Praktische und theoretische Mathematik

Soeben haben wir die 5 oder 6 ersten Lebensjahre überstanden. Nun geht es in die Schule. Bisher haben wir ganz praktisch gelernt, haben von den Eltern abgeschaut (falls sie überhaupt da waren), haben Spiegelneurone prägen lassen. Jetzt fängt es mit der Theorie an.

Jetzt lernen wir unter vielem anderen die „theoretische Mathematik“. Da lernen wir: 2 + 2 = 4. Nun, das war noch nicht so schwer. In der Theorie ist ja das Lernen der kleinen Zahlen für unsere paar Hirnzellen noch durchaus zu bewältigen. Das ist ja kinderleicht.

Hat es sich damit mit der Theorie? Ja, theoretisch können wir noch eine Menge lernen. Dazu gehen wir ja in die Schule und später auf die Universität.

Jetzt wird es komplizierter. Die Theorie wird komplizierter und auch das Leben wird komplizierter. Wir lernen auch leben. Leben ist ja etwas, dem wir uns seit der Geburt nicht entziehen können und das wir doch gestalten können und es auch müssen. Erstaunlicherweise treffen wir da auf Grenzen, meistens Grenzen in Form unsichtbarer Graubereiche.

Gibt es eine „praktische Mathematik“? Was würde in ihren Bereich fallen? Fällt sie anders aus, als die „theoretische Mathematik“? Ja, in der praktischen Mathematik ist 2 + 2 nicht nur 4, sondern zumindest auch 0. 2 + 2 = 4 und 0. Wie kommt das? Das habe ich ja in der Schule gar nicht gelernt. Oder doch?

2 + 2 = 4 ist die Betrachtung der Realität von einer Seite, von der bekommenden. Wechseln wir auf die andere Seite und schauen von gegenüber, dann sehen wir 2 – 2 = 0, also von der verlierenden Seite. Weil aber in der Praxis dieser Vorgang oder Prozess unteilbar ist, ist 2 + 2 auch 0, nur eben von der anderen Seite betrachtet. Darüber haben wir nur noch nicht nachgedacht und in der Schule gelernt habe ich das auch nicht. Aber wenn wir im praktischen Leben Dinge verteilen oder Jemanden beschenken oder bestrafen, stehlen oder kaufen, dann erleben wir solche Vorgänge. Wenn wir im Kinderspielzimmer dem einen Sohn ein Spielzeug wegnehmen, um es dem Bruder zu geben, dann erleben wir hautnah die Unteilbarkeit von 2 + 2 und 2 – 2. Wenn wir im obersten Kindergarten, meist nennt er sich dort in irgendeiner Weise Regierung, Kabinett oder Parlament, dem einen Minister etwas wegnehmen wollen (oder der einen Wählergruppe, der Partei des Ministers) und wollen das einem anderen Minister oder seiner Wählergruppe geben, dann erleben wir diese Untrennbarkeit auch. Die Kandidatinnen und Kandidaten für politische Ämter sind sich dieser Tatsache offenbar oft gar nicht bewusst. Sie lassen sich wählen in der Überzeugung, dass sie selbst 2 + 2 ohne 2 – 2 hinbekommen und dass sie daher die Welt besser machen, sogar doppelt besser machen. Das verkünden diese Kandidatinnen und Kandidaten im Wahlkampf auch und sie glauben fest an ihre Fähigkeiten. Und wir Wähler? Wir glauben es ihnen auch, zumindest dem, dem wir dann unsere Stimme geben. Erst haben es überwiegend nur wir Männer gedacht und als Kandidaten so gemacht. Heute sind die Frauen als Kandidatinnen oder in Amt und Würden noch viel stärker davon überzeugt, dass sie das können: 2 + 2 ohne 2 – 2. Die Konsequenz aus dieser Unwissenheit sind Staatsschulden, gebrochene Wahlversprechen, Politikverdrossenheit im Volk, Frust auf beiden Seiten. Dabei haben wir doch bloss nicht nachgedacht, weder die Kandidatinnen und Kandidaten und späteren Politikerinnen und Politiker, noch wir Wählerinnen und Wähler.

Nach der „theoretischen Mathematik“ und der Erweiterung der Sichtweise durch die „praktische Mathematik“ kommt nun noch eine Steigerungsform. Auch die habe ich nicht in der Schule gelernt. Wir machen uns meist keine Gedanken darüber. Wir leben mit der theoretischen Sichtweise, ohne die Einschränkung dieser Sichtweise zu sehen, oft auch, ohne uns ihrer Existenz überhaupt bewusst zu werden und wenn, dann nur bei den Anderen, nicht bei uns selbst.

Die „menschliche Mathematik“ stellt eine viel breitere Palette von Ergebnissen bereit. Da kann 2 + 2 auch mehr oder weniger als 4 sein und sogar auch mehr oder weniger als 0. Bei einer neidischen Persönlichkeit wird das Resultat beim Anderen meist mehr als 4 sein (Der oder Die hat viel mehr, jetzt sogar alles) und ich habe nun gar nichts mehr (also noch weniger als 0). Neben einem Anderen mit 400 erscheint 2 + 2 = 4 geradezu lächerlich wenig (also eher nicht einmal 4), während neben Einem, der hohe Schulden hat, selbst 2 + 2 = 0 noch eine ganze Menge sein kann (also mehr als 0). Es kommt also auf die Sichtweise an und auch noch auf die Verhältnisse im Vergleich zu Anderen. Bei dieser Form von Mathematik braucht es unser ganzes leibliches und geistiges Fassungsvermögen, alle unsere Sinne und Verarbeitungsmöglichkeiten. Wie rechnet man in der Werbung oder bei den Steuern, bei den Subventionen oder den Löhnen, bei den Gewinnen und Verlusten? Wenn ich glaube, dass es in meinem Interesse ist, dann darf es ruhig je nach Gegenstand etwas mehr oder auch weniger sein, wenn es für Andere ist, dann das Gegenteil. So machen das Alle, mit zwei Ausnahmen: Sie und ich.

Wenn vor allem junge Frauen heute beklagen, dass sie die ganze Arbeit machten und wir Männer nicht oder wir Männer viel weniger, dann müssen wir uns überlegen, welchen Zusammenhang wir bedenken müssen. Da hiess es in den Medien (z.B. Neue Zürcher Zeitung vom 12.12.2022), dass Männer und Frauen in der Familie in der Schweiz in einem Jahr Arbeit im Wert von 343 Milliarden CHF verrichtet hätten, vor allem Frauen. Das Folgende stand dort nicht, aber im Hintergrund höre ich: Da machen wir so viel Arbeit. Die wollen wir nun aber auch bezahlt haben oder wir machen sie nicht mehr. Dann gehen wir lieber Karriere machen und (viel) Geld verdienen. Und schon sind der Staat und vielleicht noch Versicherungen gefordert.

Da stellen sich mir mehrere Fragen:

Was zählen wir zur Arbeit? Sind Leistungen für mich selbst Arbeit? Sind Leistungen für meine Familie Arbeit? Sind meine Familie, mein Mann, meine Kinder gar nicht mehr zu mir gehörig? Warum sollte ein Anderer, in diesem Falle vielleicht der Staat, ein Interesse an unserer „Arbeit“ in der Familie haben und uns dafür Geld geben? Haben oder sind wir gar kein Ich mehr, sondern nur noch Arbeitnehmer beim Staat, der uns dafür entsprechend zu entlöhnen hat?

Interessanterweise gibt es gar keinen Staat, sondern nur unser Volk in unserem Land. Das, was wir „Staat“ nennen, lebt nicht, hat kein Interesse, keine Angst, keine Verlustschmerzen, arbeitet auch nicht selbst etc. All das haben nur wir Menschen im Land und was wir als Volk geniessen wollen, müssen wir auch selbst erarbeiten und was wir verdienen wollen, müssen wir auch selbst bezahlen.

Wir gehen nach draussen, an einen Arbeitsplatz oder zu einem Arbeitgeber (aber im Home-Office), um Leistungen für ihn zu erbringen. Weil wir Leistungen für ihn erbringen, bekommen wir von ihm auch Geld (natürlich zu wenig oder zumindest weniger als wir gerne hätten). Geld oder Lohn in irgendeiner Form ist gebunden an Leistungen für Andere. Leistungen für mich und meine Familie sind keine Leistungen, für die irgendeiner zu bezahlen hätte.

Nun könnten wir ja, schlau oder clever wie wir sind, einfach bestimmen, dass das jetzt geändert würde. Wir bilden eine Partei, lassen uns als Kandidaten für die gesetzgebenden Gremien aufstellen und versprechen unseren erhofften Wählern (und noch viel wichtiger, Wählerinnen) Geld vom „Staat“ für die Arbeit zuhause. Dann kommen also Jahre auf uns zu, in denen wir als Staat 343 Milliarden CHF an die Mütter (und Väter) in den Familien bezahlen.

Woher kommen diese 343 Milliarden? Es gibt ja niemanden, der diese 343 Milliarden bezahlt, weil er eine Leistung dafür bekommen hätte, also z.B. Gebühren bezahlen müsste. Diese 343 Milliarden könnte der Staat nur in Form von irgendwelchen Steuern von seinen Bürgern fordern, also von Denen, die vorher das Geld anteilsmässig bekommen haben. Und wie viel Steuern müsste der Staat fordern? Ja, diese 343 Milliarden. Wir sind ja nicht nur Bürger, wenn wir Rechte haben und Geld bekommen, sondern wir sind ja auch Bürger, wenn wir für diese Rechte bezahlen müssen, dieses Geld aufbringen müssen, also Pflichten haben. Und jetzt kommt der Clou: Die Kosten für die Bürokratie, für die Verwaltung, die Banken und anderen Akteure für die Steuereinnahme, die Verarbeitung und für die Lohnauszahlung müssen wir noch zusätzlich bezahlen. Das ist eine Arbeitsbeschaffungsmassnahme und wir zahlen in der Summe mehr als wir bekommen. Ziemlich dumm, oder? 2 + 2 ist also nicht nur 4 und 0, sondern sogar noch viel weniger als 0. Weil wir uns durch Dreieckverhältnisse die Verhältnisse verkompliziert haben, schauen wir selbst nicht mehr durch und merken wir unsere eigene Dummheit als Bürgerinnen und Bürger, Wählerinnen und Wähler und Politikerinnen und Politiker gar nicht. Den „Staat“ als eigene handelnde Grösse gibt es gar nicht. Es gibt nur uns als zusammen zugleich Gebende und Nehmende. Es ist ein Kreislauf von rechter Tasche – linker Tasche mit zusätzlichen Kosten.

Anderes Beispiel: Pfiffige Politikerinnen und Politiker in der westlichen Welt sind auf die Idee gekommen, zur Entlastung ihrer Staatshaushalte zu fordern oder besser noch, in Gesetze zu schreiben, dass nur noch Menschen von aussen ins Land kommen dürfen, die genug Bildung mitbringen, also eine verwertbare komplette Berufsausbildung. „Ungebildete“ Flüchtlinge, Auswanderer oder vom Leben in einer besseren Welt Träumende dürfen nicht kommen. Diese Einstellung halte ich für völlig nachvollziehbar und sinnvoll, denn lauter Dumme, Sozialschmarotzer und Faule hereinkommen zu lassen, ist natürlich für unseren Staat und unsere Sozialsysteme tödlich. Das kann nicht gut gehen.

Das hat aber auch mindestens eine andere Seite, wenn nicht sogar mehrere andere Seiten. In den anderen Staaten, aus denen die Einwanderer kommen, gehen Bildung, Fähigkeiten und kluge Köpfe verloren. Die Staaten, die unter Armut schmachten, weshalb die „klugen Köpfe“ ja auswandern, die behalten die Armen und Analphabeten und erleben einen Fähigkeitsverlust, den die armen „Staaten“ (besser: Völker) ja nun gerade mit viel Geld und Aufwand an diese Menschen vergeben haben. Wir aber, als reiche und „gebildete“ Völker, versuchen mit ein bisschen Entwicklungshilfe den armen Völkern die Entwicklung zu bessern, die wir gerade mit unserer Gesetzgebung verschlimmert haben. 2 + 2 = 4 und leider doch auch 0, wahrscheinlich sogar eher noch weniger als 0. So sieht die Praxis aus, noch dazu, wenn wir Menschen in der Praxis leben und handeln. Das wissen wir nur nicht oder wollen es nicht wissen oder sagen später vor Gericht aus, dass wir es nicht gewusst haben. Bei den kleinen Leuten schützt Nichtwissen vor Strafe nicht. Bei den grossen? Nur, wem nützt es, wenn der Andere, der Dumme bestraft wird? Ich bin doch gar nicht schlauer. Da hilft nur: Augen und alle Sinne auf und seine eigenen (Vor-)urteile und nicht bemerkten Dummheiten immer wieder hinterfragen, beide Geschlechter.

Schon in den 70iger und 80iger Jahren des 20. Jahrhunderts waren Trockenheit und Dürre ein grosses Thema. Kirchen und NGOs vielerlei Art gingen in diese trockenen und meist sehr armen Länder, um Brunnen zu bohren. Frisches und sauberes Wasser für die Bevölkerung. Leuchtende Augen bei den Beschenkten, den Ausführenden und den Geldgebern. Wir haben unsere Welt ein bisschen besser gemacht. Heute, 30 bis 40 Jahre später sind viele dieser Brunnen ausgetrocknet, versandet oder verschmutzt und oft ist der Grundwasserspiegel deutlich gesunken. Heute ist die Dürre schlimmer als damals. Was ist passiert? 2 + 2 war doch 4 (in unseren Augen sogar mehr als 4) und nun ist 2 + 2 plötzlich 0 (oder eher noch weniger als 0)? Was stimmt da nicht? In Kalifornien und vielen Teilen der Welt erleben wir ähnliches. Das Minus zeigt sich erst später. Es geschieht nicht gleichzeitig (da auch, denn die Geldgeber haben ja Geld weggegeben), sondern zeitlich nacheinander.

Kennen Sie schon das Perpetuum finanzile oder auch das Perpetuum soziale? Bitte erfinden und bauen Sie uns welche. Viele wären Ihnen dankbar. Leuchtende Augen überall … Wie hoch ist Ihre Erfolgswahrscheinlichkeit?

Nun wird es noch eine Stufe komplexer oder kniffliger: Wir addieren nicht nur, sondern wir multiplizieren. 5 x 5 = 25. Das ist einfach. Genauer ist die Schreibweise +5 x +5 = +25. Wir können sozusagen 5 Mal 5 addieren und kommen so zu 25. Wie ist es mit +5 x -5? Wir nehmen also 5 Mal 5 weg und haben so -25. +5 x -5 = -25. Gelernt habe ich dann auch, dass -5 x -5 = +25 sei. Können wir das auch praktisch nachvollziehen? Bis heute ist es mir nicht gelungen, für diese Rechnung ein sinnvolles praktisches Beispiel zu finden, dass mir klar zeigt, dass -5 x -5 = +25 ist. Vielleicht gibt es solche Beispiele ja doch? Dann schreiben Sie mir bitte, damit ich es praktisch nachvollziehen kann.

Wenn es aber kein Beispiel gibt, wenn also diese Rechnung nur Theorie ist, wie kann ich dann nachprüfen, ob das Ergebnis auch wirklich stimmt? Sagen und mir glauben, dass ich Recht habe, kann ich leicht, aber das ist ja kein wissenschaftlicher Beweis. Wissenschaftlich begründete Aussagen brauchen den praktischen Test und den praktischen Beweis, dass das Ergebnis immer wieder nachvollziehbar stimmt.

Sind theoretische „Beweise“ eigentlich als Beweise zugelassen? Wenn ich eine theoretische Beweisführung habe, heisst das ja noch lange nicht, dass es in der Praxis auch so ist. Eine Beweisführung müsste schon praktisch überprüfbar sein, wenn wir sie glauben wollen. In meinen Augen ist nicht sicher geklärt, ob -5 x -5 wirklich +25 ist. Wir können nicht einfach Theorie und Praxis gleichsetzen und wir können nicht ein theoretisches Ergebnis als Ersatz für einen praktischen Test durchgehen lassen. Theorie, unser Denken, ist nicht Praxis, ist nicht Leben. Wir müssen beide unterscheiden und eingestehen, dass ihr Zusammenhalt, ihre Übereinstimmung, nur sehr locker und unsicher sind. Was praktisch nicht überprüft und ein entsprechendes Ergebnis gezeigt hat, das ist entweder falsch oder wir können keine Aussage dazu vornehmen. Auch das ist ein wichtiges Ergebnis.

Theoretische Beweise sind gar keine Beweise. Schon bei praktischen Beweisen ist es sehr schwierig und wir müssten alle Vorgänge praktisch überprüfen und testen. Das Übernehmen eines Ergebnisses aus einem anderen Test und erst recht aus Simulationen ist bereits kein Beweis mehr, sondern nur glauben, dass … und wir bezweifeln unser Ergebnis einfach nicht mehr.

Wenn wir dies so annehmen, dann sind viele Dinge oder Vorgänge, die wir heute in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik als richtig bezeichnen, schlichtweg unbewiesen, ungesichert, blosse Annahme und kein „Wissen“. Wenn wir wüssten, gäbe es ja keine Enttäuschungen mehr für uns. Theoretische Mathematik, theoretische Physik, theoretische Astronomie, theoretische Geschichte … Wahrscheinlich sehr viel überflüssiger, unbewiesener, praktisch nicht relevanter Ballast, den wir getrost dem Müll überantworten könnten, den unsere Schülerinnen und Schüler und Studentinnen und Studenten in ihrer wertvollen Lebenszeit gar nicht mehr lernen müssten und wir auch nicht speichern oder uns merken müssten. Entrümpeln wir unser Leben. Die entsprechende Müllhalde wäre riesig. Die Erleichterung für unser Leben wahrscheinlich auch.

Dann gibt es da noch eine Unterscheidung: Die relative von der absoluten Mathematik, die oft realitätsnähere von der Wunschtraum-, aber zugleich auch Horrormathematik. Wenn es um uns als Menschen und uns als Menschenansammlung, also unser Volk geht, dann müssen wir davon ausgehen, dass wir begrenzt sind, wir selbst, aber auch wir als Volk zusammen. Für alle diese Fragen und Berechnungen gilt daher die relative Mathematik. Nur selten gibt es in der Materie und noch weniger im Leben Vorgänge, die wirklich unbegrenzt in eine Richtung ablaufen und dabei an Geschwindigkeit, Masse oder anderen Eigenschaften unbegrenzt immer zunehmen. Unsere Wünsche und Träume sind typischerweise solche Vorgänge. Für diese wenigen Vorgänge können wir die absolute Mathematik benutzen, die mit nach oben (und unten) offenen Zahlenreihen. Selbst die für uns mögliche Inflation folgt einer unbegrenzt möglichen absoluten Mathematik, um dann doch plötzlich ein Ende zu nehmen.

Relative Mathematik ist z.B. Prozentrechnung. Die ist doch einfach, oder? Das können wir im Kopf oder zumindest auf dem Papier rechnen. Da brauchen wir keine Computer dazu. Was diese Art der Rechnung alles an Ressourcen einspart. Unglaublich. Wozu haben wir dann eigentlich Computer? Einen Computer brauchen wir nicht, aber um so mehr Hirn im eigenen Kopf.

Das Problem bei der Prozentrechnung ist, dass es eine Vergleichsrechnung ist. Der Rechenvorgang ist einfach, aber das Finden der sich entsprechenden Bezugsgrössen hat es in sich. Oft habe ich beim Überprüfen festgestellt, dass zwei Ergebnisse miteinander verglichen wurden. 25 % ist weniger als 50 %, also wähle ich die 50 %, weil sie mehr sind. Wenn aber unterschiedliche Bezugsgrössen benutzt wurden, dann kann das realitätsnähere Ergebnis völlig anders sein. In den meisten Fällen werden aber die Bezugsgrössen gar nicht erst mit genannt. Ich glaube mir ja schliesslich mein Ergebnis und dann ist es richtig und der oder die Andere kann mir doch vertrauen. So sind nicht wenige Zahlen in Fachzeitschriften und renommierten Zeitungen eher falsch als richtig. Wir merken es nur nicht und die Redakteurinnen und Redakteure auch nicht. Wir müssen viel mehr zweifeln, Anderen, aber auch uns selbst.

Noch so ein Beispiel: Unsere Völker haben sich eine Organisationsform gegeben, die wir „Staat“ nennen und üblich ist in der Regel, dass sich das Volk einen Haushaltsplan für das Jahr aufstellt und dann nach dem Ende des Jahres auch abrechnet. Das machen unsere Regierungen und Parlamente für uns. Üblicherweise werden die Pläne in Summen der jeweils gültigen Währung vorgenommen. Alles addiert, hat man die Zahl und wir stellen fest, dass in den letzten Jahrzehnten diese Zahlen in den meisten Fällen immer grösser geworden sind. Ist damit die staatsabhängige Wirtschaft wirklich entsprechend gewachsen? Das ist eine schwierige Frage.

Wenn wir das klären wollen, müssen wir die Balance von Geld zu Gütern und Dienstleistungen bedenken. Wenn die Preise möglichst gleich bleiben sollen, dann müssen wir beide Seiten im Gleichgewicht behalten. Da wir nicht Donald Duck sind, also nicht so gerne im Geld baden, uns damit waschen, es essen oder in ihm schlafen wollen, müssen wir eigentlich die Menge der umgesetzten Waren und Dienstleistungen zusammenrechnen. Uns interessiert, was wir als Volk für das ausgegebene Geld des „Staates“ bekommen haben. Wenn da also Abgeordnete, Regierungsmitglieder, Beamte und Mitarbeiter eine Lohnerhöhung bekommen haben, dann bekommen wir ab jetzt für unser Staatsgeld nicht mehr Leistung (Die bleibt ja gleich. Die Menschen arbeiten wie bisher.), sondern wir müssen mehr bezahlen. Unser Staatsgeld wurde also weniger Wert. Wenn wir das bei all den anderen Waren und Dienstleistungen auch so machen, dann merken wir, dass wir bei den Rechnungen des Staates nicht selten sogar eine höhere Inflation und Teuerung haben (was nicht das gleiche ist), als uns das statistische Bundesamt für unseren täglichen Warenkorb als Bürger berechnet. Wenn wir einfach die Geldsummen zusammenzählen, haben wir also die „nominale“ Wertsteigerung. Wenn wir die Waren und Dienstleistungen zusammenzählen, die der Staat eingekauft hat, dann bekommen wir den „realen“ Wert. Diese Rechnung ist komplizierter. Deshalb sparen wir uns die üblicherweise und nehmen mit der theoretischen (der nominalen) Rechnung einfach vorlieb, glaubend, dass das Ergebnis real sei. Weit und zunehmend weiter gefehlt. Nominal und real sind nicht gleich und können sich mehr oder weniger und schwankend unterscheiden. Wir müssten also unsere Berechnungsgrundlage ändern. Weil das schwieriger ist, würde es die Kosten steigern. Wir sind sowieso als Volk schon überschuldet. Wir sind also in der Falle, pleite.

Welche Mathematik ist denn nun die richtige?

Da fällt zunächst auf, dass die praktische und die relative Mathematik oft nahe beieinander sind. In der Praxis, im Leben, in der Wirtschaft und Politik, der Bürokratie, der Technik etc. sind wir mit dem Gebrauch der praktischen und relativen Mathematik meist der Realität am nächsten. Leider führen diese Formen der Mathematik meist nicht zu so wünschenswerten Ergebnissen, wie wir sie eben gerne hätten. Wer hat schon gerne Ergebnisse, die ihre oder seine Wünsche als Unsinn entlarven und dann auf den Müll schicken? Deshalb lieben wir die theoretische Mathematik mehr, die dann auch sehr oft die absolute Mathematik benutzt. In der absoluten Mathematik gilt vor allem die immer aufsteigende Kurve egal welcher Form. Dann bekommen wir Wachstum, sogar immerwährend, Verbesserung bis zum geht nicht mehr, nein, noch darüber hinaus, immer mehr Freiheit, immer mehr Tempo, immer mehr Geld, immer mehr … Da aber die absolute und meist eben theoretische Mathematik in der Regel nicht realistisch ist, sondern die relative, erhalten wir zunehmend auch immer wachsende Zahlen bei den Verlusten, bei den Schäden (z.B. der Umwelt oder der Kriegsschäden oder beim Reichtum der Anderen (Warum nicht auch bei mir?) und bei mir der Armut. Jetzt könnten wir noch „Gerechtigkeit“ diskutieren, aber das haben wir schon am anderen Ort getan. Auch sehr spannend.

Welche Mathematik ist also angemessen? Nun, das kommt darauf an. In der Schule müssen wir natürlich die theoretische lernen und gebrauchen. Im Leben nützt uns die aber nur eingeschränkt. Da ist es schon sehr sinnvoll, die praktische und relative Mathematik zu kennen und meist auch, sie anzuwenden. Für das Leben ist es wahrscheinlich wichtiger, sie zu benutzen als die theoretische und absolute. Wenn wir aber Menschen oder Vorgänge um Menschen herum verstehen wollen, mit diesen Menschen leben wollen, in Wirtschaft und Politik Einfluss nehmen wollen, dann müssen wir zumindest eine Ahnung haben von der menschlichen Mathematik, denn die Anderen (natürlich ausser Ihnen) benutzen sie völlig unbewusst (oder doch bewusst?) oder eben auch nicht. Von Lüge und Wahrheit im Sinne von falsch und richtig, von „der Realität entsprechend oder nicht“, sind wir oft mehr als weniger weit entfernt, ohne es zu merken.

Ich bin jetzt ein alter, dummer, weisser Mann und ein erfolgloser Lungenfacharzt a.D. dazu und werde für´s Nichtstun bezahlt. Solange ich lebe war das relative Denken kein Schulfach, kein Fach auf der Universität oder Hochschule und nicht einmal in der Gesundheitspolitik und anderen Gebieten der Politik vorhanden. Das ist nicht einmal nur in Deutschland so, sondern auch in der Schweiz und wie ich aus den Medien und Berichten vielerlei Art ersehen kann, auch in den USA, China und inzwischen auch in vielen aufstrebenden Ländern bzw. Völkern. Das relative Denken ist uns in der Neuzeit völlig abhanden gekommen. Wir müssten es ganz neu entdecken, üben und trainieren und als Anwendung einführen. Dann würde uns auch das relative (und praktische) Rechnen wieder viel häufiger in den Sinn kommen, denn eigentlich ist es nicht schwer und auch die Anwendung ist keine besondere Kunst. Unser Wunschdenken und unsere Träume halten uns nur davon ab. Wir haben in der Schule und auf den Universitäten das gesellschaftskritische Denken gelernt und Andere zu kritisieren, brauchen wir gar nicht zu lernen. Das haben wir schon in die Wiege gelegt bekommen. Selbstkritisches Denken muss wirklich mühsam gelernt werden und seine Anwendung kostet jedes Mal wieder neue Überwindung (übrigens interessanterweise meist gegen unser Gefühl). Da haben wir eine schwere Aufgabe vor uns. Packen wir sie an.

Viel Spass beim Nach- und vielleicht auch Umdenken. Können wir das überhaupt? Sind wir nicht zur Dummheit verdammt, selbst die sich für „gebildet“ Haltenden?

7 June 2026
wf