Egal, welchem Weltbild wir heute anhängen, es wird kaum eines geben, dass nicht von einer geschichtlichen Entwicklung in den letzten 3000 Jahren ausgehen kann und wird. Wir Menschen haben uns verändert, entwickelt und so können wir versuchen, in der Geschichte von uns Menschen verschiedene Einflüsse durch die Zeiten zu verfolgen und damit Ursachen, Vorgänge und deren Folgen in Beziehung zu setzen und damit herauszufinden, ob sich irgendein Sinn ergeben könnte.
Da gibt es viele Möglichkeiten und schon viele Ansätze sind versucht worden und die Ergebnisse veröffentlicht worden. Ich bereichere uns nun um einen weiteren Ansatz, wobei der durchaus nicht allein auf meinem Mist gewachsen ist. Ich habe schon vor vielen Jahren von ihm gehört. Damals hat mir dieser Ansatz nichts gesagt. Ich hatte ihn später weitgehend vergessen, aber in den letzten Jahren ist er mir wieder häufiger in den Sinn gekommen und er ergibt für mich zunehmend einen Sinn, der mir unsere Realität, in der wie leben, besser verstehen zu helfen scheint. Deshalb habe ich ihn weiter verfolgt.
Es gibt in der östlichen Hemisphäre unserer Erde einige Entwicklungsstränge des Weltbildes. Auch auf dem amerikanischen Kontinent gab es Entwicklungsstränge. Die sind weitgehend durch Einwanderer verdrängt worden. In Afrika gibt es verschiedene Entwicklungen. Auch im Dreieck zwischen den Kontinenten Asien, Europa und Afrika, heute überwiegend von arabischen Völkern bewohnt, gibt es solche verschiedenen Entwicklungen.
Genaue Zahlen stimmen häufig eher nicht und sind nachträglich nur mehr oder weniger sicher zu bestimmen und auf Genauigkeit zu überprüfen. Daher fasse ich den Zeitraum bewusst grösser. In den 2000 Jahren vor Beginn der christlichen Zeitrechnung haben sich unter vielen anderen Strömungen auch eine hebräische und eine griechische entwickelt. Grösstenteils werden sich diese beiden Strömungen parallel entwickelt haben. Auch wenn sie gar nicht so weit entfernt voneinander abliefen und sicher auch Begegnungen und Austausch zwischen beiden stattfand, sind sie doch sehr grundsätzlich voneinander getrennt.
An Einfluss gewonnen hat allerdings ganz überwiegend die griechische Sicht auf die Welt. Die hebräische und später jüdische Sicht hat an zahlenmässiger Bedeutung dramatisch abgenommen, interessanterweise sogar bei den Juden selbst. Viele Juden kennen den Unterschied und die daraus völlig unterschiedlich erwachsenden Folgen gar nicht (mehr). Das macht die Unterscheidung und die Entwicklung um so spannender. Auch bei dem aus dem Judentum direkt hervorgegangenen Christentum sehen wir die gleiche Entwicklung, wie bei den Juden.
Die Griechen sahen in die Welt und in den Kosmos wie in eine Maschine, ein Uhrwerk, wie in Stoffwechselprozesse und der gleichen. Die Maschine oder die Stoffwechselvorgänge liefen nach Regeln, nach Prinzipien oder eindeutiger ausgedrückt, nach Gesetzen oder Naturgesetzen. So konnten sie den Lauf der Sterne berechnen und versuchten das auch mit anderen Vorgängen auf und um die Erde, was mal besser und mal schlechter gelang. Die Sonne, der Mond und die Sterne zogen ihre Bahnen. Es wurden mathematische Gesetze gefunden und formuliert. Die Zeit wurde eingeteilt. Die Sicht in die Welt und den Kosmos war die eines lebenden Menschen oder vieler lebender Menschen in eine materielle Welt, auf der sich auch viele Lebewesen örtlich fest gebunden wie Pflanzen oder frei beweglich wie alle Art von Tieren befanden. Da sie nicht wussten, was „leben“ und auch vieles andere ist, blieben viele Erklärungen aus ihrer Sicht unsicher oder ungenau oder fragwürdig. So schuf man sich in ihrem Weltbild auch Götter und ähnliche Wesen. Wer wollte denn sagen, was ist? Jeder glaubte etwas und verhielt sich entsprechend. Ohne einen grundlegenden Glauben im Sinne einer Sicht und Erklärung seiner Umwelt können wir auf dieser Erde und in dieser Welt (einschliesslich Kosmos) gar nicht leben. Wir nehmen unsere Umwelt wahr, deuten sie in Form eines Weltbildes, haben seit unserem Trotzalter im dritten Lebensjahr Recht, ganz egal, was wir für „richtig“ halten und haben keinen Fühler für unsere Fehler. Was hat diese Konstellation für Folgen? Wir Menschen werden es erleben.
Die Juden entwickelten sich offenbar ganz anders. Die meisten Ansichten, wie es gewesen sein könnte, erfahren wir aus den frühen Schriften der Juden und später Christen, also der Thora und des Alten Testaments. Offenbar fing Gott mit einem einzelnen Paar Menschen an. Schon auf den ersten Seiten dieser alten Schriften werden wir Menschen gleich mit einem lebenden Gott bekannt gemacht und werden auch noch als von diesem erschaffen dargestellt. Wir Menschen werden gleich zu Beginn einem Du (persönlich) und nicht einem Es (einer Sache ohne Leben und Person) gegenübergestellt. Es kommt auch gleich zu Anfang klar ans Licht: Dieses Du, dieser lebende Gott, ist grösser, bedeutender, bestimmender als ein Es, ja sogar als wir Menschen selbst. Gleich zu Beginn kommen unsere Grenzen ans Licht. Wir leben auch in einer Welt und sind Teil der Welt, aber bestimmend ist dieser lebende Gott, weder die materielle oder lebende Welt, nicht unsere Herrscher und Regierungen, noch ich selbst. Die materielle Welt ist genauso geschaffen, wie wir Menschen geschaffen sind.
Die materielle und die lebende Welt und auch wir selbst sind auf diesen lebenden Gott bezogen. Das ist hebräisches, später jüdisches, eigentlich ja sogar israelisches Denken. Dieses Weltbild, diesen Glauben, diese Sicht haben die Christen später von den Juden übernommen.
Jüdisches Denken und später christliches Denken hat den lebenden Gott in der Mitte als Ursprung, als bestimmend und als Ziel. Die Griechen dagegen kannten keinen lebenden Gott, sondern eine unbelebte und belebte Welt, in der sie sich zurechtfinden mussten, die sie aber auch nach ihrem Gutdünken (also nach dem, was sie selbst für „gut“ hielten) verändern konnten. Götter konnten da auch noch etwas Einfluss nehmen. Spitz ausgedrückt: Eine Du-Ich-Beziehung (hebräisch) als Glauben und eine Es-Ich-Es-Beziehung (griechisch) als Glauben.
Was hat dieser Unterschied für Auswirkungen auf uns?
Im jüdischen Weltbild ist Gott der Handelnde. Die materielle Welt und wir Lebewesen sind nachgeordnet. Der lebende Gott bleibt auch nach der Schöpfung noch der Handelnde. Das berichten die Schriften aus dem leben und erleben mit dem Volk Israel. Auch Regeln, nach denen diese Welt und wir Lebewesen funktionieren sollten, sind nachgeordnet. Wunder gäbe es im jüdischen Denken eigentlich gar nicht, weil der lebende Gott sowieso über den Regeln steht und handelt, also Schöpfung und Handlungen (Wunder) vollbringt. Es geht gar nicht anders.
Das griechische Weltbild geht dagegen von einem unbelebten Es als uns gegenüber aus. Lebewesen wie die Pflanzen, Tiere und wir Menschen leben auf und in diesem Es. Dieses Es kann natürlich nicht „schaffen“ wie in einem Schöpfungsakt. Es kann nicht in der Geschichte handeln, wie ein lebender Gott. Hier kommen Regeln oder sogar Gesetze und Naturgesetze als Bestimmende ins Spiel. In der Umwelt wurden Regeln oder sogar Gesetze, später als Naturgesetze bezeichnet, gefunden und beschrieben. So bewegen sich Sonne, Mond und Sterne und auch die Dinge auf unserem Globus (damals noch als Scheibe gedacht).
Wenn in diesem Weltbild ein lebender Gott plötzlich handelt, dann sind das Wunder. Dann sind das Unmöglichkeiten im Möglichen.
Die Beziehung der Juden zu ihrem lebenden Gott war sehr wechselvoll. Das wird uns in den Schriften berichtet. Im Grunde war es recht einfach: Gott wünschte sich ein Zusammenleben mit dem Volk der Juden, mit Israel und das auf eine Art und Weise, wie er sich das wünschte. Das Volk Israel aber lebte jeweils nur für kurze Zeit annähernd so wie er sich das wünschte und entfernte sich dann immer wieder von ihm in seinem Denken und Handeln.
Leben können wir nur mit einer Auffassung, einer Ansicht, wie man auf diesem Globus leben kann. Das ist unsere Weltsicht, unsere Philosophie, unser Glaube. Viele Völker um die Juden, um Israel herum, glaubten an verschiedene Arten von Göttern. Das war ihre Sicht der Welt. Die Griechen glaubten auch an die unbelebte Welt, das Es. Viele spätere Kulturen, so auch wir, haben die griechische Denkweise übernommen. In dieser Denkweise kommt ein lebender Gott gar nicht vor. So wurde das Es, unsere Umwelt immer bedeutender. Ein göttliches Du im Sinne eines lebenden Gottes kannten die alten Griechen nicht.
Im jüdischen Weltbild kann sich keine Moral entwickeln. Gott sagt nicht: „Lebe so und so, dann bist Du gut (egal, ob mit oder ohne mich)“, sondern er sagt: „Lebe so, wie ich das will, weil ich Gott bin und es so will und weil ich mit Dir zusammen leben will. Ich, der lebende Gott, „bin gut“ (und sonst nichts und keiner)."
Die Frage der Moral ist eine typische griechische Angelegenheit. Das leblose Es, unsere Umwelt auf Erden und im Kosmos funktioniert offenbar nach (Natur-)Gesetzen. Wir Menschen leben zusammen auf dieser Erde. Also müssen auch wir uns eine Anzahl von Regelungen oder sogar Gesetzen geben, damit wir halbwegs friedlich und gedeihlich miteinander zusammen leben können. An diese Regeln oder Gesetze, an diese Moral sollen, ja müssen wir uns halten. Das vereinbaren wir so. Dann klappt zusammen leben. Wir wollen nur gar nicht nach Gesetzen und Regeln leben. Wir wollen frei sein von Regeln und Gesetzen und wollen leben und handeln, wie wir wollen. So stehen wir Menschen dauernd mit unserer selbst geschaffenen Moral im Klinsch, weil wir eigentlich mit den Anderen friedlich zusammen leben wollen und müssen, aber andererseits frei sein wollen, ganz frei, absolut frei. Das kann gar nicht funktionieren.
Im Alten Testament der Juden erleben wir daher immer wieder den Abfall der Juden vom Glauben an ihren lebenden Gott. Die Juden leben in Mitten von Völkern mit einem ganz anderen Welt-, Menschen- und Gottesbild.
Der Glaube an Götzen und Götter hat in der sogenannten „Neuzeit“ langsam abgenommen, aber die griechische Sicht auf die Welt, auf uns Menschen und die nicht vorhandene Sicht von einem lebenden Gott, breitete sich zunehmend aus. Dieses Weltbild führte zur Entwicklung von Vorstellungen von Demokratie und auch Vorstellungen von einer Art Gewinnung und Speicherung und den Gebrauch von „Wissen“. Aus dem Gebrauch von „Wissen“ entwickelte sich die Technik in verschiedenen Stufen mit verschiedenen Ergebnissen. Dass es „Wissen“ gar nicht geben kann, hatte wohl bisher nur ein Mensch bemerkt, Herr Sokrates: „Ich weiss, dass ich nichts weiss!“
Wenn wir heute die griechische Denkweise und das griechische Weltbild nachdenken, so müssen wir feststellen, dass es auf unsicheren Füssen steht. Unser Bild von Demokratie gilt meist für die Anderen. Ich bin hier der Grosse, der Führer, der Tonangebende und die Anderen haben sich gefälligst meinen Vorstellungen zu fügen. Natürlich legen wir alle zusammen fest, wie es laufen soll und wer was bekommt, aber bitte, so wie ich das will. Das Dumme: Die Anderen wollen das umgekehrt genauso, wie jeder Einzelne von Ihnen das so will.
Wir wissen nicht, was wir nicht wissen und daher können wir auch nicht sagen, ob unserer Ansicht von der Welt etwas entgegen steht, was entlarvt, dass sie eben kein „Wissen“ ist. Wir können nicht eine Minute in die Zukunft schauen und wissen daher nicht, ob wir nicht in zehn Minuten schon sagen müssen: „Nein, es ist anders, als ich dachte. Sonst hätte ich den Unfall (oder Zufall oder auch den Glücksfall) eben noch verhindern können. Ich sah ihn nicht kommen.“ Meine Ansicht war kein Wissen. Wir haben keine Beschreibung, wie sich der lebende Gott, das leblose allgemeine Sein oder die evolutionär sich entwickelnde Natur diese Welt gedacht und geplant hatten, damit wir nachschauen könnten und sagen, Ja, so ist es. Ich bin in Übereinstimmung mit den Bauplänen. Daher habe ich Recht und meine Ansicht von der Welt stimmt.
Interessanterweise kann nicht einmal unsere Wissenschaft überprüfen, ob es Naturgesetze überhaupt gibt. Sie müsste sonst jeden Einzelfall überprüfen und selbst mit Supercomputern würde sie das gar nicht schaffen. Wir wüssten nicht, ob wir jeden möglichen Einzelfall überprüft hätten. Wir nehmen das einfach an und beschliessen, dass wir jetzt so weit sind und dass wir das nicht weiter überprüfen oder hinterfragen. Was wir heute so als „Wissen“ darstellen und glauben, sind einfach unsere Ansichten, die wir selbst als „Wissen“ deklarieren.
Nun haben wir eine Menge Völker und eine Menge Menschen, die im griechischen Weltbild aufgewachsen sind. Ob sie die evolutionär sich entwickelnde Natur angemessen verstehen, können wir nicht nur nicht sagen. Wir können es gar nicht feststellen. Sollten aber diese Völker und Menschen mit ihrem griechischen Weltbild an einen lebenden Gott glauben wollen, dann widerspricht das ihrem Weltbild. Da hilft nicht eine einfache Bekehrung und vielleicht noch eine Taufe und dann bist Du Gottes Kind. Da hilft nur eine jahrelange Übung in das hebräische Weltbild hinein mit einem lebenden Gott in der Mitte. Spätestens seit Beginn der sogenannten „Neuzeit“ gibt es eine ganze Anzahl von Menschen, die in einem griechischen Weltbild leben und auch entsprechend handeln und dann noch irgendwie einen (lebenden?) Gott dazu. Es ist kein Wunder, dass das zu Zwiespalt, zu Unverständnis, zu Unsicherheit, zu liebevoll denken und egoistisch handeln in einem Atemzug führt. Wer einen lebenden Gott glauben will, muss auch sein Weltbild diesem lebenden Gott anpassen und unterordnen. „Ich gebe meinen eigenen Willen, die Welt solle so funktionieren, wie ich mir das vorstelle, auf." Viele glauben ihren Gott daher ja auch einfach als lebloses allgemeines Sein.
Auf meiner Suche in der realen Welt um mich herum, habe ich im Laufe meines Lebens mehr Sinn in einem Weltbild mit Bezug auf den lebenden Gott gefunden. Das griechische Weltbild liess mir zu viele Fragen offen und es offenbarte mir keine Lösung für unser Problem, Moral zwar von Anderen zu fordern, selbst aber der Moral (egal welcher) überhaupt gar nicht gerecht zu werden. Meine Doppelmoral... Sie ist einer meiner Fehler, den ich gar nicht selbst spüre. Mir fehlt der Fühler für diesen Fehler. Sie und die Anderen nehmen ihn wahrscheinlich wahr. In der täglichen Presse und in aller Art von Medien erfahren wir von der Doppelmoral der Anderen millionenfach. Dabei bin ich doch Ich und ein Anderer im gleichen Atemzug, nur einmal aus meiner Sicht und zum anderen zugleich aus Ihrer Sicht gesehen. Ich habe mich nicht geändert, sondern nur unsere Sichtweise hat sich geändert.
Wir leben in einer Welt, in einer Gesellschaft und wir bestimmen sie ja selbst mit, die in der Technik (im Es), in der Digitalisierung (im Es) und schliesslich in einer sehr fragwürdigen „künstlichen Intelligenz“ (im Es) ihr Heil sucht. Gekommen sind wir aus einer Natur, die bestimmt war durch eine leblose Natur in Form von Materie und vielen Lebewesen. Wir selbst gehörten in diese Welt von Lebewesen in der Natur. Inzwischen haben wir uns eine künstliche, eine technische Umwelt zusammengebaut, die zunehmend uns beherrscht, statt wir sie. Sogar die Frauen sind schwer daran erkrankt. Sonst würden sie als das lebenschenkende Geschlecht für so viele Kinder sorgen, dass zumindest eine ausgeglichene Demographie besteht. Nein, wir schaffen uns selber ab und wundern uns? Wundern Sie sich wirklich?
Unser Weltbild stimmt einfach nicht. Im Grunde ist das vielleicht schon alles? Bevor wir irgendetwas tun oder sogar demonstrieren oder erkämpfen, lassen Sie uns erst einmal unsere eigene Ansicht der Welt durchforsten, wie nahe an der Realität die überhaupt ist oder sein kann. Das ist wirklich spannende Forschung.