbild und dem hebräischen Denken, dem hebräischen Weltbild. Im griechischen Weltbild haben wir kaum eine Chance, den lebenden Gott angemessen zu denken. Interessanterweise fand er seine Schöpfung, unsere Welt, in ihrem damaligen Zustand für „gut“. Heute haben wir diese Welt über Jahrtausende verändert, in unserem Sinne „besser“ gemacht. Ob das wohl in seinem Sinne so ist, wenn er sie damals im damaligen Zustand für „gut“ befand?
Wahrscheinlich lebten Adam und Eva mit dem lebenden Gott in Eintracht in seiner geschaffenen Welt. Wie das Leben damals aussah, ahnen wir nur in ganz schwachen Umrissen: Garten, Bäume mit Früchten, Spaziergang Gottes im Garten, Zusammentreffen der Drei miteinander und Gespräch miteinander, zumindest Frage und Antwort … Offenbar gab es auch eine erste Versuchung, so wie wir später im Gebet beten lernen, das Jesus seine Jünger und uns lehrte „... führe uns nicht in Versuchung...“. „Von den Früchten des Baumes in der Mitte des Gartens sollt ihr nicht essen!“ Dann hören wir von dieser ersten Versuchung „Sollte Gott …?“ „Tu es doch“. So einfach liess sich die Eintracht mit dem lebenden Gott zertrümmern. Dieses Ereignis wirkt sich noch heute störend und schmerzhaft auf unser Leben aus und wir erliegen unseren Versuchungen regelmässig wieder. Wir sind Verbannte aus der Gegenwart des lebenden Gottes und damit „Verdammte dieser Erde“.
Nun weiss ich natürlich nicht, wie seine Welt, die Welt des lebenden Gottes, in der wir damals noch mit ihm lebten, tatsächlich beschaffen war. Vielleicht können wir sagen, dass wir damals ähnlich den Vögeln gelebt haben, die sich jeden Tag ihre Nahrung in der Natur suchen, ohne dafür zu arbeiten? Sie lebten und hatten Nahrung. Keine Arbeit, keine Lagerhaltung für den Winter, kein Ansammeln von Vorräten. Keine Suche nach Wissen. Das kam ja erst nach dem ersten Ungehorsamsfall. Keine Entwicklung von Technik, Nutzung fossiler Brennstoffe und Rohstoffe aus dem Erdreich und keine Nutzung von verarbeiteten Produkten aus dem Reich der Lebewesen (Pflanzen und Tiere). All unsere mühsam über Jahrtausende entwickelten „Errungenschaften“ waren überflüssig, waren gar nicht nötig. Unser menschlicher erste Ungehorsamsfall hatte furchtbare und nachhaltig nachteilige Folgen für uns. Bis heute wirken die in dieser Weise nach.
Mit unserem ersten menschlichen Ungehorsamsfall verbannte uns der lebende Gott aus seinem Garten, aus seiner Welt. Ob wir in seiner Welt vor unserem ersten Ungehorsamsfall irgendwelche Rechte hatten, ob so etwas überhaupt zu denken möglich war, ist mir unbekannt. Seit dem ersten Ungehorsamsfall, seit unserer Verbannung aus seiner Welt, seitdem wir seine Schöpfung kaputt gemacht haben, können wir jedenfalls auf kein Recht mehr pochen, nicht einmal auf das Recht zu leben, geschweige denn Besitzrechte, Menschenrechte, Menschenwürde und all die anderen uns wichtigen Rechte. Wir dürfen ihn noch bitten und das war es dann auch.
Nachdem er uns Menschen geschaffen hatte, segnete es uns und sagte er uns, dass wir uns vermehren sollten und die Erde füllen sollten und uns die Erde „untertan“ machen sollten und sogar über sie und alle Lebewesen herrschen sollten. Zur Speise aber gab er uns alle Pflanzen, die Samen bringen. Er ging davon aus, dass wir seine Schöpfung, seinen Garten, bebauten und bewahrten. Das hätte wohl bedeutet, dass wir in diesem Garten und von diesem Garten leben und essen, aber es hätte wohl nicht bedeutet, dass wir uns in seinem Garten um die Früchte etc. streiten, nach mehr als für die Anderen streben, keinen (finanziellen?) Profit aus dem Garten schlagen? Der erste Ungehorsam hat seitdem eine Kette von weiterem Ungehorsam bewirkt, die bis heute nicht zu Ende gegangen ist. Seitdem wollen wir unseren Besitz und Wohlstand mehren, also unseren (finanziellen) Profit in die Höhe treiben, mehr oder weniger egal, was da mit seinem geschaffenen Garten und auch uns von ihm geschaffenen Menschen, unseren Nachbarn und Mitmenschen, insgesamt wird.
Was offenbar zu uns als Menschen gehört, ist die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, zumindest die, mit dem lebenden Gott, ohne den lebenden Gott oder gegen den lebenden Gott leben zu wollen. Diese Entscheidung zu treffen, sind wir frei. Aber sie ist nicht folgenlos. Wir können frei entscheiden, aber wir und unsere Nachkommen müssen die Folgen tragen. Hinsichtlich unserer Entscheidungen ist der lebende Gott völlig tolerant. Wir treffen unsere Entscheidungen in völliger Dummheit, weil wir die Folgen gar nicht kennen oder doch erahnen, aber trotzdem nicht nach Gottes Wunsch, sondern nach unserem eigenen abweichenden Wunsch entscheiden. Wir wollen nicht für den lebenden Gott das Beste, sondern wir wollen unser Bestes (halten diesen Egoismus in der westlichen Welt, in der Welt der weissen Menschen mit nachchristlichem Weltbild, sogar für unsere (moralischen) „Werte“), selbst wenn wir etwas anderes denken und sagen. Im Garten Eden sagte der lebende Gott nur: "Von diesem Baum esst nicht, sonst …" Interessanterweise gab der lebende Gott seinen beiden geschaffenen Menschen nur ein einziges Gebot. Das war alles, was es einzuhalten galt. Das war gewissermassen die Gebrauchsanweisung: So möchte ich, der lebende Gott, dass wir zusammen leben. Das war gleichzeitig auch die erste Versuchung des lebenden Gottes für uns und hätte nach seinem Sinn auch die einzige bleiben können, wenn Eva und Adam nicht … Eva und Adam trafen eine Entscheidung, assen doch und wurden damit ungehorsam und seitdem leiden wir Menschen an den Folgen dieser Ungehorsams-Entscheidung. Offenbar ist Gott an dieser Stelle hart. „Entscheiden konntet ihr frei, aber die Folgen müsst ihr (Menschen) ab jetzt tragen!“ so der Entscheid des lebenden Gottes. Er hatte sich mit seiner Schöpfung etwas gedacht. Sie funktionierte so, wie er sich das gedacht hatte. Wie er sich das dachte, so sollte es sein. Mit unserem Entscheid und Tun haben wir diese Funktionsweise nachhaltig gestört.
Warum der lebende Gott unsere Welt so erschaffen hat, wie er sie erschuf, wissen wir nicht, können wir auch nicht ergründen. Er ist, wie er ist und unsere Welt ist, wie sie ist und auch wir sind, wie wir sind. Auf die Frage „Warum“ gibt es nur eine Antwort: „Er!“ Sonst keine. Hebräisches Weltbild.
Die spätere Gabe der zehn Gebote und weiterer Anordnungen war nicht eine Frage von Moral, sondern eine Frage, wie die geschaffene Welt einschliesslich uns Menschen hätte nach dem Ungehorsamsfall nach seiner Vorgabe funktionieren sollen. Insofern haben wir Gottes Schöpfung, Gottes Welt zerstört. Sollen wir ihm seinen Zorn darüber übel nehmen? Wenn wir etwas bauen und es funktioniert nicht so, wie wir es wollen, zerstören wir es doch auch, sogar egal, ob wir damit nur Materie oder auch Leben zerstören. Weg damit! Der lebende Gott? Wir erleben jetzt seine Geschichte mit der nachhaltig gestörten Welt und mit uns in ihr lebend. Wir versuchten in der Neuzeit, uns unsere Welt nach unseren Wünschen zu ändern. Wir haben uns sogar unsere eigene Moral geschaffen, so wie wir sie uns denken und wünschen. Damit haben wir „Moral“ komplett zur Unmoral gemacht. Er hatte ganz andere Vorstellungen. Und eines werden wir wohl auch bedenken und annehmen müssen: Wir können als ungehorsame Menschen nicht erwarten, dass wir mit unserem eigenen Schöpfer auf Augenhöhe verhandeln, wenn wir ihm auch heute noch nicht gehorchen. Wir sind „Geworfene“ (Herr Martin Heidegger), Geschaffene oder Entwickelte (falls die Schöpfung entlang einer Evolution verlief). Wir haben uns nicht selbst geschaffen, egal auf welche Weise. Wir sind dem lebenden Gott ausgeliefert, weil er uns geschaffen hat. Ich bin nicht einmal sicher, ob der Tod uns vor diesem lebenden und schwer verletzten Gott „schützen“ kann. Womöglich leben wir nach unserem Tod immer noch? Wir haben gar nicht die Wahl, nicht sein zu wollen und nicht sein zu können? Wir haben gar nicht die Wahl, diesem lebenden Gott ausgesetzt zu sein oder nicht. Als Geschaffene sind wir es.
In der Bibel steht beim „ersten Ungehorsamsfall (Sündenfall)“ der Menschen die Passage, dass die Schlange (der Teufel) Eva eingeflüstert habe, dass sie nach dem Essen des Apfels „wissend seien“. Das sei der Grund für das vom lebenden Gott gegebene Verbot. Das könnten sie, wir Menschen, umgehen. Was passierte wahrscheinlich tatsächlich? Wir halten uns seitdem für „wissend“, egal was wir glauben zu wissen und seit dem Trotzalter, seit dem 3. Lebensjahr glauben wir, Recht zu haben, egal, was wir da gerade für richtig halten. Ein Fühler, ein Sensor für unsere eigene Dummheit, fehlt uns. So gehen wir optimistisch durchs Leben, glaubend zu wissen, wie man richtig lebt und sind doch völlig dumm, dem lebenden Gott fern, allein im unendlichen Kosmos oder auch schon nur auf der Erde. Das Versprechen der Schlange und das, was dann tatsächlich daraus wurde, widersprechen sich wie Schein und Sein. Im Vertrauen auf die Schlange haben sich Eva und Adam und in der Folge wir alle geirrt. Die Schlange, der Teufel, hat uns belogen und wir sind darauf hereingefallen. Nun sind wir in seiner Falle. Das ist unsere Umwelt, in der wir leben, diese Falle.
Optimistisch wie wir Menschen sind, gehorchten unsere Vorfahren nicht, nicht ahnend, was das alles auslöst. Wir Menschen sind dumm. In die Zukunft konnten die Vorfahren Israels offenbar damals schon nicht schauen und wir heute auch nicht, nicht eine Minute. Nun meinten unsere Vorfahren, mit dem ersten Ungehorsamsfall (Sündenfall) schlauer zu werden, aber wir sind nur zu Schlaumeiern, zu Rechthabern geworden, weil wir die Realität eben doch nicht kennen, sondern nur glauben, sie zu kennen, glaubten wir, ab jetzt „Wissende“ zu sein. Als sich für wissend Haltende Unwissende ist unweigerlich unser Tod die Folge.
Wenn der lebende Gott damals schon, vor dem ersten menschlichen Ungehorsamsfall, seine Welt als „gut“ beurteilte, dann hatte er eine Entwicklung nach unseren Wünschen und zu unserem Vorteil oder (finanziellen) Profit so wohl gar nicht vorgesehen? Seitdem haben wir die Welt dramatisch verändert, aber wohl nicht im Sinne des lebenden Gottes? So, wie wir heute in und mit unserer Umwelt leben, hatte er sich das nicht gedacht. Wir sind immer ungehorsamer geworden, obwohl wir doch sogar uns selbst einfach, aber ohne jede Selbstkritik, für „gut“ halten. Wir glauben, gut zu sein und damit Recht zu haben, obwohl es seit unserem ersten menschlichen Ungehorsamsfall genau umgekehrt ist.
Da der lebende Gott und alles von ihm Geschaffene ein Geheimnis sind, dürfen wir nicht glauben, dass die niedergeschriebenen Beschreibungen in der Bibel so abgelaufen sind, wie sie da stehen. Hier wird versucht, etwas zu beschreiben, was in menschlicher Sprache gar nicht beschreibbar ist. Das Geschriebene (die Bibel) ist das Ergebnis des Versuches, etwas für uns Menschen zu beschreiben, was gar nicht in menschliche Worte zu fassen ist. Wir haben nichts besseres. Wir müssen mit der Bibel zufrieden sein und sie studieren.
So lesen wir von einer Welt und Menschen, die seit diesem Ungehorsamsfall nicht mehr so funktionieren, wie der lebende Gott sich das dachte. Wie ein Auto, das dauernd Panne hat, das nicht dorthin fährt, wo der lebende Gott es hinschickt, das Schäden in der Umwelt verursacht. Immer wieder muss der lebende Gott eingreifen, damit überhaupt etwas sinnvolles passiert. Das ärgert ihn natürlich masslos.
So erzählt uns das erste Buch Mose (Genesis) nun, wie Gott mit Menschen zusammenlebt, die unwissend sind, aber laufend Entscheidungen fällen, wie sie leben wollen und müssen, aber gar nicht die Folgen kennen. Immer wieder findet Gott sie, wie sie ganz anders leben, als Gott es sich gedacht hatte, als er uns Menschen schuf. Wir erfahren von seinem Zorn und seiner Wut darüber. Dann aber reuen ihn sein Zorn und seine Wut auch wieder und er verspricht den Vorfahren Israels eine grosse Zukunft, wenn sie doch in seinem Sinne mit ihm zusammen leben würden, so wie er sich das dachte. Lebende Menschen bedeuten ihm etwas. Lebende Menschen vernichtet er nicht einfach mal so. Auch seine Schöpfung bedeutet ihm viel. Wir finden keinen Hinweis dafür, dass er sie einfach wieder zusammen stampfte und neu schuf. Auch für ihn ist seine Schöpfung jetzt, wie sie ist und wir sind, wie wir sind. Später aber … (dazu später).
Aber es wurde nichts. Jeder neue Bund, den er den Vorfahren Israels anbot, wurde wieder von uns Menschen gebrochen. Ungehorsam ist ungehorsam. Gottlos ist gottlos. Offenbar ging das nicht so einfach zu reparieren.
Interessanterweise ist die Zahl der Menschen schon zu dieser Zeit recht gross. Es gibt viele Völker rundherum, Knechte, Mägde, Sklavinnen und Sklaven. Gott erwählt und verstösst. Er segnet und verflucht. Das hat jeweils Folgen im Leben der Betroffenen. Offenbar liebt er die Vielfalt, die Unterschiedlichkeit. Damit sind Gleichheit und Gleichberechtigung, wie wir sie heute wünschen, nicht sein Ding. Wenn wir unsere heutige Auffassung von Gleichheit und Gleichberechtigung nach vielen Seiten durchdenken, dann wird ja auch klar, dass es sie gar nicht gibt, da wo Vielfalt (Diversität) und Unterschiedlichkeit Bedeutung haben. Beide schliessen sich weitgehend gegenseitig aus. Auch unsere Vorstellungen heute sind offenbar deutlich unterschieden von denen des lebenden Gottes. Seine Vorstellung von „Gerechtigkeit“ war offenbar die, dass wir gerecht sind, wenn wir so leben und funktionieren, wie er sich das ursprünglich dachte. Seit unserer Abkehr von der Art, wie er uns dachte, entfernten wir uns aber immer weiter von ihm. Das müssen wir bedenken.
Das also sind die Startverhältnisse wie es losging mit dem lebenden Gott und uns Menschen. Nun lesen und bedenken wir weiter die Geschichte Gottes mit uns Menschen auf dieser zerstörten Grundlage:
Am Ende des 1. Buches Mose folgt die Geschichte mit dem Verkauf eines Bruders der Söhne des Jakob (zusammen 12 Söhne), des Joseph als Sklave nach Ägypten. Dort kommt er auf Grund von Rücksicht, Verlässlichkeit und Selbstbeherrschung sowie Gottes Segen zu Rang und Ehren am Hofe des Königs (des Pharao). Gott offenbarte Joseph, dass er 7 fette Jahre über Ägypten und die umgebenden Landstriche schicken wolle mit Überfluss an Ernten, danach aber 7 magere Jahre mit extremem Mangel an Wasser und Ernten. Joseph solle Lagerhallen bauen und den Überfluss sammeln, damit er in den mageren Jahren die Menschen durch die Not bringen könne. Unerkannterweise überlebten auch die 11 Brüder des Joseph und ihre Familien und der Vater Jakob von diesen Vorräten, weil sie sich von diesen Vorräten Anteile abkauften. Als Joseph sich ihnen schliesslich doch zu erkennen gibt, lädt der Pharao die ganze Verwandtschaft Josephs nach Ägypten ein, um bei ihnen zu wohnen.
Josephs Verwandtschaft kommt und wohnt in Ägypten für mehrere Jahrhunderte. Das führte dazu, dass aus der Verwandtschaft ein ganzes Volk wurde. Die Ägypter empfanden das Gastvolk der Israelis zunehmend als Konkurrenz, ja als Bedrohung. Die Ägypter machten die Israelis zu ihren Sklaven.
Da beginnt im 2. Buch Mose (Exodus) die nächste Geschichte, die wunderbare Geburt und Kindheit des Mose, der später das Volk Israel mit Gottes Führung aus Ägypten durch das Rote Meer in und durch den Sinai führt. Natürlich lässt der Pharao das versklavte Volk nicht einfach ziehen. Wenn Sklaven die Arbeit machen, kann man selbst leichter und mit mehr Wohlstand leben. Deshalb hat man ja Sklaven. Aber Gott plagte die Ägypter mit vielen Plagen bis schliesslich sogar alle Erstgeborenen der Menschen und des Viehs starben, bis sie doch endlich die Israelis ziehen liessen.
Im Sinai führt Mose die Israelis über 40 Jahre von einem Ort zum anderen. Gott führt sie eigenmächtig und er lässt Mose und seinen Bruder Aaron eine bewegliche heilige Stätte, die Bundeslade, bauen, weil er selbst bei dem Volk der Israelis wohnen will. Der lebende Gott wohnt bei seinem Volk Israel.
Gott gibt dem Volk durch Mose die zehn Gebote und viele andere Verordnungen, wie sie leben und für ihre Sünden, ihren Ungehorsam, opfern sollen, um Busse zu erreichen.
Im 3. Buch Mose (Levitikus) wird vom Leben Gottes in der beweglichen heiligen Stätte inmitten des von ihm auserwählten Volkes Israel berichtet. Israel bekommt weitere Verordnungen, wie sich der lebende Gott das Zusammenleben mit dem Volk Israel vorstellt. Offenbar hatte der lebende Gott sich seine Schöpfung und die Menschen sehr genau vorgestellt. Wie das mit unseren Werken auch so ist, wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir es gerne wollen, dann bessern wir nach und wenn das nicht hilft, dann verschrotten wir Teile oder sogar alles. So lief das zwischen Gott und dem Volk Israel auch. Bei Menschen heisst das Verschrotten dann „sterben“ und so mussten ungehorsame Menschen sterben. Damit nicht so viele oder gar alle Menschen sterben mussten, wurde ein Opferprogramm eingeführt, sodass statt der Menschen Ochsen, Schaf- oder Ziegen-Böcke und Tauben starben. Da die Zahl der Verstösse gross war und die Auswirkungen des Ungehorsams der Vorfahren für Gott schlimm waren, mussten viele Tiere sterben.
Der lebende Gott, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott Israels und später der Christen zeigt sich als Gott. Er ist kein Demokrat und auch kein Diener seines Volkes, sondern es ist ganz klar und eindeutig: „Ich bin Euer Gott!“ („ihr sollt keine anderen Götter haben neben mir“).
Dann kommen noch sehr interessante Anordnungen: Gott gibt nicht nur den 7. Tag als Ruhetag, sondern auch ein 7. Jahr als Ruhejahr (z.B. für den landwirtschaftlichen Boden) und in jedem 50. Jahr ein Reset-Jahr. Schon im 7. Jahr werden eine Reihe von Entwicklungen, die zu Armut und Reichtum führen, rückgängig gemacht und im 50. Jahr fast alle diese Entwicklungen. Wer also sein Hab und Gut oder sogar sich selbst verkaufen musste, als Sklave, weil er zu arm war oder Pech hatte oder krank war oder aus anderen Gründen, der bekam sein Hab und Gut kostenlos wieder zurück und wurde als Sklave wieder frei gelassen. Grund und Boden waren Dauererbgut und konnten gar nicht so einfach verkauft werden. Gott sah die Erde und den Grund und Boden als sein eigenes Eigentum an und die Israelis waren sozusagen Pächter, nicht Eigentümer. Wahrscheinlich gab es für den lebenden Gott kein wirkliches menschliches Eigentum? Später gibt es einen Hinweis, dass er ursprünglich kein menschliches Eigentum wollte. Die Entwicklung über Jahrhunderte von Menschen geprägt, führt zu immer mehr Reichtum auf der einen Seite und zu Armut auf der anderen Seite. Später heisst es mal „Wer da hat, dem wird gegeben und wer da nicht hat, dem wird auch das noch genommen, was er hat“. Die Art und Weise, wie Realität der Schöpfung funktioniert und wie der lebende Gott sich das mit seiner Schöpfung und uns dachte, hätte Reichtum begrenzt, hätte aber auch Armut begrenzt. Das, was wir uns erträumen, Gleichheit und Gerechtigkeit bei Wohlstand für alle und ohne Armut, hätten auf der Sichtweise des lebenden Gottes, auf seine Weise verwirklicht werden können, nicht aber auf unsere menschliche Weise. Eine Art von göttlichem Kommunismus auf freiwilliger Basis in seiner Theokratie?
Noch eins ersehen wir aus den Erzählungen aus dieser Zeit: Gott schenkt uns Menschen unser Leben. Es gibt kein Recht auf leben für uns Menschen. Auflehnung gegen Gott, Kampf um Freiheit von Gott und ähnliches sind zulässig, aber enden in der Regel in vorzeitigem Tod, im gewaltsamen Ende des Lebens des Kämpfers. Wir Menschen haben Gott gegenüber keine Rechte. Wir können bitten und er schenkt oder auch nicht.
Im 4. Buch Mose (Numeri) erlebt Israel den lebenden Gott als sehr ernst zu nehmenden Gott. Immer wieder glaubt das Volk ihm nicht. Es vertraut ihm nicht und selbst die beiden Führer Mose und Aaron begehen Fehler, die dazu führen, dass Gott ihnen den Einzug ins neue und gelobte Land verwehrt. Viele sterben bei solchen Ungehorsamstaten und Fehlern und am Ende sollen und werden erst die Kinder, die Nachkommen, ins gelobte Land einziehen. Der lebende Gott ist kein Gott, den man einfach übergehen oder vergessen kann. Der lebende Gott will als Gott aufgefasst werden, nicht als Daddy, nicht als „lieber Gott“, nicht als lebloses allgemeines Sein, eine Gottheit, nicht als Mensch, nicht als Unseresgleichen. Gott sagt von sich selbst „Ich bin ein eifernder Gott!“.
Dann ist das Volk auf der Ostseite des Jordans gegenüber Jericho angekommen. Gott will seinem Volk Israel das Land geben. Selbst bei Gott gibt es hier nicht nur ein Plus. Er gibt ihnen das Land. Nein, selbst bei Gott gibt es hier ein Minus. Er befiehlt den Israelis sogar Völkermord, ganz ausdrücklich, bis auf den letzten Mann, die letzte Frau. Allenfalls Kinder dürfen leben bleiben, aber auch nicht immer und viele von denen sterben.
„Ich bin der Herr, Dein Gott! ...“ Ich will, dass Du keine Gewohnheiten, keine Urteile, keine Götter von den anderen Völkern und von den Ureinwohnern übernimmst. Das ist gleich das erste Gebot. Er gibt dem Volk die zehn Gebote und seine Version, wie er sich das Funktionieren seiner Erde und seines Volkes vorstellt und er wiederholt diese Gesetzgebung im 5. Buch Mose noch einmal ausführlich, damit auch ja nichts schief gehen kann. Doppelt sollte in den Köpfen von uns Menschen doch besser halten? Wir lernen durch Wiederholung. Aber selbst zweimal reichte oft nicht. Er sieht schon voraus, dass es anders kommen wird. Gehorsam, funktionieren nach dem Willen eines Anderen und sei er der lebende Gott, der uns geschaffen hat, war schon damals nicht unser Ding. Wir machen unser eigenes Ding. Da ist uns doch der uns erschaffen habende lebende Gott egal, oder?
Gehen wir einmal die zehn Gebote mit ihrer Bedeutung kurz durch:
„Du sollst Dir kein „Bild“ oder keine „Abbildung“ machen von irgendetwas. Da werden unsere Deutungen schon unsicher, was wirklich gemeint ist. Mit dieser Unsicherheit müssen wir leben. Sollten wir vielleicht eher sagen: Du sollst Dir kein Urteil bilden über irgendetwas? Bleibe offen für das Dir unbekannte in dieser Angelegenheit? Schon gar nicht sollen wir Bilder als Ersatz für Gott anbeten. Bevor wir lesen (und schreiben) konnten, waren Bilder aber oft eine Form von Information (Predigt) und wiederholter Erinnerung.
Gott beschreibt sich selbst als eifernden Gott Ungehorsamen gegenüber, barmherzig aber gegenüber Denen, die ihn lieben und ihm gehorchen.
Gott erwartet Achtung als lebender und handelnder Gott. Er ist keine Randfigur oder gar leblose Gottheit.
Der jeweils 7. Tag der Woche ist Ruhetag ohne Arbeit!
Ehre Deine Eltern! In Deiner Kindheit haben sich Deine Eltern für Dich geopfert. Sie sind in Erfahrung voraus. Mindestens Achtung und Ehre gebührt ihnen.
Du sollst nicht töten! Müssen wir dazu etwas sagen?
Du sollst nicht ehebrechen. Offenbar sah der lebende Gott die Monogamie als Ausdruck von Menschsein. Zwei Geschlechter zusammen... Viele Tierarten kennen Treue. Sollten wir Menschen es nicht noch mehr sein? Menschliches Leben funktioniert zu zweit mit sich ergänzenden Geschlechtern am besten, auch für den Nachwuchs.
Du sollst nicht stehlen! Arbeiten und daher haben und dann geniessen (ähnlich dem 7. Wochentag) sind eine Basis menschlichen Lebens. Wenn wir uns das noch gegenseitig streitig machen? Sind wir dann noch Menschen?
Du sollst nicht lügen! Dieses Gebot hat es entgegen unseren Erwartungen ziemlich in sich. Wir gehen ja davon aus, dass wir in der Regel wissen, was richtig ist und deshalb glauben wir, selbst gar nicht zu lügen, wenn wir das sagen. Da wir aber Sein und Schein unterscheiden müssen und da wir in der Regel ohne unsere eigene Kenntnis davon, eigentlich davon ausgehen müssen, dass wir kaum etwas wirklich sicher wissen, müssten wir ganz überwiegend einfach den Mund halten, um das Gebot zu halten. Viel Erfolg beim Schweigen (was durchaus angemessen ist)!
Du sollst nichts begehren, was einem Anderen gehört. Da haben wir uns einen wunderschönen Trick ausgedacht, damit wir dieses Gebot einhalten und auf diese Weise können wir uns vormachen, wir würden es doch locker einhalten: Wenn wir etwas weniger haben als Andere, dann finden wir das ungerecht und fordern Gerechtigkeit. Damit wir nun nicht den Besitzer direkt angehen müssen, haben wir Demokraten in unseren Demokratien den Staat verantwortlich erklärt für die Schaffung von Gerechtigkeit. So bleibt der besitzende Mensch unangetastet. Da aber in einer Demokratie wir, das Volk, Eigentümer des Staates sind, müssen wir jetzt als Staatsbürger zusammen für alle Forderungen einstehen. Jetzt sind wir alle gemeinschaftlich dran. Dieser Umweg hat dazu geführt, dass heute alle demokratischen Staaten unterschiedlich hoch verschuldet sind, viele ja eigentlich insolvent, nur noch nicht zahlungsunfähig. Dieser Umweg zu unseren Gunsten wird zu unserer Falle. Das hatte der lebende Gott anders gemeint.
So zieht Israel in das verheissene Land ein, nicht mit Mose, sondern mit seinem Nachfolger Josua. Im Buch des Josua wird der Einzug beschrieben, für jeden Stamm der 12 Söhne Jakobs in sein ausgelostes Land. Es gibt eine ganze Menge hin und her. Die Stämme müssen ihr Land erobern. So sie gehorsam tun, was der lebende Gott anordnet, so gibt er ihnen recht leicht den Sieg. Aber das ist nicht ausnahmslos so, weil offenbar doch zwischen Gottes Anordnung und der Ausführung durch das Volk Israel keine komplette Übereinstimmung herrscht. Der lebende Gott und wir Menschen verstehen uns offenbar nicht so eindeutig und unvergesslich. Die angeordnete komplette Ausrottung ganzer Völker wird häufig nicht so vollzogen. Aber schliesslich kommen alle Stämme des Volkes Israel doch in ihrem Wohngebiet zur Ruhe, teilweise mit Ureinwohnern als Nachbarn, Dienern oder Sklaven, was später wieder zu Unruhe führt (schon damals und heute nicht anders).
Es folgt eine wechselhafte Zeit, beschrieben im Buch der Richter, mit einem Hin und Her von Führern des Volkes Israel, mit Zeiten des Gehorsams und Zeiten des Ungehorsams des Volkes, das tut was es will, lebt, wie es will und irgendwelche Götter anbetet und ihnen sogar opfert. Gott ist empört über die Israelis, ihre Unbeständigkeit, ihre rasche Neigung, ihn zu vergessen. Immer wieder muss er sich ihnen in Erinnerung rufen durch Kriege der umgebenden Völker gegen Israel, durch Unterjochung Israels durch diese Völker. Zehntausende sterben. Das wird wohl kaum ein Verlauf seiner Schöpfung sein, wie Gott sich ihn ursprünglich gedacht hat und auch gedacht hat, als er sich Israel als eigenes Volk auswählte.
Dann erwählt sich Gott einen Diener, Samuel, der sein Volk führen soll. Er gewinnt Einfluss auf das Volk. Aber die Vorstellung Gottes und von ihm auch zum Gebot für uns Menschen und das Volk Gottes gemacht „Du sollst mich (Deinen Gott) von ganzem Herzen und von ganzem Verstand lieben!“ ist wohl mit einem Menschen, der sich selbst mehr liebt als Gott, der seine Freiheit und seinen eigenen Willen mehr liebt als ihn, nicht zu machen. Israel wünscht sich einen König. Eigentlich hatte sich Gott offenbar gedacht, der Führer (im Grunde der König), ja der Gott Israels zu sein. Mensch sein, Ebenbild Gottes zu sein und doch als Geschaffener eben nicht wie Gott zu sein, sondern ihm nachgeordnet, ist wohl eine Unmöglichkeit? Eigene Persönlichkeit, eigene Position, eigene Wünsche und eigenes Wollen und doch den Anderen, in diesem Falle den lebenden Gott, zu lieben und damit nicht sich selbst … Die Geschichte Israels damals zeigt wie heute, dass unser menschlicher Antrieb nur weg geht von Gott, hin zu uns selbst. In uns ist keine Gottesliebe, wahrscheinlich nicht einmal in Denen, die es von sich selbst anders glauben.
Israel wünscht sich einen König und es bekommt einen König. Gott selbst wählt ihn für Israel aus und durch die Vermittlung und Funktion Samuels erkennt Israel Saul als König an. Mit ihm als Führer besiegt Israel wieder Völker um sich herum, die Israel das Leben schwer machten und seine Reserven beanspruchten. Aber der König Saul dreht an bestimmten Stellen doch wieder sein eigenes Ding und das missfällt Gott. Darum lässt Gott auch Israels König Saul fallen und er sucht sich einen neuen König für die Juden.
Aus dem ganz einfachen Volk sucht er sich einen ganz jungen und unscheinbaren Mann aus, das Nesthäkchen einer Gruppe von Geschwistern. Ausgerechnet der soll es sein, möglicherweise, weil der noch am besten formbar war, eher als die Älteren, die bereits selbst stolz und rechthabend waren? Wir wissen es nicht. Aber wir sollten uns merken, dass der lebende Gott eher eine Neigung zu den Kleineren, Schwächeren, Untergeordneten, Ausgebeuteten, Leidenden hat. Vielleicht sind dort die Selbstsucht, die Selbstüberschätzung, der Übermut geringer als bei den Grossen, Starken, bei den Gewinnern und Herrschern?
Die Auswahl und Salbung Davids zum Kronprinzen geschieht abseits. Es dauert Jahre, die er als Kronprinz verbringt, zeitweise beim noch amtierenden König Saul als Vertreter und einer der höchsten Diener, andererseits auf der Flucht vor diesem König, weil der weiss, dass er sein Königtum verlieren wird (oft durch Mord), andererseits weil er weiss, dass David der von Gott selbst ausgewählte Nachfolger Sauls ist. Der lebende Gott sorgt dafür, dass David allen Gefahren in diesem unsteten Flüchtlingsleben entgeht. Zweimal bekommt David die Gelegenheit, König Saul feige und hinterrücks zu ermorden. Er tut es nicht, weil Saul ursprünglich ein Erwählter Gottes war. Er wartet geduldig auf seine Zeit, die er für von Gott festgelegt hält.
Schon bevor David König wird, ist er durch den Segen des lebenden Gottes im Krieg gegen die Feinde Israels sehr erfolgreich, erfolgreicher als der amtierende König Saul.
Schliesslich fallen König Saul und seine Söhne im Kampf Israels gegen seine Feinde. David wird König. Weil auch er sich nicht immer an die Weisungen Gottes hält, wird er zwar nicht verflucht und verworfen, aber es wachsen Zwietracht und Streit zwischen seinen Kindern und seinen Kindern und ihm. Zwei Söhne versuchen, ihn vom Thron zu stürzen. Beide sterben im Kampf Davids um den Erhalt seiner Regentschaft. Schliesslich wird er alt und lebensschwach, nach heutigem Vergleich ein Pflegefall.
Wieder hat sich Gott bereits den jüngsten und unscheinbarsten aller Söhne von König David ausgesucht, um ihn zum König zu machen. Er beerbt David um den Thron. Der neue, junge König Salomo ist vorsichtig, geduldig und gottesfürchtig. Er sucht nicht seinen eigenen Wohlstand oder gar Reichtum, sondern Weisheit vom lebenden Gott, um Gottes Volk, Israel, angemessen zu regieren. Tatsächlich werden die 40 Jahre seiner Regierungszeit friedliche Jahre und er erbaut nach dem Wunsch Gottes einen Tempel, in den Gott selbst mit dem bisher mobilen Heiligtum einzieht. Jetzt wohnt Gott in diesem Tempel. Jetzt wohnt der lebende Gott inmitten seines Volkes. Im Anschluss baut König Salomo auch einen Königspalast für sich.
Im Alter jedoch wird auch König Salomo Gott ungehorsam. Er nimmt sich viele fremde Frauen und betet schliesslich mit deren Götter an, ja erbaut sogar ihnen Tempel. Das führt dazu, dass der lebende Gott seinen Segen von ihm und seinen Nachkommen nimmt. Er selbst stirbt zwar unbehelligt als König, aber sein Sohn soll nur noch zwei der zwölf Stämme regieren und fortan wird Zwietracht zwischen den beiden Brudervölkern sein. Ein Leben lang Gott zugetan und ihm gehorsam zu sein, gelingt uns Menschen wohl nicht. Meines Wissens wurde im alten Testament der Bibel bisher keiner als so gehorsamer Mensch berichtet.
Nach dem König Salomo folgen einige Jahrhunderte lang verschiedene Könige in beiden Reichen, dem Reich Juda und dem Reich Israel. Ab und zu gibt es im Königreich Juda noch einen Gott wohlgefälligen König, aber ganz überwiegend und im Königreich Israel sowieso ist den Königen und Völkern ihr Gott egal. Der lebende Gott wird darüber sehr zornig und verwirft und verdammt nicht nur die Könige, sondern auch ihre Nachfahren und schliesslich ihre Völker. Der lebende Gott hat offenbar ganz andere Vorstellungen vom Zusammenleben mit uns Menschen. Er hat uns gesagt und gezeigt, wie er sich vorstellt, dass seine Schöpfung und damit auch wir Menschen funktionieren sollen. Da wir das nicht tun, haben wir kein Recht mehr zu leben, nicht als Einzelperson, nicht als Familie oder Stamm, nicht als Volk. Der lebende Gott ist Individualist offenbar nur im Blick auf sich selbst. Für uns Menschen kennt er eine einsame Bestrafung, eine gemeinschaftliche Bestrafung und auch eine gemeinschaftliche Ausrottung bis zum Genocid. Für ihn bedeutet „Menschsein“ offenbar etwas anderes als für uns oder als wir Menschen uns das wünschen und vorstellen. Wir müssen uns da schon nach ihm richten, nicht umgekehrt.
Schliesslich wird zuerst das Reich Israel von einem grossen Volk im Osten erobert, die Städte und Ortschaften teilweise dem Erdboden gleich gemacht und das Volk wird in die Verbannung getrieben und auf dem Lande Israels Bewohner aus dem Osten neu angesiedelt.
Ein bis zwei Jahrhunderte später trifft es auch das kleine Restvolk Juda. Der Tempel wird zerstört. Der lebende Gott hat es satt mit dem eigensinnigen und immer wieder abtrünnigen Volk, das er ursprünglich mal erwählt hatte als sein Volk. Ein Zusammenleben des lebenden Gottes mit seinem Volk ist offenbar nicht möglich. Das Volk Juda, der kleine Rest des früheren Volkes Israel wird deportiert in die Nähe der Flüsse Euphrat und Tigris, nach Babylon.
Da, einige Generationen später, bekommt der König Cyrus von Persien den Wunsch, die Juden wieder nach Hause zu schicken. Nicht wie bei Israels Auszug aus Ägypten muss darum gekämpft werden, nein, König Cyrus gibt die Tempelgerätschaften aus Gold und Silber wieder heraus und sorgt für Schutz für die Juden, die den Tempel und die Stadt Jerusalem mit ihren wehrhaften Stadtmauern wieder aufbauen. Auch der Widerstand der umgebenden Bewohner und Reiche kann dem nichts anhaben. Teilweise sorgt der König Cyrus sogar für die Finanzierung des Wiederaufbaus. Auch seine Nachfolger handeln in gleicher Weise. Alle Achtung! Beschrieben ist das im Buch des Propheten Esra. Diese Art zu Handeln wird klar als Auswirkung des Handelns des lebenden Gottes verstanden.
Aber selbst in dieser Zeit des neuen nationalen Aufbruchs heiraten die Söhne und Töchter der Juden Frauen und Männer aus den umliegenden Völkern, was schon x-mal zuvor dazu führte, dass die entsprechenden Juden fremde Götter anbeteten, statt den lebenden Gott der Juden. Schon x-mal hatte der lebende Gott sich das aus genau diesem Grund verbeten und die Juden dafür bestraft. Diesmal merkt Esra, der Prophet das vielleicht noch rechtzeitig, klagt diese Schuld dem lebenden Gott und die Juden trennen sich von den fremden Ehepartnern und den Kindern, die sie mit ihnen haben, um dem lebenden Gott doch wieder zu gehorchen.
Zusammen mit dem Propheten Nehemia wird der Aufbau der Stadtmauern und der Stadttore sehr konsequent fortgesetzt. Aber da steht schon das nächste Problem ins Haus. Der Unterschied zwischen Arm und Reich hat sich derart vergrössert, dass die Armen all ihr bisschen Hab und Gut verkaufen und verpfänden mussten und sich und ihre Kinder als Sklaven an die Reichen (wohl gemerkt: Juden) verkaufen mussten. Sie wissen nicht aus noch ein und protestieren unter anderem bei bei Nehemia. Der sucht und findet eine sehr interessante Lösung, an der auch wir uns heute orientieren könnten (Nehemia Kap. 5). Bitte lesen Sie selbst dort. Von uns gehört heute natürlich niemand zu solchen oder diesen Reichen. Wir sind alle arme Opfer, selbst dann, wenn wir reich sind.
Szenenwechsel an den Hof des Königs der Meder und Perser. Seine erste Frau gehorcht ihm nicht aufs Wort. So entlässt er sie. Allein ohne sie ist er allein. Auch ein Herrscher bemerkt solche Regungen in sich. So wird eine neue Frau gesucht, natürlich die schönste im Land. Schon damals suchten sich die Herrscher die schönsten Frauen. Heute sucht jeder kleine Mann die schönste Frau. Es trifft eine Jüdin, ohne das irgendjemand davon weiss. Sie und ihr Pflegevater verheimlichen es.
Irgendwann kommt ein hoher Beamter des Herrschers die Idee, alle Juden zu vernichten. Judenpogrome gab es also schon vor Jesu Zeiten. Das Gebot dazu erschleicht sich der Beamte vom König selbst. So wird es für Ende Februar nächsten Jahres festgelegt, dass im ganzen Riesenreich der Meder und Perser alle Juden umgebracht werden sollen. Die Juden geraten verständlicherweise in Angst und Schrecken. Da erinnert sich der Pflegevater seiner Pflegetochter, die inzwischen zur Königin erkoren worden war. Es entsteht eine Geschichte, die dazu führt, dass der Beamte selbst als der Böse erkannt wird statt der Juden und am Ende hängen er und seine Söhne am Galgen und die Juden sind frei und dürfen sich sogar ihrer Feinde in der Gesellschaft erwehren. Kommt da der lebende Gott der Juden seinem Volk zu Hilfe oder war es nur zufällig eine wunderbare Geschichte? Wir wissen es nicht, aber die Bibel vertritt da offenbar eine bestimmte Ansicht. Die Königin hiess übrigens Esther.
Dann wird eine Geschichte von Hiob erzählt. Er war reich, aber gottesfürchtig und Gott erlaubt dem Teufel, Hiob seinen Reichtum zu nehmen bis auf seine Gesundheit. Nun klagt Hiob zunächst seinen Freunden sein Leid. Er sei doch gerecht und gottesfürchtig und nun das? Seine Freunde versichern ihm immer wieder, dass so etwas nur bösen Menschen geschieht und damit sei klar, dass er böse ist. Er streitet das immer wieder ab und sie halten es ihm immer wieder vor.
Am Ende begegnet Gott selbst dem Hiob und erklärt ihm, dass niemand ausser ihm ohne Sünde sei, auch Hiob nicht. Wir Menschen sind Menschen, weil wir Gottes Schöpfung in der von ihm gedachten Weise durch unseren Ungehorsam zerstört haben. Nun leben wir in einer verstörten Welt. Mit dieser Welt müssen wir nun klar kommen, auch ein sich selbst für gerecht Haltender, wie Hiob und auch ein Gottesfürchtiger wie Hiob.
Es folgen Loblieder und Klagelieder auf Gott (die Psalmen). Manche Klagelieder klingen, als habe Jesus in seinem Leiden sie schon viel früher gesungen oder es hat Jemand schon vorausschauend diese Klagelieder für ihn gesungen?
Wer ist der lebende Gott? Der unsere Welt erschaffen hat, wie er es für richtig und für „gut“ hielt. Dann wollte und will er auch, dass die Welt und dass wir Menschen als Geschaffene so leben, wie er das will, nicht wie wir das wollen. Er will gelobt und gepriesen sein. Nicht, dass wir uns selber loben und er soll doch bitte uns loben und uns zu Diensten sein. Er ist Gott und wir von ihm Geschaffene. Als solche Geschaffene dürfen und müssen wir uns auf ihn verlassen. Wer käme sonst in Frage? Er allein ist der lebende Gott. Wenn wir aber nach unserem Gutdünken leben, so wie wir wollen, dann stehen wir sehr schnell allein gegen die Natur und gegen den Rest der Menschheit. Dann müssen wir allein für uns und die Unseren sorgen, müssen uns allein verteidigen, müssen unsere Umwelt und unsere Mitmenschen nicht nur ausnutzen, sondern auch bewahren. Damit sind wir schnell überfordert an Möglichkeiten, an Kräften, Zeit und Geld. Dann kommt es zu den vielen Klageliedern in den Psalmen. Gott hatte sich das bei seiner Erschaffung der Welt offenbar anders gedacht. Als Folge unseres Ungehorsams, unseres Widerstands gegen ihn, unseres Kampfes um Selbstständigkeit von oder sogar gegen ihn, unseres Kampfes um Eigenständigkeit, ja Freiheit, müssen wir uns nicht wundern. So können wir Menschen auf unsere Weise nur Verluste statt Erfolge schaffen und dann klagen wir. Politik und die Organisation menschlicher Gesellschaft sind für viele Verantwortung Tragende heute so frustrierend, wie ich immer wieder höre und lese. Kann das denn verwunderlich sein? Dabei sind doch wir die Abtrünnigen, die Ungehorsamen, die Sünder, die Anders-als-Gott-Wollenden.
Interessanterweise war es offenbar auch damals schon so wie heute: Die Bösen sind die Anderen. Ich, allenfalls wir, sind die Guten. Egal, wie wir sind, sind wir natürlich die Guten und die Anderen die Bösen. Die Anderen umgekehrt sehen das aus ihren Augen und aus Ihrer Sicht natürlich genauso. Dann sind sie die Guten und wir die Bösen. Was ist, wenn nun Beide den gleichen lebenden Gott anrufen? In der Weise, wie der lebende Gott sich bei seiner Erschaffung der Welt und uns Menschen uns Menschen gedacht hat, wäre solch eine Situation, noch dazu wie bei uns auf Dauer, gar nicht vorgekommen. Der lebende Gott allein ist gut und sein Handeln und die Ergebnisse seines Handelns sind gut. Nicht unsere Massstäbe für „gut“ und „böse“, nicht unsere Moral zählt, sondern wie er sich diese Welt und uns Menschen gedacht hat.
Nun sind wir allein gegen Alle und alles und in dauernden Kampf verstrickt. So schreien wir um Hilfe, beschuldigen die Anderen, ja wünschen Ihnen alles böse, was Diese uns wünschen. Erlöse uns, Gott! Genau diesen Zwiespalt wollte er bei seiner Erschaffung der Welt offenbar nicht! Miteinander in Ruhe zusammen leben, der lebende Gott mit uns Menschen, mit uns, seinen Geschaffenen. Ist es nicht verständlich, dass er genervt von diesen Menschen, von uns Menschen, nicht immer gleich zur Stelle ist und fragt: Wie hättest Du es gerne? Darf ich Dir Deine Wünsche erfüllen? Was sollte er dann bei den Anderen, die vielleicht sogar „besser“ sind als wir selbst, tun? Deren und unsere Wünsche beissen sich oft. Die Realität unserer Erde zeigt, dass es nur selten ein Miteinander, sondern meistens ein Auf-Kosten-des-Anderen, wenn nicht sogar ein Gegeneinander gibt. Dann müsste Gott Partei ergreifen. Genau das hat er für sein Volk Israel mit Abraham, Isaak und Jakob und ihren Nachkommen getan, aber es funktionierte nur einseitig, nicht beidseitig, weil die Juden, weil wir Menschen, immer wieder so leben wollten, wie wir leben wollen. Das führte wieder zum Streit untereinander und das Klagen und Bitten fing wieder von vorne an. Wir Menschen, Juden oder „Heiden“ völlig egal, im Dauerklagen und Dauerbitten vor dem lebenden Gott gegen die jeweils Anderen. Das soll gut gehen? Dieser lebende Gott sollte nicht zornig sein? Wie wollen wir Menschen denn begründen, dass der lebende Gott nicht zornig sein sollte? Selbst unser vieles Bitten an ihn führt da nicht weiter.
Nun folgt das Buch der „Sprüche Salomos“, wie es in früheren Bibeln hiess. Vielleicht sollten wir es eher „Ratschläge Salomos“ nennen? Es ist eine Sammlung von Gedanken und Ideen und Zusammenhängen, die uns das Leben unter den Umständen, wie wir sie eben beschrieben haben, erleichtern soll. Diese Ratschläge führen nicht mehr zum gewünschten Ziel, zum ursprünglich von Gott gedachten Ziel des Zusammenlebens Gottes mit uns Menschen auf Erden (bzw. in dieser Weise dann als Himmel). Dazu sind wir Menschen gar nicht mehr in der Lage. Da bedarf es einer anderen Rettung. Aber um das Zusammenleben auf dieser Erde unter den jetzigen Umständen so reibungsarm wie möglich zu gestalten, sind sie sehr nützlich. Ratschläge für Erziehende und Unerzogene, natürlich auch für Die, die sich selbst für wohlerzogen halten.
Im folgenden Buch werden Sprüche, Ideen und Gedanken aneinandergereiht, die uns unsere Nichtigkeit als Geschöpfe zeigen und damit verbunden auch die Nichtigkeit all dessen, was wir tun oder haben. Wenn der lebende Gott, der Schöpfer, nicht nur im Akt seiner Schöpfung, sondern auch in der Folge mit und in seiner Schöpfung der Bestimmende, der Aktive bleibt, dann sind wir Menschen als Geschöpfe wenig mehr als Staub. Extrem weit entfernt von Selbstbewusstsein und Augenhöhe zu diesem Gott. „Demokratie“ kann da nur als „Witz“ aufgefasst werden. Theokratie (nicht Diktatur eines sich für Recht Habenden und damit für Gott haltenden Menschen) ist da wohl der einzig passende Ausdruck. Denken wir diesen Fakten nach und nehmen wir sie an, freiwillig. Eine andere Wahl bleibt uns nicht. Sie würde die „Hölle“ für uns bedeuten.
Dann schliesst sich das Buch des Predigers Salomo in ähnlicher Weise an. Es sind Ansichten und Ratschläge vom Leben und leben unter der Einsicht, dass Gott uns geschaffen hat und wie er uns geschaffen hat. Bestimmte Lebensweisen sind unter dieser Einsicht sinnvoll, andere sinnlos oder sogar schädlich. Daher ist es sinnvoll, diese Ansichten und Ratschläge ernst zu nehmen und zu befolgen.
Wir nehmen einige Beispiele heraus:
Reichtum ist eher zum Schaden für den Besitzer, als zum Nutzen.
Es ist besser, mit den Trauernden zu trauern als nur nach Geniessen und Freude zu streben.
Gott handelt in der Natur und Deiner Umgebung. Kämpfe nicht gegen diese, sondern passe Dich ihr an.
Arbeite zügig und ausdauernd, aber ärgere Dich nicht, wenn sich der Nutzen nicht einstellt.
Weisheit ist sehr wertvoll und nützlich, aber wir wissen nicht, ob oder wann wir weise sind.
Das hohe Lied der Liebe. Ich finde den Begriff „Liebe“ für das, was wir hier beschrieben bekommen, nicht ganz passend. Eher würde ich von „Begehren“ sprechen. Beide begehren einander. So beschreiben sie einander liebend und begehrend in einer Schönheit, die wirklich bezaubernd ist. Ich wünsche Ihnen, dass Sie wenigstens mit einer Person des jeweils anderen Geschlechtes in Ihrem Leben eine ähnliche Phase erlebt haben. Ja, ich spreche von „Phase“, denn von ewiger Liebe ist diese Form von Liebe, das Begehren, doch auf Erden meistens weit entfernt. Aber schon eine Phase im Leben von diesem bezaubernden Begehren ist der Himmel auf Erden auf Zeit. Vielleicht ist es in Gottes „Neuer Welt“ nicht nur eine Phase, sondern dauerhaft so bezaubernd?
Manche deuten diese Darstellung der Liebes- oder Begehrensbeziehung auch auf Gott und seine Beziehung zu seinem Volk der Juden und Israels und später der Gemeinde seiner Nachfolger (genannt „Christen“). Auch das wäre eine bezaubernde Darstellung einer engen Beziehung, die kaum schöner sein könnte. Wir dürfen gespannt sein.
Nun treten wir ein in die Welt der Propheten. Sie beginnt mit dem Propheten Jesaja. Der lebende Gott hat nun schon einige Erden-Jahrhunderte, vielleicht auch tausend Erden-Jahre Erfahrung mit seinem Volk „Israel“ gemacht. So, wie er sich seine Welt mit uns Menschen und seinem Volk bei seiner Erschaffung der Welt dachte, haben wir Menschen und seine Welt sich überhaupt nicht entwickelt. Gehorsam oder Miteinander, Kooperation seitens der israelischen und jüdischen Menschen sind nur von kurzer zeitlicher Dauer vorhanden. Dann haben sich die Führer und das Volk bereits wieder vom lebenden Gott abgewandt. Sie drehen ihr eigenes Ding. Dabei war klar, dass die Menschen und die Welt nach dem Wunsch der Menschen nur eingeschränkt funktionsfähig und nicht nur zur Freude der Menschen, geschweige denn des lebenden Gottes sein würden.
So wächst in dem lebenden Gott und in den Gedanken und Ideen Jesajas nach und nach die Beschreibung dieser Katastrophen und ihrer Folgen und die Sehnsucht bzw. Idee einer radikalen Veränderung, einer Revolution in Israel und der Welt. Israel und Juda, aber auch seine Nachbarn und Bedränger, die grossen Reiche überwiegend im Osten, in Mesopotamien, sollen fallen. Nur ein Rest, vielleicht ein Zehntel der Bevölkerung, soll übrig bleiben. Bildlich gesprochen, sollen aus einem Baumstumpf wie z.B. einem Weidenstumpf wieder neue Triebe ausschlagen, wieder ein Volk Israel entstehen. Wir finden Hinweise dafür, dass ein neues Kind geboren werden soll (von einer Jungfrau) und dass es mit diesem Sohn etwas ganz besonderes auf sich haben soll. Er wird als Mensch ganz anders sein als wir Menschen. Sein Königtum wird ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit sein. Auch dieser Sohn wird als ein Spross aus dem Stamm Davids als Baumstumpf beschrieben, obwohl sonst der ganze Baum von Gott umgehackt wird.
Nach ihrer Zerstörung wird Gott das Volk der Ägypter wieder segnen und aufbauen und die Ägypter werden ihm gehorchen und dienen. Auch das Volk etwa im heutigen Irak wird in gleicher Weise wieder erstehen und Gott dienen. Als Drittem wird auch Israel neu erstehen und zum Segen werden für diese drei Völker.
Dann aber folgen wieder Vorhersagen für die Völker um Israel und für Israel selbst von Tod und Verderben. Der Grund ist nicht fehlende Moral dieser Völker, sondern der Ungehorsam Gott gegenüber und die Abkehr von Gott. Hatte Gott nicht früher sich selbst schon als „eifernden“ oder vielleicht „eifersüchtigen“ Gott beschrieben? „Ich bin der Herr, Dein Gott! Du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Unangemessenes Selbstbewusstsein, Selbstbestimmung, unbeschränkte Freiheit und damit Abkehr von der Verbindung mit Gott führen in die selbst geschaffene „Hölle“, statt in den „Himmel“, in das Leben zusammen und in Einklang mit diesem lebenden Gott.
Es scheint, als wenn nach und nach dieses Hickhack bei Gott einen Entschluss reifen lässt: Ich bin und bleibe Gott. Dieses Hickhack der Völker einschliesslich Israel und Juda auf Erden mache ich nicht mehr mit. Ich lasse mich nicht vor deren Karren spannen, sondern ich bleibe Gott und Schöpfer. Ich schaffe eine neue Welt ohne dieses Hickhack. Ich schaffe eine neue Welt, in der ich Gott bin und die Menschen friedliebende und gottliebende Geschöpfe. Wer mich liebt, gehorcht mir. Zunächst sagt er diese Wende nur voraus oder lässt sie von Jesaja voraussagen.
In Kapitel 49 kommt eine völlig neue und zuvor nicht dagewesene Vorhersage dazu: Nicht nur Israel soll sein geliebtes Volk sein, sondern sein Licht und seine Rettung soll für alle Nationen auf dieser Erde gelten! Das ist grandios! Danach kommt aber gleich auch die Vorhersage, dass Israel sein Land wieder bekommen werde und dass die Völker und Könige dieser Erde Israels Untertanen werden. Der Kampf Israels ist ein Kampf Gottes gegen die Feinde Israels. Gott ist da längst nicht so zimperlich, wie wir ihn heute gerne hätten und wie wir selbst es im 21. Jahrhundert sind.
In Kapitel 55 kommt klar zum Ausdruck, dass der lebende Gott diese Welt zu seiner Freude schuf und dass seine Gedanken und Ansichten zur Entwicklung dieser Welt ganz andere sind, als wir sie haben. Die Entwicklung dieser Welt legt er also nicht in unsere Hand, sondern die behält er selbst in seiner Bestimmung. Er richtet sich nicht nach uns, sondern wir haben uns nach ihm zu richten. So wie er sich die Welt vorstellt und unser Zusammenleben mit ihm, so kommt es zu Liebe, Freude, Frieden mit ihm und untereinander. Dann vergibt er auch frühere Abkehr und eigenwillige Entscheidungen (Sünden). Dann schenkt er uns eine gute Zukunft.
Es folgt das Buch des Propheten Jeremia. Auch Jeremia ist ein Schreckensprophet für das Volk der Juden und seinen König. Der lebende Gott hat es satt mit dem Ungehorsam seines Volkes. Er wird es in die Hände seiner Feinde geben und er wird keine Gnade mehr walten lassen. Die wenigen Hilferufe seines Volkes wird er ignorieren. Die Menschen seines Volkes und selbst das Vieh werden grösstenteils durch das Schwert geschlachtet (Ja, geschlachtet). Der Rest wird verhungern oder in Gefangenschaft nach Nordosten weggeführt werden und nicht wiederkommen. Das Volk und sein König bleiben ungehorsam und sind ganz böse auf Jeremia, den Überbringer der schlechten Nachrichten.
Auch bei Jeremia erleben wir den lebenden Gott ganz hin und her gerissen zwischen seinem Zorn gegen die ungehorsamen und gott-losen Juden und Israelis, aber auch die anderen Völker und da auch nicht nur die umgebenden Völker, sondern alle, auch die fernen. Wenn das von Jesaja prophezeite Heil für alle Völker gelten soll, dann offenbar auch die Strafen und Folgen für Ungehorsam und Abkehr vom lebenden Gott.
Im Kapitel 34 befiehlt Jeremia im Auftrag Gottes die Freilassung aller jüdischen Sklaven. Geschwister des Volkes nach sollen einander nicht als Sklaven halten. So war es bei Mose schon befohlen worden. Wenn Jemand zum Sklaven eines Anderen wurde (z.B. wegen Zahlungsunfähigkeit), so sollten sie oder er nach 6 Jahren spätestens freigelassen werden. Doch eingehalten wurde diese Regel schon lange nicht mehr und auch jetzt nur für kurze Zeit. Das missfiel Gott natürlich. Es folgt wieder die Strafandrohung.
Aber auch bei Jeremia scheint die neue Zukunft der Juden und Israels durch, die durch das Kommen Jesu in diese Welt kommen wird. Auch wenn die Juden und Israel ihrem oder seinem Gott nicht treu blieben und immer wieder sich von ihm abkehrten, er aber bleibt seinem Volk doch treu. Mit einem Rest des Volkes gibt es doch immer wieder einen Neuanfang. Das soll auch so bleiben. Wenn wir also bedenken, dass auf all den Ungehorsam seines Volkes zu Anfang eigentlich sofort der Wurf in den Müll (der Tod der Betroffenen) stand, dann ist das sich langfristig doch immer wieder diesem Volk Erbarmen eine Form von Gnade, von Grossherzigkeit, trotz all des Krieges und Sterbens innerhalb dieser lebendigen Geschichte. Aus unserer Sicht sieht es furchtbar aus mit all dem Krieg und Sterben. Aus seiner Sicht ist das immer noch seine Hingabe, seine Gnade und sein Erbarmen an Israel und später in der Zukunft auch uns andere Menschen.
In der Geschichte des lebenden Gottes mit seinem Volk Israel und den Juden erleben wir Gott auch als gross denkend. Er denkt nur sehr eingeschränkt individualistisch. So denken wir, wahrscheinlich als Folge unserer Ich-Bezogenheit, eben unseres Egoismus´. Er dagegen hat offenbar eine viel weiter gefasste Welt. Er dagegen denkt auch in langen Zeiträumen, in grossen Zusammenhängen, in grossen Zahlen von Menschen (eben Völkern), über mehrere oder sogar viele Generationen hinweg. Er lebt in dieser grossen Welt ganz angemessen. Wenn wir denken, wir könnten das (in unserer Dummheit) auch, dann ist das nicht angemessen und führt glatt in unsere selbst gestellte Falle. Werden und bleiben wir demütig diesem lebenden Gott gegenüber, denn er ist und bleibt Gott, nicht wir.
Jeremia muss miterleben, wie ein Teil seiner Prophezeiungen bereits zu seinen Lebzeiten wahr werden. Viel Krieg, Tote, Gefängnis, Kerker, Entbehrungen. Selbst für ihn ist es kein Zuckerschlecken, obwohl er nicht getötet oder ins Exil verschleppt wird.
Es folgt eine kurze Sammlung von Klageliedern. Klagelieder des Volkes Israel, das als Sklaven ins Ausland entführt wurde, nach der hochgradigen kriegerischen Zerstörung der eigenen Städte und des eigenen Landes Hungersnöten ausgesetzt ist und nun nur noch ganz wenige verarmte Menschen des eigenen Volkes im eigenen Land hat. Interessanterweise wurde uns von den beiden Propheten Jesaja und Jeremia zuvor berichtet, dass der lebende Gott selbst durch die Ausländer diese Strafe über das Volk Israel gebracht hat. Äusserlich sichtbar waren das die anderen Völker und deren Herrscher. Unsichtbar gesteuert und veranlasst war diese Zerstörung aber durch den lebenden Gott selbst. Dieses Zusammenspiel müssen wir uns auch merken für die weitere Geschichte des Volkes Israel und aller Völker auf dieser Erde. Anhaltender Ungehorsam dem lebenden Gott gegenüber führt unweigerlich zur Bestrafung des Ungehorsamen bis zur Zerstörung. Das ist bitter. Klagelieder sind verständlich und angebracht. Feiern war vorher, jetzt nicht mehr. Wie heisst doch unser Sprichwort? „Hochmut kommt vor dem Fall!“ Zum Glück sind immer nur die Anderen hochmütig, wir ja nicht. Stimmt unsere Selbstwahrnehmung?
Noch ein Prophet tritt auf mit sehr ähnlicher Botschaft, der Prophet Hesekiel. Seine Botschaft ist fast noch etwas härter als die von Jesaja und Jeremia, aber in der Stossrichtung identisch. Offenbar hatte sich der lebende Gott bei seiner Erschaffung der Welt und bei der Auswahl des Volkes Israel aus der Vielzahl von Völkern als sein auserwähltes Volk eine andere Art und Weise des Miteinanders vorgestellt. Immer wiederkehrender Ungehorsam, immer wiederkehrende Abkehr des Volkes Israel haben den lebenden Gott zur Weissglut gebracht. Er will sich seinem Volk gnädig und liebevoll erweisen, aber immer wiederkehrender Ungehorsam und Abkehr verhindern das zuverlässig. Dann ist die fast vollständige Vernichtung Israels unausweichlich. Ein kleiner Rest … Noch immer ist die Zukunft nicht zu Ende. Der lebende Gott hofft auf ein respektvolles, ja liebevolles Miteinander.
Offenbar gab es damals eine ganze Anzahl von Propheten. Er selbst musste dem Volk Israel die Zornesbotschaft des lebenden Gottes überbringen. Die anderen Propheten lobten das Volk offenbar für sein Tun. Der lebende Gott lässt unmissverständlich ausrichten, dass diese „Propheten“ nicht von ihm autorisiert sind und keine Botschaft von ihm haben, sondern ihre eigene Botschaft überbringen. Die Prophetinnen verführten die Juden sogar oft zum Glauben an irgendwelche Götzen, was Gott zusätzlich ärgerte. Sie sind also alle gar keine Propheten des lebenden Gottes. Ob diese Verteilung womöglich heute auch so ist? Propheten, die uns in unserem Tun bestätigen, sind gar keine Propheten Gottes?
Dann erzählt er vom Volk, dass zu ihm kommt, um ihm zuzuhören. Aber wenn diese Menschen wieder nach Hause gehen, dann leben sie weiter wie zuvor, ohne die Worte des Propheten ernst zu nehmen. So nehmen wir Menschen den lebenden Gott nicht ernst und auch er wird uns Menschen hinterher nicht ernst nehmen. Ungehorsam können wir sein. Die Freiheit haben wir, aber die Konsequenzen hinterher werden wir tragen müssen. Da gibt es keine Gnade. Das ist einfach die Realität oder der Realität.
Einschub: Wir erinnern uns: Ob es Naturgesetze in unserer Welt gibt, ist wissenschaftlich nicht zu klären. Wir müssten alle möglichen praktischen Möglichkeiten tatsächlich überprüfen und das können wir nicht, nicht einmal mit Supercomputern. Wir prüfen eine Reihe von Messungen und dann glauben wir einfach, dass es bei allen anderen Möglichkeiten genauso ist. Das aber ist glauben und nicht wissen und daher auch keine wissenschaftliche Untersuchung und kein wissenschaftlicher Beweis. Das Denken in Naturgesetzen ist griechisches Weltbild. Im hebräischen Weltbild ist der lebende Gott nicht nur der Schöpfer in der Vergangenheit, sondern auch der Handelnde in der Gegenwart und mögliche existierende Naturregeln sind nachgeordnet. Die folgende Geschichte klingt für Menschen mit griechischem Weltbild völlig fremd, ja unmöglich. Für Menschen mit hebräischem Weltbild ist die Geschichte völlig normal.
Hesekiel wird vom lebenden Gott auf ein Feld geführt (tatsächlich oder nur in der Vorstellung, wissen wir nicht) und dort liegen viele menschliche Knochen längst verwester Menschen. Gott befiehlt Hesekiel, über diese menschlichen Knochen zu sagen, dass sie wieder zusammenwachsen werden, dass sie wieder Sehnen und Muskeln und Haut bekommen werden und zum Ende auch den Odem des Lebens wieder eingehaucht bekommen werden. Und so geschah es. In dieser Geschichte könnte es nur Vorstellung gewesen sein. Der lebende Gott gab Hesekiel aber die Voraussage, dass es so kommen wird. Er sprach von seinem Volk Israel, also den Juden und den Bruderstämmen, die Jahrhunderte zuvor das Volk Israel gewesen waren. Auch der Ort des Zusammenkommens des gesamten Volkes Israel wird beschrieben: Das ursprünglich von Gott dem Volk Israel zugesprochene Gebiet in ganz Palästina. Der lebende Gott wird selbst dafür sorgen, nicht weil das Volk Israel so gehorsam war (das war es ja immer wieder nicht), sondern um seines eigenen Rufes, seiner eigenen Versprechen, um seines eigenen Seins als lebender Gott willen. „Die Menschen sollen sehen, dass ich, der lebende Gott, hier handele und dass ich Gott bin“.
In der Folge wird Hesekiel mitgeteilt, dass nach langer, langer Zeit das Volk Israel wieder friedlich in seinem Land Palästina leben werde, dass aber die Völker um es herum, vor allem aus dem Norden, sich zusammentun werden und gegen Israel kämpfen werden. Aber der lebende Gott selbst will für Israel kämpfen und die Armeen der Völker vernichten, damit das Volk Israel und die Völker auf der Erde sehen und erkennen, dass hier Gott selbst am Werk ist und dass er der lebende Gott ist und dass er zu seiner eigenen Ehre hier für sein Volk Israel kämpft.
Der Vorausschau nach wird auch der Tempel des lebenden Gottes wieder funktionsfähig und prächtig neu aufgebaut. Gott will wieder inmitten seines Volkes wohnen und leben. Der neue Tempel wird in seinen Grundrissen beschrieben. Die Stämme des Volkes Israel bekommen ihr Land wieder, wieder im ganzen Land Palästina, vom Jordan bis zum Mittelmeer. Der Tempel wird zum Zentrum. Drum herum das Gebiet und die Wohnstätten der Priester und Leviten als Diener im Tempel sowie das Land des Königs. Nördlich und südlich bekommen die restlichen Stämme des Volkes Israel jeweils ihr Land.
Wieder wurde das Volk der Juden vom König der Babylonier besiegt und Gefangene wurden in die Gegend von Babylon entführt. Vier junge Männer fielen dem König besonders auf. Er liess sie 3 Jahre lang für den Dienst am Hofe ausbilden. Schliesslich bewährte sich Herr Daniel, einer von den Vieren, besonders und er bekam die Zuneigung des Königs und seiner Vertrauten.
Der König hatte einen Traum, der ihm etwas bedeutete und der ihn sehr ängstigte. Seine Traumdeuter konnten ihm nicht helfen. Schliesslich wurde Herr Daniel gerufen, der ihm im Auftrage des lebenden Gottes den Traum deutete. Das zeigte dem König, wer hier der lebende Gott ist. Er wusste das auch, aber betete später doch wieder seine Götzen und Götter an. Er liess sogar eine grosse Götzenstatue anfertigen und seine vielen Völker in seinem Riesenreich sollten ausnahmslos diese Statue anbeten. Herr Daniel betete aber weiter zu seinem lebenden Gott, dem Gott der Juden. Auf Grund einer Intrige am Hofe musste der König Herrn Daniel in den Feuerofen werfen lassen. Aber auf wundersame Weise wurde Herr Daniel im Feuerofen nicht verbrannt, nicht einmal angesengt. Wieder erkannte der König, dass Herrn Daniels Gott der lebende Gott sein muss und ihm alle Ehre gebührt. Er erliess den Befehl, dass ab nun im ganzen Reiche alle Bewohner Herrn Daniels Gott anbeten sollten.
Der König hatte einen zweiten Traum. Wieder konnten seine Traumdeuter ihn nicht deuten. Auch den deutete Herr Daniel ihm. Der König würde verjagt werden und wahnsinnig werden für 7 Jahre. So geschah es auch. Nach den 7 Jahren wurde er wieder normal und wurde er wieder als König eingesetzt und regierte er noch lange.
Der Nachfolger als König liess anlässlich eines grossen Festes die beim Sieg über die Juden mit aus dem Tempel entwendeten goldenen heiligen Gefässe der Juden holen, sodass er und seine Festgäste aus diesen heiligen Gefässen assen und tranken. Das missfiel dem lebenden Gott und er liess mit einem unsichtbaren Finger 4 Worte gross an die Wand des Raumes schreiben, in dem der König feierte. Das erschütterte den König so, dass er ganz unruhig seine Deuter rufen liess, die ihm aber die Deutung nicht nennen konnten. Wieder wurde zuletzt Herr Daniel gerufen, der ihm die Deutung vom lebenden Gott überbringen konnte. Der neue König hatte um den lebenden Gott von seinem Vorgänger erfahren und doch weiter seine Götter angebetet. Das erzürnte den lebenden Gott so, dass er das Todesurteil über den König sprach. Schon in der folgenden Nacht wurde der König umgebracht.
Sein Nachfolger übernahm die Regierung. Herr Daniel und seine drei Freunde waren hoch angesehen am Königshof. Neider schmiedeten eine Intrige gegen Herrn Daniel, sodass der König ihn in die Löwengrube werfen lassen musste. Aber auch hier wurde Herr Daniel eine ganze Nacht kein Leid angetan, sodass er vom König am nächsten Morgen unversehrt freigelassen wurde. Natürlich wurde er wieder am Hof in hohen Ehren gehalten und seine Neider wurden Opfer der Löwen.
Dann hatte Herr Daniel selbst einen Traum, dessen Bedeutung er zunächst nicht wusste. …
Solche Geschichten sind für uns Neuzeitmenschen heute sehr unwirklich. Wir halten uns und unsere Weltanschauung und unsere wissenschaftlichen Erkenntnisse für rational und einzig richtig. Wenn wir etwas selbstkritisch nachdenken, müssen wir jedoch eingestehen, dass wir wissenschaftlich nicht einmal überprüfen, noch weniger beweisen können, ob oder dass es Naturgesetze überhaupt gibt. Diese Frage, ob es Naturgesetze gibt oder nicht, ist wissenschaftlich nicht überprüfbar. Man kann es glauben oder auch nicht. Auf diesem Vorurteil baut dann unser Weltbild auf. Woher unsere Ideen kommen oder gerade eben nicht kommen, wissen wir auch nicht und wird sich vermutlich gar nicht klären lassen. Genauso gut kann man glauben, dass sich der lebende Gott hier gezeigt hat. Die babylonischen Könige erkannten das ja auch, änderten nur ihre Ansicht nach einiger Zeit wieder. Wir hören oder lesen diese Geschichten und beurteilen sie zunächst einmal nicht.
Später hat Herr Daniel Visionen von einer Art Engeln, die ihm Voraussagen über weit voraus liegende Zukunft Israels berichten. Zusammengefasst werden wir von viel kriegerischem Hin und Her ausgehen müssen, von dem Israel mehr oder weniger betroffen sein wird.
Hier erlauben wir uns einen kleinen Einschub: Die Geschichte von Herrn Daniel in der Löwengrube kann man in vielen verschiedenen Richtungen lesen, verstehen und deuten. Man kann sie auch als Gleichnis lesen. Eine Deutung könnte auch sein, dass wir Menschen auf dieser Erde in einer Art Löwengrube leben. Die wilden Tiere haben wir weitgehend ausgerottet, zumindest in Reservate und Zoos verdrängt. Im Zusammenleben aber und damit auch im wirtschaftlichen Zusammenleben befinden wir uns auf einer endlichen Kugel, die wir „Erde“ nennen. Mit Freiheiten und Rechten, mit Nutzungen und Verbrauch stehen wir in der weit überwiegenden Anzahl von Gelegenheiten in Konkurrenz zueinander oder mindestens teilweise in Konkurrenz zueinander. Eine ausnahmslose win-win-Situation für beide oder sogar alle Seiten ist äusserst rar. Finanzielle Gewinne und Fortschritte vielerlei Art machen wir selten zusammen zu gemeinsamem Nutzen, sondern ganz überwiegend als Einzelne auf Kosten Anderer, also auf Kosten von uns gegenseitig und auf Kosten Aller zusammen. Durch diese Konkurrenzsituation werden wir gegeneinander wie Löwen. Wir merken es im Ehekrach, in unserer Rechthaberei zwischen den Geschlechtern, im Geschwisterkrach, in der politischen Auseinandersetzung in unseren Staaten, mit unseren Staaten und zwischen unseren Staaten, die es ja nicht einmal körperlich gibt. Der Staat ist ja nur die Form, wie wir unser Zusammenleben als Volk organisiert haben. Wenn wir uns mit dem Staat z.B. in Form der Polizei auseinandersetzen, dann ist das eine persönliche Auseinandersetzung zwischen mir und Allen als Volk insgesamt. Wenn wir damit Kosten verursachen, fallen diese Kosten zumindest teilweise wieder auf uns selbst zurück. Wir sind also wie Löwen gegeneinander und sogar teilweise gegen uns selbst. Auf Grund unserer Ansichten von Leben, Menschen, Welt und dem lebenden Gott merken wir die Zusammenhänge nur nicht.
Auch unsere zwischenstaatlichen Beziehungen oder genauer die Beziehungen zwischen unseren Völkern leben wir in dieser Löwengrube, in der wir Menschen gegeneinander die Löwen sind. Wenn wir unsere Welt mit dieser Sichtweise betrachten, dann ist Gott durch seinen Sohn Jesus Christus (was zur Zeit, als Herr Daniel lebte, noch Zukunftsmusik war) derjenige, der uns aus der Grube holen kann. Ansonsten Gnade uns Gott. Ein fröhliches Zusammenleben ist und wird das in unserer menschlichen Löwengrube nicht werden, ist es ja schon heute nicht. Unsere zunehmende Bewaffnung schadet ja nicht nur den Anderen, sondern in mehrfacher Weise schadet sie auch uns selbst mehr als sie uns nützt.
Der lebende Gott hat daher seine alte Schöpfung, zu der unsere Erde gehört, verlassen und hat eine neue Welt geschaffen, vermutlich, weil er dieses Hin und Her entgegen seinen Vorstellungen von uns Menschen auf der Erde nicht mehr tolerieren wollte. Sein Sohn Jesus Christus verliess später unsere Erde, um in Gottes neue Welt einzuziehen. Seitdem spielt sich Gottes eigentliches Leben in seiner Neuen Welt ab und unsere alte Welt hat er aufgegeben.
Nun folgt der Prophet Hosea. Herr Hosea wird von Gott wieder wie frühere Propheten zum Volk der Juden und dem Volk Israel gesandt mit der Nachricht, dass beide Völker, die ja eigentlich eine Einheit waren, wegen ihres Ungehorsams dem lebenden Gott gegenüber der Vernichtung preisgegeben werden. Es gibt für Viele ein zu spät zur Umkehr, zum Bereuen. Der lebende Gott gibt sie auf, um wenig später doch wieder voraussagen zu lassen, dass er sich beiden wieder annehmen wird, dass er beiden wieder zugänglich und barmherzig sein wird, wenn sie sich zu ihm wenden. Gott selbst ist hin- und hergerissen durch die immer wiederkehrende Abkehr der Juden und Israels von ihm, aber wendet sich ihnen wieder zu, wenn sie sich ihm zuwenden. Er vergleicht dieses Hin und Her mit der Liebe und Untreue bei uns Menschen. Er hofft auf Liebe und Treue von uns Menschen untereinander, Männern den Frauen und Frauen den Männern gegenüber und der Juden und Israelis ihm gegenüber. Er bleibt den Juden und Israel treu.
Dem Propheten Joel wird vom lebenden Gott aufgetragen, das Volk Israel zu warnen. In Abkehr von Gott wird es den Armeen der umgebenden Völker ausgeliefert sein. Es werden Dürren und Hungersnöte auf Israel zukommen. Auch die Israel angreifenden Armeen werden später ihre Niederlagen bekommen. Was ist der Knackpunkt? Hält Israel zu seinem lebenden Gott oder nicht? Gehorcht es ihm oder nicht? Das ist die alles entscheidende Frage. Ja oder Nein? Darauf folgen Segen oder Fluch. Der lebende Gott wünscht sich das Zusammenleben, er als Gott mit seinem auserwählten Volk und natürlich unter seinem Segen.
Der Prophet Amos bekommt und überbringt ähnliche Botschaft. Der Prophet Obadja überbringt eine Botschaft gegen das Volk der Edomiter, das als Konkurrent Israels lebt.
Der Prophet Jona wird von Gott nach Ninive geschickt, dem Volk mitzuteilen, dass es in Kürze von Gott seiner Gottlosigkeit wegen vernichtet werden soll. Er hat Angst, das zu tun und flieht auf ein Schiff. Das aber gerät in einen schweren Sturm. Die Mannschaft sucht nach einem Schuldigen für den Sturm und Jona beichtet seine Flucht. Zur Strafe lässt er sich über Bord werfen in der Erwartung, dann zu ertrinken, aber ein grosser Fisch verschluckt ihn in einem Stück und lebend und er überlebt sogar drei Tage, bis er an der Küste erbrochen wird und so wieder an Land kommt. Nun geht er nach Ninive.
Diese Geschichte ist skurril, aber eigentlich nicht das Besondere. Das Besondere ist, dass das Volk von Ninive bereut und umkehrt, was den lebenden Gott dazu veranlasst, seine Strafe gegen das Volk von Ninive abzusagen. Das wiederum verbittert Jona, weil nun das grosse Abrechnen Gottes mit Ninive gar nicht stattfindet. Das ist seine persönliche Sache. Für uns ist die Botschaft: Unsere Umkehr in den Gehorsam zum lebenden Gott führt auch zu einer Hinwendung dieses Gottes zu uns und zu unserem Leben. Das ist seine „Frohe Botschaft“ an uns!
Auch der Prophet Nahum hat eine Botschaft der Vernichtung für die Stadt Ninive wegen seiner Feindschaft und Greueltaten gegen Israel.
Der Prophet Micha erhält vom lebenden Gott eine Botschaft an das Volk Israel, die zunächst der Botschaft der meisten anderen Propheten gleicht: Wehe über Israel als Konsequenz für Israels Abkehr von Gott. Aber auch er bekommt gleich den Auftrag mit, die Rückkehr Israels nach der Vernichtung und Gefangennahme und Abführung durch die Sieger vorauszusagen. Bei Herrn Micha nimmt diese Botschaft sogar einen grösseren Teil ein, als bei den anderen Propheten. Im vierten Kapitel folgt dann sogar eine Vorausschau auf ein Friedensreich, das vom Haus Gottes, dem Tempel auf dem Berge Zion ausgehen wird. Viele Menschen aus der ganzen Welt werden nach Jerusalem auf den Berg Zion kommen, um von hier die „Frohe Botschaft“ vom Friedensreich zu hören.
Dann folgen die prophetischen Worte „Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spiesse zu Sicheln machen.“ Bereits nach dem Ende des kalten Krieges zwischen Ost und West in den 1990iger Jahren hatten wir in Europa geglaubt, dass es soweit sei und dass im Hause Europa Frieden einkehre, der auf die ganze Welt hinausgetragen werden könne. 30 Jahre später ist uns völlig klar, dass aus dem Hause Europas dieses Friedensreich nicht in die Welt hinausgetragen wird. Europa vernichtet sich in Geschwister- und Bürgerkriegen auf europäischem Boden selbst. Die Schäden daraus wirken sich auf die ganze Welt aus. Wir werden weiter auf das Friedensreich warten müssen, das der Voraussage nach nicht aus Europa in die Welt kommen wird, sondern vom Tempel des lebenden Gottes in Jerusalem. Frieden entsteht in unserem Gehorsam und unserer Hinwendung zum lebenden Gott, dem Gott der Juden, Israelis und in der Folge der Christen.
Im 5. Kapitel finden wir die Andeutung, dass der ewige Retter und Führer des Volkes Israel in Bethlehem geboren werden wird. Er wird das Friedensreich auf Erden schaffen. Die Gründe für die Abkehr des Volkes Israel von seinem Gott und auch der vielen anderen Völker auf der Erde von diesem Gott, wird er vernichten. Wahrscheinlich werden wir hier eine Vorausschau auf das Kommen Jesu vor uns haben, die sich bereits um das Jahr 0 christlicher Zeitrechnung erfüllte.
Zusammenfassend wird ausgedrückt, was wichtig ist nicht nur für Israel, sondern für uns alle Menschen: 1. Gehorche Gott. 2. Übe Liebe. 3. Übe dich in Demut Deinem lebenden Gott gegenüber.
Noch einmal folgt die Klage über den Ungehorsam und die Abkehr des Volkes Israel von seinem Gott, dann aber der Völker und des Menschen an sich auf der Erde vom lebenden Gott. Herr Micha ist nicht nur zum Volk Israel gesandt, sondern zu allen Völkern bzw. Menschen auf dieser Erde, also auch zu uns.
Leben in der Abkehr von den Funktionsregeln der Schöpfung des lebenden Gottes führt bis dahin, dass wir unsere Feinde im eigenen Haus und in der eigenen Familie haben.
Zum Abschluss folgt die Hymne auf den lebenden Gott der Juden und Israels: „Wo ist solch ein Gott, wie Du bist, der den Umkehrern in seinem Volk ihre Schuld für ihre Abkehr vom lebenden Gott der Juden vergibt und die Strafe erlässt und selbst Barmherzigkeit übt an ihnen?
Die kurze Nachricht durch den Propheten Habakuk hat drei Teile. Die Abkehr des Volkes Israel von seinem Gott wird dieser durch einen Überfall der grossen Armee der Chaldäer „belohnen“. Aber auch das Volk der Chaldäer ist selbstherrlich und gottlos und wird daher später der Vernichtung anheim gegeben. Der lebende Gott hat Zeit. Es geschieht nicht alles sofort. Letztlich aber sind wir Menschen und seine Schöpfung zum Lobe und zur Freude Gottes da und auch die Vernichtungen dienen eigentlich nur dem Zweck, uns Menschen wach zu rütteln und in dieses Lob einzustimmen.
Auch die kurze Nachricht des Propheten Zephania ergeht wegen der Abtrünnigkeit und Gottlosigkeit des Volkes Israel, aber auch umliegender Völker wie den Philistern, Moabitern, Äthiopiern und Assyrern. Gott will, dass sie nach seinen Regeln leben, so, wie er sich das gedacht hat. Dann wird es ihnen gut gehen. Sonst werden sie leiden und vernichtet werden. Zusammen mit dem lebenden Gott soll es für die gottesfürchtigen Menschen eine Freude werden.
Nun folgen zwei Propheten, Haggai und Sacharja, die in Jerusalem auf die Rückkehrer aus der Gefangenschaft treffen. Ihre eigenen Häuser haben sie einigermassen aufgebaut. Sie bekommen auch wieder Ernten von ihren Feldern und Viehherden, aber ihre Arbeit ist mühselig. Der Tempel des lebenden Gottes aber, ihres Gottes? An den wurde bisher nicht gedacht. Er liegt in Trümmern und ist eine Ruine. Der lebende Gott lässt ausrichten „Baut meinen Tempel wieder auf! Denkt nicht nur an Euch, sondern auch an mich! So werde ich Euch segnen und Eure Ernten und Gewinne werden sich verbessern, weil ich Euch segnen werde. Mein Segen für Euch hängt aber an Eurem Respekt und Eurer Hinwendung und Liebe zu mir.“
Der Prophet Sacharja hat wieder eine vielschichtigere Botschaft als manche der anderen Propheten. Natürlich geht es wieder um den fehlenden Gehorsam der Vorfahren der zu der Zeit lebenden Juden und die Aufforderung des lebenden Gottes: „Kehrt um und zurück und folgt mir, Eurem Gott!“ Darauf folgt auch unmittelbar die Ankündigung, dass er, der lebende Gott, sich dann auch seinem Volk der Juden wieder zuwenden würde. Beide Kehrtwendungen gehören zusammen und ihre Verbundenheit entsprechend dem Alten Bund wird immer wieder hervorgehoben.
Bei Herrn Sacharja wird dann auch wieder die Art und Weise beschrieben, wie Gott sich seinem Volk wieder zuwenden will. Er ist ganz scharf darauf. Er lässt auch Gnade vor Recht walten.
Es gibt zwei wesentliche Weltbilder in der damaligen und auch in unserer heutigen Gesellschaft. Das griechische Weltbild ist ganz überwiegend in uns Menschen verankert. In diesem Weltbild ist Gott meist der transzendente, der entfernte, der im Himmel tronende Gott, irgendwie auch nah, aber unkörperlich, eben transzendent nah, was sich fast gegenseitig ausschliesst. Auch in der Bibel wird dieses Weltbild teilweise verwendet. Hier gibt es eher Gott als Gottheit und kaum als lebenden, persönlichen, handelnden, nahen Gott.
Dann gibt es aber auch das damals seltene und heute fast verlorene hebräische Weltbild mit dem lebenden Gott. Hier ist Gott schon in der Schöpfungsgeschichte der handwerklich gestaltende Gott, der dann auch später mit seinem Volk durch die Wüste zieht, nicht körperlich, aber doch sehr nahe. Er lebt, ist wie eine Person, freut sich, leidet, ist zornig und barmherzig. Auch bei Herrn Sacharja wird wieder deutlich: Der lebende Gott will bei seinem Volk leben (Kap. 8, gleich zu Anfang) in Jerusalem. Er beschützt und kämpft und besiegt. Er ist zornig wegen des Ungehorsams nicht nur der Juden, auch der umliegenden Völker, aber er hofft auf Zusammenleben nach seinen Ansichten und seinem Willen in Frieden.
Herr Sacharja berichtet eine ganze Anzahl von Visionen, die er hatte, oft im Traum, dann aufwachend. Diese Visionen sind zu einem grossen Teil geheimnisvoll. Ich weiss nicht, ob wir sie für uns irgendwie deuten können. Der lebende Gott, ja, sogar wir und die Beziehung von ihm zu uns und umgekehrt sind eben geheimnisvoll. Wahrscheinlich haben wir es hier auch mit Grenzen unserer Fähigkeit zum Verstehen zu tun. Halten wir diese Grenzen ein.
In Kap. 9 kommt dann zart angedeutet eine Vorankündigung des späteren Einzuges Jesu auf einem Jungtier einer Eselin in Jerusalem hervor. Der Alte Bund, den der lebende Gott mit Herrn Abraham, Herrn Isaak und Herrn Jakob geschlossen hatte, wird zu Ende gehen. Gott selbst kündigt ihn auf, nachdem er von den Juden immer wieder gebrochen worden war. Es wird Platz für einen Neuen Bund, der hier aber bisher nur mit geringen Andeutungen aufkeimt.
Beim Propheten Sacharja kommt viel Hoffnung für das Volk der Juden zum Vorschein. Statt Fasten und Leid tragen soll wieder Freude und Feiern in die Wohnungen und Strassen der Juden in Jerusalem und Israel einziehen. Die Kinder werden wieder auf den Strassen spielen.
Selbst für manche Nachbarvölker besteht Hoffnung. Auch ihnen wird in Kap. 9 eine Zukunft in der Nachbarschaft Israels vorausgesagt.
Immer wieder erleben wir das Hin und Her der Botschaft des lebenden Gottes zwischen Strafen (die Führer des Volkes der Juden, das Volk der Juden, auch die feindlichen Völker als Nachbarn Israels) und Sammeln und Beschützen des Volkes der Juden, in deutlich geringerem Masse auch der Nachbarvölker. Übriggebliebene werden aber auch aus vielen Völkern nach Jerusalem zur Anbetung kommen mit den Juden zusammen.
Schliesslich lesen wir als letztem von dem Propheten Maleachi. Seine Botschaft weicht etwas ab von der der anderen Propheten. Immer wieder argumentiert Gott mit den Priestern und Leitern und dem Volk der Juden. „Ihr gehorcht meinen Worten nicht und nehmt mich nicht ernst!“ Da fragen die Juden doch „ Wie nehmen wir Dich nicht ernst und wie gehorchen wir Dir nicht? Was sollten wir denn noch tun?“ Und so merkt Gott immer wieder, dass er und die Juden aneinander vorbei reden. Den Juden ist gar nicht klar, wie weit sie sich von ihrem lebenden Gott entfernt haben. Darauf Gott: „Ich werde kommen und wenn ich komme, werden die Menschen auf Erden, auch Ihr, geläutert werden im heissen Schmelzofen. Dann wird das Reinmetall von der vielen Schlacke getrennt werden und nur das Reinmetall wird bestehen und gesammelt werden. Denen, die im heissen Schmelzofen bestehen können, werden Gerechtigkeit und Heil zu Teil werden, Denen, die nicht bestehen, die Gottlosen werden zertreten werden und zu Staub zerfallen.“
Damit endet das Alte Testament, der Alte Bund des lebenden Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel und den Juden. Bis zur Auferstehung Jesu aus dem Grab nach der Kreuzigung wird der Alte Bund noch bestehen. Das Neue Testament berichtet uns von der Menschwerdung, dem Wirken und Vollenden des Alten Bundes durch den Messias, den Erlöser. Dort geht es weiter. Dann wird uns auch vom Weitertragen des Neuen Bundes zu den Völkern in aller Welt berichtet.