Kreislaufwirtschaft

Durch die Evolution der Natur hindurch, so wie wir ihren Ablauf heute in Form der Evolutionstheorie glauben, finden wir die Lebewesen als eine Kreislaufwirtschaft. Es wird geboren, gelebt und gestorben. Nach dem Tod setzt die Verwesung ein, der Abbau wieder zu Erde. So entwickelte sich über Jahrmillionen hinweg Mutterboden über dem Felsen als Reste meist pflanzlicher Lebewesen. Der Tod der vielen Pflanzen schuf über lange Zeiträume guten und fruchtbaren Mutterboden für später wachsende Pflanzen.

Da die gesamte Tierwelt auf Nahrung aus Pflanzen angewiesen ist, selbst die Fleischfresser, deren Opfer oft Pflanzenfresser waren und sind oder deren frühere fleischfressende Opfer Pflanzenfresser in der Nahrungskette hatten. Auch die Tierwelt ist eingeschlossen in die Kreislaufwirtschaft von biologischen Stoffen. Eine Anfang-zu-Ende-Wirtschaft, pflanzlich oder tierisch oder beides würde nach endlicher Zeit zu einem Ende führen. Die Kreislaufwirtschaft ist wegen der begrenzten Ressourcen die Bedingung für den so langen Bestand von Leben auf unserer Erde.

Wir Menschen haben überwiegend seit etwa 1500 nach Christus zunehmend technische Hilfsmittel entwickelt und benutzt. Dass diese zunächst funktionierten wie eine Produktions-zu-Müll-Wirtschaft (Anfang-zu-Ende-Wirtschaft), ist nachträglich etwas verwunderlich, da sie ja hätte zu einem Ende führen müssen. Die Einführung der Kreislaufwirtschaft für alle technischen Hilfsmittel neben den biologischen Materialien in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist also eigentlich nur folgerichtig und wäre irgendwann zwingend geworden, auch wenn wir Menschen nicht auf die Idee dazu gekommen wären. Wir werden auch die technische Kreislaufwirtschaft auf 100 % bringen müssen, wie das bei der biologischen schon seit Millionen von Jahren so funktioniert. Der Energieerhaltungssatz führt allerdings dazu, dass wir weiter immer etwas Energie hinzuführen müssen. Sonst erlahmt der Kreislauf. Woher und in welcher Form nehmen wir diese Energie?

Auch wir Menschen gehören in die Kreislaufwirtschaft. Auch wenn wir uns für die Krone der Schöpfung und der Lebewesen halten, so gilt doch auch für uns, dass wir in die biologische Kreislaufwirtschaft gehören. Selbst, nachdem wir unsere Lebenslänge überwiegend verdoppelt haben, entkommen wir der biologischen Kreislaufwirtschaft nicht. Deshalb gibt es ja heute die Bestrebung von sich für besonders clever, schlau und fähig haltenden Menschen, uns Menschen oder wenigstens sich selbst weitgehend unsterblich zu machen.

Dagegen ist ja zunächst gar nichts einzuwenden. Aber wir sollten uns vielleicht doch, bevor es soweit ist, ein paar Gedanken dazu machen.

Bisher haben wir unser Leben vor allem durch mehr Nahrung und einige andere Zusätze verlängert. Die erste Hälfte des Lebens, die wachsende und sich entwickelnde ist sicherer geworden. Die Kindersterblichkeit sank dramatisch. Das hat zum grössten Teil zur Verlängerung der Lebenserwartung geführt. Die zweite Lebenshälfte, die abnehmende an Kraft, Energie, Funktionsfähigkeit und schliesslich auch Denkvermögen haben früher viele Menschen gar nicht erlebt. Heute erleben die Meisten auch diese Lebensphase. In diese Phase fallen die meisten der körperlichen Erkrankungen. In der ersten Lebenshälfte sind vor allem die kriegerischen Erkrankungen von Bedeutung, die verlorenen Kriege gegen Viren, Bakterien und andere Kleinstlebewesen und in zweiter Linie die verlorenen Kriege gegen grosse Tiere einschliesslich uns Menschen. Die degenerativen und vielen Alterserkrankungen traten und treten in der ersten Lebensphase (etwa bis zum 45. Altersjahr) kaum auf.

Verlängert haben wir vor allem die zweite Lebensphase, die abnehmende. In dieser Phase treten die vielen degenerativen und Alterserkrankungen auf und auch die vielen Erkrankungen, die mit einer guten und übermässigen Nahrungsfülle auftreten (Arterienverkalkungen und ihre Folgen an Herz, Hirn, Beinen, Nieren; Hoher Blutdruck mit seinen Folgen; Diabetes mell. Typ II mit seinen Folgen; Blutfettstörungen; Übergewicht mit seinen vielen Folgeerkrankungen; …).

Leider mussten wir feststellen, dass wir auf dieser Erde allein oder zusammen alles erarbeiten müssen, was wir gebrauchen oder gar geniessen wollen. Von allein kommt nichts. Es gibt keinen Wirtschaftsmotor, kein arbeitendes Geld, kein Perpetuum financile. Selbst die technischen Hilfsmittel und sogar die selbsttätigen Roboter und die sogenannte künstliche Intelligenz reduzieren unsere Arbeit nur quantitativ, aber entheben uns qualitativ nicht der Arbeit. Es gibt kein Limit, hinter dessen Überschreiten wir es endlich geschafft hätten: Jetzt können wir die Hände in den Schoss legen und lassen uns nur noch bedienen. Das klappt nicht. Es bedeutet also: Lebensverlängerung bedeutet Arbeitsverlängerung bzw. -vermehrung.

Da weder die Menschen in der Pharmaindustrie noch die im Gesundheitswesen für lau arbeiten wollen, sondern dafür einen Lohn haben wollen, wird die Verlängerung des Lebens in der zweiten Lebenshälfte mit den zunehmenden Erkrankungen immer teurer. Das Geld müssen wir zusätzlich erarbeiten neben den schon vorher für unser Überleben notwendigen Arbeiten (Nahrung, Gastronomie, Transport, Kunst und Kultur, Forschung, Bildung, ...).

Aber wir wollten doch irgendwann endlich nicht nur formal in Rente gehen, sondern wirklich mit der Arbeit aufhören, nur noch geniessen, wenigstens im Alter. Die Grenzen unseres Menschseins stören da nicht nur, sie verhindern es.

Ja, da müssen wir eben doch alle länger und mehr arbeiten, wenn wir länger leben wollen. Wir sehen es nicht ein, aber uns bleibt keine andere Wahl. Wir haben gar keine Wahl. Dazu kommt aber noch, dass wer viel arbeitet und produziert, nicht zugleich Kinder bekommen und erziehen kann. Wir versuchen es mit allen möglichen Raffinessen, doch zu ermöglichen, wie Kindertagesstätten, Ganztagsschule, Mutter- und nun auch Vaterschaftsurlaub, …). Dummerweise gibt es da auch wieder ein Limit zwischen arbeiten und geniessen, das wir gar nicht überschreiten können. Unsere Arbeitseffektivität sinkt, damit die Lohnhöhe im Verhältnis zur Arbeitsmenge. Zum Glück sorgen unsere Gewerkschaften dafür, dass die Löhne nicht sinken. Kennen Sie die Folgen?

Je weniger wir aber Kinder haben, desto weniger Kinder können jeweils für die Alten sorgen. Wir werden eine überalterte Gesellschaft, die immer weniger Waren und Dienstleistungen erarbeiten kann, die wir dann zusammen auch ge- und verbrauchen und geniessen können. Das bedeutet auch, dass unsere Wirtschaft gar nicht unbegrenzt wachsen kann. Es gibt die Wirtschaft gar nicht, weshalb es auch keinen Wirtschaftsmotor gibt. Es gibt nur uns Menschen als produzierende und miteinander Handel treibende Personen. Unsere persönlichen Grenzen bedingen, dass unser produzieren und miteinander Handel treiben begrenzt sind. Das lässt sich gar nicht ändern.

Seit etwa 1850 nach Christus kam es durch unsere Erfolge bei der Nahrungsbeschaffung und Lebenssicherung dazu, dass die Zahl der lebenden Menschen eine Grösse erreichte, die erahnen liess, dass es auch hier auf der Erde eine Begrenzung gibt. Ab jetzt werden wir ja wieder weniger. Das Problem lösen wir durch unseren wirtschaftlichen und technischen Erfolg automatisch. Menschen, deren Lebenslänge sich nun noch einmal verdoppeln würde oder gegen unendlich ginge, würden zu einer weiteren Verschiebung der Anzahl lebender Menschen zu alten Menschen mit allen Folgen führen. Die jungen Menschen würden nach und nach zur Ausnahmeerscheinung. Das würde unsere Lebens- und Arbeitsstruktur so völlig in ungünstige Verhältnisse schieben, dass abzusehen ist, dass wir damit das Ende unserer Menschheit selbst provozieren würden. Ewig lebende Menschen würden irgendwann notwendig machen, dass keine Kinder mehr geboren würden und auch nicht geboren werden dürfen. Nur noch Massen von alten Menschen auf der Erde. Viel Spass unseren Kindeskindern.

Diese Aufzählung von menschlichen Problemen im Zusammenhang mit unseren Errungenschaften und Erfolgen ist nicht abschliessend. Wir könnten weitere finden.

Wie bei allen meinen Äusserungen, glauben Sie mir bitte nichts, ohne lange darüber nachgedacht zu haben und alle möglichen möglichen Deutungen durchgespielt zu haben. Bevor Sie Konsequenzen ziehen möchten, überdenken Sie bitte wie beim Schachspiel mindestens die nächsten drei Ihrer Züge und der möglichen Züge Ihres Gegners, in unserem Falle also der uns umgebenden materiellen und lebenden Natur und Umwelt in all den undurchsichtigen kommunizierenden Röhren. Ich könnte schliesslich auch irren.

9 September 2026
wf