Die Schuldigen...

Die Schuldigen von Crans Montana und anderswo (01/2026)


Halten wir inne. Trauern wir um die Opfer dieser Katastrophe (wie so vieler anderer unserer Katastrophen in unserer menschlichen Welt, denn davon haben wir ja viele und wahrlich genug). Trauern wir nicht nur um die Toten, natürlich um die, sondern auch um die körperlich Verletzten, aber nicht nur um die, natürlich um die, sondern auch um die seelisch Verletzten, aber nicht nur um die, um die natürlich auch, sondern auch um die vermeintlich „Schuldigen“.

Warum passieren in unserer Welt solche Katastrophen? Warum passierte diese Katastrophe in Crans Montana? Wer ist schuldig?

Die „Warum-Frage“ ist eine sehr grundlegende und eine sehr spannende Frage, die wir unbedingt stellen müssen. Sie beschäftigt mich seit meinem dritten Lebensjahr. Sie hat mich bis heute nicht losgelassen. Deshalb schreibe ich Ihnen hier.

Sie wissen, inzwischen bin ich ein alter, dummer, weisser Mann und noch dazu ein erfolgloser Lungenfacharzt a.D. Ich weiss nicht, was ich nicht weiss und deshalb weiss ich nicht, ob es etwas gibt, was meiner Ansicht widerspricht. Ich kann daher nur mit Herrn Sokrates sprechen: „Ich weiss, dass ich nichts weiss!“ Womöglich widerspricht meinem „Wissen“ etwas, was ich nur nicht weiss? Wenn ich uns Menschen so betrachte, dann fürchte ich, es wird den meisten Menschen um mich herum genauso gehen. Sie wissen bzw. glauben es nur nicht. Wir sind alle Menschen und glauben zu wissen. Ich kann nicht einmal eine Minute in die Zukunft schauen. Deshalb muss ich im Strassenverkehr den Sicherheitsabstand einhalten (Was wir sehr oft nicht tun, aber zum Glück sehr oft Glück haben. Sonst hätten wir noch viel mehr Katastrophen.). Das gilt nicht nur im Strassenverkehr. Das gilt auch im wissenschaftlichen und technischen, im wirtschaftlichen (auch finanzwirtschaftlichen) und politischen Leben und natürlich im privaten Leben. Hätten die Eigentümer der Bar oder die Feiernden selbst auch nur eine Minute in die Zukunft schauen können, hätten sie vermutlich die Katastrophe verhindern können. Warum können wir nicht in die Zukunft schauen, nicht einmal eine Minute?

Wir sind Teil der Realität, aber kennen die Realität gar nicht und sind auch als Menschen gar nicht in der Lage, sie zu erkennen. Deshalb betreiben wir Forschung und Wissenschaft und die Realität ist eine spannende Sache (oder vielleicht gar keine Sache, sondern...? Ja, was dann?)

Wir kennen die Herkunft unserer Welt oder Realität um uns herum, ja selbst von uns selbst, nicht. Sie könnte in Form der von uns geglaubten Evolution der Natur ohne eine persönliche Ursache abgelaufen sein. Urknall und sie war da und Evolution bis zu uns Menschen, die wir uns für die Krone der Natur halten, für die Gestalter, für die Bessermacher, ja, für die „Gutmacher“ (Denn wir machen ja alles gut oder Sie etwa nicht? Weniger als „gut“ ist doch zu wenig, oder?).

Die Welt und wir selbst könnten natürlich auch von einem allgemeinen leblosen Sein „geschaffen“ oder entwickelt worden sein. Da fehlt mir die Vorstellung, wie das gewesen sein könnte. Oder die Welt ist vom lebenden Gott geschaffen worden aus Gründen, die ich nicht kenne, aber da könnten wir ja unsere Schaffenden in Kunst und Kultur und in Technik und Leben einmal fragen, warum sie ihre (Kunst-)Werke schaffen. Schon das würde uns sicher interessante Ergebnisse liefern. Die Frage, warum der lebende Gott geschaffen hat, ist damit natürlich nicht beantwortet. Stellen wir uns vor, ein Bild würde seinen Künstler fragen: „Warum hast Du mich gemalt und warum so, wie Du mich gemalt hast? Ich möchte, dass Du mich anders malst. Ich gefalle mir so nicht. Ich will besser...“ Wir können den lebenden Gott, aber wir können auch die evolutionäre Natur oder ein lebloses allgemeines Sein nicht fragen und sie für unser So-sein zu beschuldigen, hat eigentlich auch keinen Wert.

Die Frage „Warum“ ist eine Frage, die wir als wir noch Kleinkinder waren, eine Folge auslösen muss. Wenn ich eine Frage beantwortet habe, muss die nächste Frage kommen. Warum ist das so? Weil das … Und warum ist das so? Weil das … Und warum ist das so? Weil das … Wer auf die Frage „Warum“ eine Antwort hat, hat nur zu früh aufgehört, „warum“ zu fragen. Am Ende landen wir bei der evolutionären unpersönlichen Natur, beim leblosen allgemeinen Sein oder beim lebenden Gott oder bei etwas mir völlig unbekanntem, wovon ich nichts weiss. Wir wissen nicht, warum. Die drei (oder vier?) haben uns auch keinen Bauplan hinterlassen, wie sie sich unsere Welt und uns Menschen gedacht hatten und ob wir so „richtig“ sind, ob wir so „gut“ sind, wie wir sind oder eben nicht. Wenn wir solch einen Bauplan hätten, könnten wir nachschauen und vergleichen, ob wir das oder die Rätsel gelöst haben. Nein, unsere Welt und wir selbst sind auch noch ein Geheimnis. Wir wissen nicht, was wir nicht wissen. Wir leben in einem Geheimnis und wir sind ein Geheimnis. Der lebende Gott hat uns zumindest ein heiliges Buch, die Bibel, auf irgendeine Weise vermacht. Sie ist allerdings selbst auch ein Geheimnis. So einfach mal im Bauplan nachschauen und „Jetzt habe ich das Rätsel gelöst“? Ich jedenfalls zweifle da sehr. Die Frage „Was ist „Leben“, unser Leben, Ihr Leben, das Leben der Toten etc.“ lassen wir heute mal noch aussen vor. Das würde unseren Rahmen hier sprengen, ist aber sehr spannend und bedarf unseres Nachdenkens.

Wir haben unsere eigene Relativität vergessen. Wir wissen nicht und wir können die Realität nicht ändern und wir als Menschen sind bezogen zur Natur, bezogen auf einander und falls Sie einen lebenden Gott für möglich halten, dann auch noch auf den. Wir sind nicht allein und nicht Alleinherrscher, selbst wenn wir der reichste oder der mächtigste Mann auf dieser Erde sind. Unsere drei derzeitigen rivalisierenden „Alleinherrscher“, Staatsoberhaupt der Volksrepublik China, Herr Xi Jinping, Präsident Russlands, Herr Wladimir Wladimirowitsch Putin und der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Herr Donald John Trump erleben diese Relativität gerade wieder ganz kräftig und versuchen, sich selbst zu beweisen, dass sie Jeder für sich doch nun wirklich „absolut“, also allein Herrschender und Bestimmender auf dieser Erde sind. Alle Anderen sollen sich gefälligst ihnen unterordnen.

Ich schlage daher vor: Die Eigentümer der Bar hatten vermutlich kaum eine Chance, die Katastrophe zu verhindern. Sprechen wir sie vorsichtig frei. Natürlich haben wir etwas vergessen, zu tun oder wir haben nicht überprüft oder unsere Kapazitäten reichten einfach nicht. Wir Menschen sind ja nicht fehlerfrei und sind begrenzt mit unseren Gaben und Möglichkeiten. Ist das unsere Schuld? Und dann ist da ja auch noch Freund oder Feind „Zufall“. Fragen wir die Wissenschaftler: Wer oder was treibt eigentlich den Zufall, sodass wir ihn mit einplanen könnten in unsere Prozesse und auch ausschliessen könnten, damit uns im Ernstfall kein Zufall dazwischenfunkt und uns keine Schuld treffen kann?

Eine Untersuchung können wir uns sparen. Sie wird ein Ergebnis bringen und sie wird Jemanden beschuldigen und damit neues Leid verursachen. Aber können wir sicher sein, dass nicht noch ein Anderer, und sei es nur ein Zufall, eine schuldige Rolle spielte? Könnten wir diesen Menschen (oder ist der Zufall gar kein Mensch oder kommt er durch einen Menschen?) für einen Fehler beschuldigen? Er ist Mensch mit Fehlern und für sein Menschsein, für sein Sosein kann er oder sie nichts. Wir wurden ohne unser eigenes Zutun so geboren, wie wir sind, als Mensch.

Die Behörden (Exekutive), Kontrolleure, Techniker und wer alles an den Gegebenheiten der Bar beteiligt war..., sprechen wir sie vorsichtig frei. Sie hatten vermutlich kaum eine Chance, die Katastrophe zu verhindern. Aber natürlich, leicht brennbare Materialien an der Decke, wo später Funken fliegen? Im Nachhinein sind wir schlauer, warum nicht im Vorhinein?

Die Gesetzgeber aller Art (Legislative) und Regelgeber sollten wir vielleicht auch frei sprechen? Wenn wir jetzt gesetzgeberisch noch mehr Regeln oder gar Gesetze mit Einschränkungen einsetzen, wird feiern immer schwieriger. Ausgelassenheit? Adé! Feiern? Nur noch in ganz engen Grenzen, am besten nicht. Wenn wir noch die Kosten für alle Sicherheitsmassnahmen mit bedenken, wo wir doch schon lange nur noch bezahlen können, weil wir uns immer neues Geld denken, dass uns an vielen Stellen die Inflation in die Höhe treibt oder treiben wird, dann sollten wir unsere Begrenztheit wahrnehmen und annehmen. Wir können gar nicht!!! Tun wir es doch, dann ist die Chance gross, dass wir über die vielen unsichtbaren kommunizierenden Röhren der Realität so viele andere Faktoren mit verändern (womöglich in die entgegengesetzte Richtung) dass wir gar keinen Nutzen, vielleicht sogar eher Schaden anrichten? Zusätzlichen Schaden, wohlgemerkt.

Schaffen wir Sicherheitsmassnahmen. Vorsicht und Rücksicht so gut wir können, aber bedenken wir, dass wir unsichtbare Grenzen haben. Wir wissen nicht. Wir können nicht wirklich „ gut“ schaffen und wir können nicht verhindern. „Gut“ ist ein Geheimnis und hat z.B. mit Moral oder mit Qualität wenig zu tun.

Was ich kaum in Stellungnahmen fand, war die Frage, ob auch die Feiernden selbst „Schuld“ treffen könnte. Als ich Bilder aus dem Barraum kurz vor der Katastrophe sah, dachte ich als erstes: Sind Die nicht verrückt, dass sie in solch einem Raum unter solchen Umständen Funken in die Luft schiessen? Die Gefahr, dass das schief geht, ist doch hoch, oder? In meiner Kindheit waren in Innenräumen selbst ohne Schaumstoffe an der Decke nur Kerzen erlaubt und das Feuer im Ofen. Mit Wunderkerzen (Sie kennen sie vielleicht noch?) gingen wir nach draussen, damit keine Feuergefahr entsteht. So tun wir es auch noch heute. Schuld sind bekanntlich die Anderen und seitdem wir Behörden, Gesetzgeber und Kontrolleure haben, können wir unsere Schuld ja auch bei Denen abgeben. Clever, oder? Dafür haben Die sich sogar wählen lassen. Noch cleverer, oder? Aber den Schaden haben trotzdem wir selbst. Sind wir schon so dumm, dass wir solche Gefahren nicht mehr selbst einschätzen können? Angst hatte ihren Sinn und wenn wir heute alle Angst durch Mut ersetzt haben, ist diese Dummheit, die zur Katastrophe wurde, eine Folge. Angemessene Angst ist sehr sinnvoll. Sie war früher überwiegend weiblich. Wie viele Frauen haben mit gefeiert? Unser Optimismus, auf den die Meisten sehr stolz sind, vernebelt uns unsere Sinne.

Lassen Sie uns feiern und geniessen in dem Wissen um unsere Begrenztheit, um unsere Unsicherheit, um unsere Katastrophen im Leben und um unser Sterben zu einem Zeitpunkt und unter Umständen, die wir nicht kennen. Selbst „in Würde sterben“ ist ein Traum, den wir nicht erzwingen können, auch nicht mit Gesetzen, Regelungen oder (erdachtem) Geld.

Jetzt trauern wir mit den vielen Leidtragenden in Crans Montana und Umgebung, aber auch mit all Denen, die Verantwortung tragen, die sie gar nicht tragen können, weil wir Unwissende sind und unsere Grenzen haben, auch in Sicherheitstechnik, in Gesetzgebung und im Leben.

Trotzdem müssen wir natürlich im Rahmen unserer wissenschaftlichen, technischen und finanziellen Möglichkeiten für höchste Sicherheit sorgen. Aber … Warum haben wir unsichtbare Grenzen, die es uns intellektuell und wirtschaftlich unmöglich machen, für Sicherheit zu sorgen? Das hätte die evolutionäre Natur (oder doch das leblose allgemeine Sein oder gar der lebende Gott) doch besser machen müssen, oder? Fragen wir sie mal. Hätten die doch vor ihrer Schöpfung oder Entwicklung uns gefragt. Wir hätten ihnen schon gesagt, was „gut“ ist, oder? Natürlich hätten wir ihnen gesagt, wie wir uns das erträumen: „Ich habe Recht und meine Wünsche sollen wahr werden.“ Die Wünsche der anderen fast 9 Milliarden Menschen auf der Erde? "Die sollen so leben, wie ich mir das wünsche." 9 Milliarden Mal diese Antwort und immer aus der Sicht des jeweils anderen Einzelnen. Vorsicht! Wir kennen die Gründe der Drei (oder Vier?) nicht.

Wer trägt die finanziellen Schäden, die medizinischen Kosten etc.? Die tragen mehr und mehr wir alle über Versicherungen und Staat, aber am Ende doch wir mehr oder weniger zusammen und sind auch damit überfordert. Auch das können wir gar nicht ändern. Weder der Staat noch die Versicherungen sind eben Versicherer oder Sicherheitsgeber. Sie sind allenfalls Verteiler der anfallenden Kosten auf alle Bürger oder auf alle Versicherten zusammen. Auch das gehört zu unserer Relativität in der Realität.

12 January 2026
wf