Wie leben? Zeit und Geschichte:

Wie können wir leben?

16 Zeit und Geschichte: (01.5.2020)

Wir leben im Jetzt. Blicken wir zurück in die Vergangenheit, erscheinen uns viele Erlebnisse, viele Erfahrungen, viele kennengelernte Eigenschaften von Menschen, Tieren und der Erde in positiverem Lichte. Gehen wir weiter zurück in die Geschichte, in die Zeit, die wir nicht erlebt haben, lange zurückliegende Zeit, dann fällt auf, dass wir in wahrscheinlich realitätsnahen Geschichtsbüchern ziemlich krude, gewalttätige, harte Gesellen gezeigt bekommen. Unsere Vorstellung von Vergangenheit aber geht immer wieder von der Deutung aus, dass früher alles besser war, dass früher der Mensch besser war, familiärer, liebevoller, an die Umwelt angepasster. Sie werden das auch bei mir stellenweise so gefunden haben.
Unsere Theorie, unsere Vorstellung ist, alles müsse doch gut und harmonisch laufen können. Wir müssen nur die richtigen Regeln für alle finden und alle müssen sie einhalten. Im Judentum hat Gott diese Regeln gegeben und das jüdische Volk müsste sie nun einhalten. Im Islam geht es um klare Regeln, die eingehalten werden müssen, dann … In der postchristlichen Zeit müssen wir diese Regeln selbst finden, verwirklichen und einhalten. Das kann man extrem in der Schweiz studieren, aber auch in vielen anderen Ländern. So wird theoretisiert und entsprechend geregelt.
In der Mitte, beim Mitläufermensch funktioniert es auch halbwegs. Über die Fehler schauen wir grosszügig hinweg. Der Mittelmassmensch eckt ja möglichst nirgends an. An den Rändern, „rechts“ und „links“ will keiner Mittelmass sein. Die dort beheimateten müssen sich selbst etwas besonderes sein (Ich bin da nicht besser) und damit torpedieren wir unsere eigene Moral.
Könnte es sein, dass wir in unseren Vorstellungen von der grauen Vorzeit unsere Vorstellungen vom „Paradies“, wie es in der Bibel beschrieben wurde, wiederfinden? Auch ohne je die Bibel gelesen zu haben oder dem christlichen Glauben zu folgen, haben wir einen Glauben an ein „Früher“, in dem alles besser war, „paradiesisch“ eben? Andere Religionen haben entsprechend ihrer Grundphilosophie andere Vorstellungen von diesem Sein, aber finden tun wir diese Struktur nicht nur im christlichen Glauben, sondern in verschiedenen Religionen.
Wenn wir die Vergangenheit in diesem Lichte sehen, ist erklärlich, warum die heutige Zeit schlechter ist, ja warum die Zeiten immer schlechter werden, obwohl wir doch seit sicher mehr als 300 Jahren die Welt immer besser machen.
Die Zeit hat den Nachteil, dass es kein Zurück gibt. Wenn wir in der Entwicklung vorne gewinnen, kommt nicht nur Neues, also Gutes dazu. Hinten verlieren wir. Unsere Nervenzellen mögen noch viel zusätzliche Information speichern können (Woher wissen wir das eigentlich?), aber wir können unser Sein nicht erweitern (Zeit und erleben). Wo wir vorne gewinnen, verlieren wir hinten Fähigkeiten, z.B. Lösungen mit einfachen Mitteln. Wir gewinnen vielleicht „Wissen“, aber wir verlieren hinten Softskills. Das ist eine biologische Naturregel. Wir können nicht alles gleichzeitig haben oder sein! Halten wir es mit Reinhold Niebuhrs Gebet: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Wir treiben die Entwicklung immer schneller in ungewisse und ungeschützte Regionen und reissen immer gleich hinter uns den Rückweg ab. Die Zeit läuft ja nie wieder zurück. Das ist suizidales menschliches Handeln. Wahrscheinlich können wir nicht anders, warum aber immer in Hast und Eile, statt wohl überlegt und durchdacht? Sind wir inzwischen zwanghaft veranlagt oder werden wir vom Teufel getrieben?
Die menschliche Entwicklung der letzten 100000 Jahre verlief möglicherweise gar nicht rational, sondern irrational, religiös oder durch andere innere und äussere Einflüsse überformt. Wir werden die Entwicklung möglicherweise durch eine logische Theorie (wie z.B. die Evolutionstheorie) gar nicht nachvollziehen können? Auch heute passieren sehr viele Entscheidungen und Entwicklungen gar nicht rational, sondern irrational, eben intuitiv und willkürlich gegen den Verstand. Wir geben uns nur dem Irrtum hin, wir entschieden immer rational und glauben auch gleich noch, dass unsere Intuition rational sei. Ist nicht die Geschichte gespickt mit Zufällen unklaren Ursprunges?
Früher war alles besser und in Zukunft soll alles besser werden. Nur heute ist alles schlecht? Seit Jahrzehnten machen wir die Welt immer besser und doch war es früher immer besser als heute. Ist da nicht etwas faul?
Es gibt keine gültige Geschichtsdeutung, denn schon die damals im Heute lebenden waren völlig widersprüchlich, gut und böse zugleich, Schein und Sein. Die wussten selbst die Deutung nicht. Wie sollen dann wir heute aus der Ferne die Geschichte realitätsnah deuten, wo wir nicht einmal dazugehört haben? Wir deuten Geschichte, aber nur im Selbstbetrug dürfen wir annehmen, dass wir die Zeiten tatsächlich verstehen.
Wenn wir sehen, wie sehr vor- und nachher unsere Ansichten in der Liebe wechseln oder wie sehr der Wert dessen, was wir haben und was wir nicht haben, wechselt, so ist fraglich, ob wir später eine solide Geschichtsbeurteilung überhaupt hinkriegen können. Sind wir da nicht viel zu optimistisch, ja geradezu selbstbetrügerisch?
Ausser in Krisenzeiten sehen wir nur das Gute und Positive in dem, was wir wollen. Im Nachhinein sehen wir auch die Nachteile, oft sogar überwiegend die Nachteile, die Kosten. Oft sind die Kosten viel höher als vorhergesehen. Nicht selten überwiegen dann die Kosten den Nutzen. So wird aus einem + in der Vorausschau ein – in der Rückschau.
Sein sind nur wir selbst für uns. Alles Andere um uns ist nur Interpretation von Sein, also Schein. Selbst wir selbst sind nicht nur Sein, sondern auch Schein, sowohl für uns wie auch für Andere. Das lernen wir erst im Laufe eines Lebens. Das kann man nicht einfach vermitteln, wie das angeblich mit „Wissen“ gehen soll.
Die Frage wäre, was wollen wir aus der Vergangenheit, aus der Geschichte lernen? Wollen wir lernen, wie man es weiter falsch macht, nur effektiver, angepasster, egoistischer, aber nach aussen unsichtbar? Oder würden wir gerne lernen, wie man Egoismus überwindet? Vielleicht dürfen wir dann gerade nicht zurück in die Geschichte schauen, sondern nach vorne?

 

Unsere Beurteilung von „Mittelalter“ ist sehr relativ, auch die von „Neuzeit“. Woran messen wir solch ein Urteil? Natürlich, in der „Neuzeit“ können wir besser unseren Egoismus ausleben. Aber, ist das wirklich „Neu“?
Der Irrtum der „Neuzeit“ heisst: „Was kostet die Welt? (Nicht: „Ich will sie kaufen!“,sondern) Ich kaufe sie!“ Ich bin hier der Chef (über Gott und/oder die Evolution und deren Ergebnis). Dummerweise meint dann jeder Individualist auch noch: Ich alleine! (zumindest die Männer meinen es so.) Der Mensch ist aber nicht nur der Welt gegenübergestellt als Ich, als Person, als Akteur. Er gehört auch zur Welt. Wenn er die Welt verändert, verändert er auch sich. Bisher wurde er fast nur unmenschlicher. Wir sind zugleich aktiver Spieler im Spiel, aber auch passives Männchen auf dem Spielfeld.
Ich schlage vor, unsere Zeit, die Neuzeit „Illusionszeit“ oder „Zeit des Selbstbetruges“ zu nennen. Sie begann Ende des 15. Jahrhunderts mit den grossen Eroberungen der Welt und der Neuorientierung der christlichen Religionen. Die „Neuzeit“ würde beginnen, wenn die Zeit des „Schenkens“ und „Verzichtens“ begänne. „Postmoderne“ ist schon schlicht begrifflicher Unsinn. Das hätten ihre Schöpfer und Protagonisten bereits selber zu Beginn merken müssen, wenn sie ein bisschen nachgedacht hätten. Die Illusion „Der menschliche Egoismus macht die Welt besser“ hat ausgedient. 2+2=4 bedeutet auf der anderen Seite 2-2=0. Wo ist etwas besser geworden? Unsere Kugel lehrt uns jetzt, dass es so ist und nicht Verbesserung aus dem Nichts.
Wir befinden uns heute nicht in der „Postmoderne“, sondern im „Zeitalter des Irrtums“, im „Illusionszeitalter“. Der Mensch ist nicht Herrscher der Erde, sondern er ist Teil der Erde wie die Tiere auch und wie die vielen Jahrhunderte zuvor. Der „Herrscher der Erde“ ist ein Irrtum. Es ist ein Irrtum, dass wir einfach glauben dürften, die Welt zu verbessern, wenn wir sie erobern, verändern und bezwingen.
Ich bin nur noch für’s „Geniessen“ da, die Anderen für’s „Leisten“. Wenn es nicht funktioniert, sind die Anderen Schuld. Das ist die heutige Lebensauffassung.
Wollen wir nicht langsam wieder zum „Menschsein“ zurückkehren? Das Experiment der „Neuzeit“, so wie wir es gemacht haben, war ein Versuch, der sich als Irrtum herausgestellt hat. Sammeln wir die noch heilen Steine aus den Trümmern und bauen neue Strukturen in Übereinstimmung mit dem menschlichen Sein.
Holen wir die Postmoderne vom Sockel. Sie war nur ein Irrtum.

 

Immer die nächste Generation ist wichtig, nicht wir selbst. Die aktuelle Generation (vor allem die Frauen) kümmerte sich jeweils um das Gedeihen und angemessene Leben der nächsten Generation. Was die aktuelle Generation hatte, wurde an die nächste verschenkt. Heute ist es umgekehrt. Die aktuelle Generation nimmt sich in Form von hoher Staatsverschuldung den erhofften Reichtum der nächsten Generation und im sogenannten „Generationenvertrag“ wird die nächste Generation zusätzlich gleich noch dazu verdonnert, neben dem Schulden abzahlen auch die Renten der Generation vorher zu berappen. Wir Nachkriegsgenerationen sind doch schon einzigartig egoistisch und diebisch veranlagt.
Tiefgreifende Wandel in der Gesellschaft führen über Prägung der Spiegelneurone erst über Generationen zur Beruhigung. Der schnelle Wandel, den der Mensch heute verursacht, macht vieles schlimmer, nicht besser. Der schnelle Wandel schafft Unsicherheit, Chaos und Beziehungsverlust.
Liebes Silicon-Valley, bitte verlängern Sie nicht das Leben des Menschen auf 200 oder gar 1000 Jahre, sondern sorgen Sie dafür, dass wir der Realität des Lebens und des Menschen näher kommen, dass wir uns der Realität immer mehr anpassen, nicht gezwungenermassen in Notzeiten, sondern freiwillig, ganz bewusst und aktiv.
Eine der prägenden Auseinandersetzungen in Zukunft wird die zwischen Ost und West sein, zwischen Asien und dem Westen, zwischen 1 oder/und 2. Dabei geht dieser Kampf, diese Auseinandersetzung ins Leere. Leiden und Sterben in diesem Kampf oder für eine der beiden Seiten wird völlig sinnlos sein, denn die Realität wird sehr wahrscheinlich heissen: 1=2.
Gab es doch Menschen nach dem Ende des „kalten Krieges“, die meinten „Die Geschichte geht jetzt zu Ende“. Wollten Sie gemeinschaftlichen Selbstmord begehen?