Wie leben? Zeit und Geschichte:

Wie können wir leben?

5 Zeit und Geschichte: (17.11.2020)

Wir leben im Jetzt. Blicken wir zurück in die Vergangenheit, erscheinen uns viele Erlebnisse, viele Erfahrungen, viele kennengelernte Eigenschaften von Menschen, Tieren und der Erde in positiverem Lichte. Gehen wir weiter zurück in die Geschichte, in die Zeit, die wir nicht erlebt haben, lange zurückliegende Zeit, dann fällt auf, dass wir in wahrscheinlich realitätsnahen Geschichtsbüchern ziemlich krude, gewalttätige, harte Gesellen gezeigt bekommen. Unsere Vorstellung von Vergangenheit aber geht immer wieder von der Deutung aus, dass früher alles besser war, dass früher der Mensch besser war, familiärer, liebevoller, an die Umwelt angepasster. Sie werden das auch bei mir stellenweise so finden.
Unsere Theorie, unsere Vorstellung ist, alles müsse doch gut und harmonisch laufen können. Wir müssen nur die richtigen Regeln für alle finden und alle müssen sie einhalten. Im Judentum hat Gott diese Regeln gegeben und das jüdische Volk müsste sie nun einhalten. Im Islam geht es um klare Regeln, die eingehalten werden müssen, dann … In der postchristlichen Zeit müssen wir diese Regeln selbst finden, verwirklichen und einhalten. Das kann man extrem in der Schweiz studieren, aber auch in vielen anderen typischerweise „hoch entwickelten“ Ländern. So wird theoretisiert und entsprechend geregelt.
In der Mitte, beim Mitläufermensch funktioniert es auch halbwegs. Über die Fehler schauen wir grosszügig hinweg. Der Mittelmassmensch eckt ja möglichst nirgends an. An den Rändern, „rechts“ und „links“ will keiner Mittelmass sein. Die dort beheimateten müssen sich selbst etwas besonderes sein (Ich bin da nicht besser) und damit torpedieren wir unsere eigene Moral.
Könnte es sein, dass wir in unseren Vorstellungen von der grauen Vorzeit unsere Vorstellungen vom „Paradies“, wie es in der Bibel beschrieben wurde, wiederfinden? Auch ohne je die Bibel gelesen zu haben oder dem christlichen Glauben zu folgen, haben wir einen Glauben an ein „Früher“, in dem alles besser war, „paradiesisch“ eben? Andere Religionen haben entsprechend ihrer Grundphilosophie andere Vorstellungen von diesem Sein, aber wir finden diese Struktur nicht nur im christlichen Glauben, sondern in verschiedenen Religionen.
Das, was wir uns als gute Zukunft vorstellen, liegt bereits in der Vergangenheit, im ehemaligen Paradies. Das Paradies malen wir uns immer wieder aus. Dabei war die Vergangenheit nach dem Paradies grausam und sie ist es noch. Woher wollen wir wissen, dass wir so einfach wieder das Paradies für uns schaffen können? Spricht nicht unsere Erfahrung der letzten tausende Jahre klar dagegen?
Wenn wir die Vergangenheit in diesem Lichte sehen, ist erklärlich, warum die heutige Zeit schlechter wirkt, ja warum die Zeiten immer schlechter werden, obwohl wir doch seit sicher mehr als 300 Jahren die Welt immer besser machen.
Die Zeit hat den Nachteil, dass es kein Zurück gibt. Wenn wir in der Entwicklung vorne gewinnen, kommt nicht nur Neues, also Gutes dazu. Hinten verlieren wir. Unsere Nervenzellen mögen noch viel zusätzliche Information speichern können (Woher wissen wir das eigentlich?), aber wir können unser Sein nicht erweitern (Zeit und erleben). Wo wir vorne gewinnen, verlieren wir hinten Fähigkeiten, z.B. Lösungen mit einfachen Mitteln. Wir gewinnen vielleicht „Wissen“, aber wir verlieren hinten Softskills. Das ist eine biologische Naturregel. Wir können nicht alles gleichzeitig haben oder sein! Halten wir es mit Reinhold Niebuhrs Gebet: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, das Eine vom Anderen zu unterscheiden. In diesem Gebet stecken eine Menge Weisheit, eine Menge Erfahrung, viel Verständnis unseres menschlichen Seins. Genau das ist es, was ich und dieses Buch sich wünschen und wollen.
Wir treiben die Entwicklung immer schneller in ungewisse und ungeschützte Regionen und reissen immer gleich hinter uns den Rückweg ab. Entwicklung bedeutet Entwicklung. Die Zeit läuft ja nie wieder zurück. Das ist suizidales menschliches Handeln. Wahrscheinlich können wir nicht anders, warum aber immer in Hast und Eile, statt wohl überlegt und durchdacht? Sind wir inzwischen zwanghaft veranlagt oder werden wir vom Teufel getrieben?
Die menschliche Entwicklung der letzten 100000 Jahre verlief möglicherweise gar nicht rational, sondern irrational, religiös oder durch andere innere und äussere Einflüsse überformt? Wir werden die Entwicklung möglicherweise durch eine logische Theorie (wie z.B. die Evolutionstheorie) gar nicht angemessen nachvollziehen können? Auch heute passieren sehr viele Entscheidungen und Entwicklungen gar nicht rational, sondern irrational, eben intuitiv und willkürlich gegen den Verstand. Wir geben uns nur dem Irrtum hin, wir entschieden immer rational und glauben auch gleich noch, dass unsere Intuition rational sei. Ist nicht die Geschichte gespickt mit Zufällen unklaren Ursprunges? Eine Menge dieser Irrationalität entspringt aus der Unkenntnis unseres Körpers, der Seele und des Verstandes, aus unseren Irrtümern über uns selbst und unserem Selbstbetrug.
Früher war alles besser und in Zukunft soll alles besser werden. Nur heute ist alles schlecht? Seit Jahrzehnten machen wir die Welt immer besser und doch war es früher immer besser als heute. Ist da nicht etwas faul?
Es gibt keine gültige Geschichtsdeutung, denn schon die damals im Heute lebenden waren völlig widersprüchlich, gut und böse zugleich, Schein und Sein. Die wussten selbst die Deutung nicht. Wie sollen dann wir heute aus der Ferne die Geschichte realitätsnah deuten, wo wir nicht einmal dazugehört haben? Wir deuten Geschichte, aber nur im Selbstbetrug dürfen wir annehmen, dass wir die Zeiten tatsächlich verstehen.
Wenn wir sehen, wie sehr vor- und nachher unsere Ansichten in der Liebe wechseln oder wie sehr der Wert dessen, was wir haben und was wir nicht haben, wechselt, so ist fraglich, ob wir später eine solide Geschichtsbeurteilung überhaupt hinkriegen können. Sind wir da nicht viel zu optimistisch, ja geradezu selbstbetrügerisch? Trotzdem werde auch ich es versuchen. Wir müssen es auch versuchen!
Ausser in Krisenzeiten sehen wir nur das Gute und Positive in dem, was wir wollen. Im Nachhinein sehen wir auch die Nachteile, oft sogar überwiegend die Nachteile, die Kosten. Oft sind die Kosten viel höher als vorhergesehen. Nicht selten überwiegen dann die Kosten den Nutzen. So wird aus einem + in der Vorausschau ein – in der Rückschau.
Sein sind nur wir selbst für uns. Alles Andere um uns ist nur Interpretation von Sein, also Schein. Selbst wir selbst sind nicht nur Sein, sondern auch Schein, sowohl für uns wie auch für Andere. Das lernen wir erst im Laufe eines Lebens. Das kann man nicht einfach vermitteln, wie das angeblich mit „Wissen“ gehen soll. Das kann man sich nur im leben, im erleben, mühevoll erarbeiten. Deshalb ist leben gegenüber „Wissen“, gegenüber Theorie, gegenüber Scheinwelten so wichtig. Realitätsnähe entwickeln wir nur in der Realität, nicht in der Flucht aus unserer Realität (mittels Alkohol, Drogen, schönen Träumen oder Theorien, digitalen Welten …).
Die Frage wäre, was wollen wir aus der Vergangenheit, aus der Geschichte lernen? Wollen wir lernen, wie man es weiter selbstbezogen (ja narzistisch) falsch macht, nur effektiver, angepasster, egoistischer, aber nach aussen unsichtbar? Oder würden wir gerne lernen, wie man Egoismus überwindet? Wären wir überhaupt bereit, unseren eigenen Egoismus zu überwinden und das nicht dauernd nur von den Anderen zu fordern? Vielleicht dürfen wir dann gerade nicht zurück in die Geschichte schauen, sondern nach vorne? Vielleicht müssten wir dann unseren Selbstbetrug erkennen und überwinden?
Unsere Beurteilung von „Mittelalter“ ist sehr relativ, auch die von „Neuzeit“. Woran messen wir solch ein Urteil? Natürlich, in der „Neuzeit“ können wir besser unseren Egoismus ausleben. Das macht das Leben endlich leicht. Nicht irgendein Gott steht im Mittelpunkt, sondern ich. Endlich bin ich nicht mehr Nebensache, sondern Hauptsache. So wird das Leben endlich angenehm. Aber, ist das wirklich „Neu“? Ist das wirklich sinnvoll?
Der Irrtum der „Neuzeit“ heisst: „Was kostet die Welt? (Nicht: „Ich will sie kaufen!“, sondern) Ich kaufe sie!“ Ich bin hier der Chef (über Gott und/oder die Evolution und deren Ergebnis). Dummerweise meint dann jeder Individualist auch noch: Ich alleine! (zumindest wir Männer meinen es so.) Der Mensch ist aber nicht nur der Welt gegenübergestellt als Ich, als Person, als Akteur. Er gehört auch zur Welt. Wenn er die Welt verändert, verändert er auch sich. Bisher wurde er fast nur unmenschlicher. Wir sind zugleich aktiver Spieler im Spiel, aber auch passiver Ball auf dem Spielfeld. Beides lässt sich nicht voneinander trennen.
Ich schlage vor, unsere Zeit, die Neuzeit „Illusionszeit“ oder „Zeit des Selbstbetruges“ zu nennen. Sie begann Ende des 15. Jahrhunderts mit den grossen Eroberungen der Welt und der Neuorientierung der christlichen Religionen. Die „Neuzeit“, die sich auch so nennen dürfte, würde beginnen, wenn die Zeit des „Schenkens, Teilens“ und „Verzichtens“ begänne. Auch „Postmoderne“ ist schon schlicht begrifflicher Unsinn. Das hätten ihre Schöpfer und Protagonisten bereits selber zu Beginn merken müssen, wenn sie ein bisschen nachgedacht hätten. In dieser Neuzeit hätte die Illusion „Der menschliche Egoismus macht die Welt besser“ (nicht nur eine Ansicht namhafter Ökonomen) ausgedient. 2+2=4 bedeutet auf der anderen Seite 2-2=0. Wo ist etwas besser geworden? Unsere Kugel lehrt uns jetzt, dass es so ist und nicht Verbesserung aus dem Nichts.
Wir befinden uns heute nicht in der „Postmoderne“, sondern im „Zeitalter des Irrtums“, im „Illusionszeitalter“. Der Mensch ist nicht Herrscher der Erde, sondern er ist Teil der Erde wie die Tiere auch und wie die vielen Jahrhunderte zuvor. Der „Herrscher der Erde“ ist zwar glücklicherweise und leider Realität, aber zugleich ein verhängnisvoller Irrtum. Es ist ein Irrtum, dass wir einfach glauben dürften, die Welt zu verbessern, wenn wir sie erobern, verändern und bezwingen. Wir Menschen haben uns so daran gewöhnt, immer ewiger Sieger zu sein. Vielleicht sind wir das aber gar nicht? Wir Männer müssen da vielleicht umdenken? Ist das eine der Hauptlehren, die wir nicht aus der Vergangenheit, sondern aus unserer Gegenwart, nämlich dem Leben mit dem Coronavirus ziehen dürfen?
Ich bin nur noch für’s „Geniessen“ da, die Anderen für’s „Leisten“. Wenn es nicht funktioniert, sind die Anderen Schuld. Das ist eine heute bestimmende Lebensauffassung.
Wollen wir nicht langsam wieder zum „Menschsein“ zurückkehren? Das Experiment der „Neuzeit“, so wie wir es gemacht haben, war ein Versuch, der sich als Irrtum herausgestellt hat. Sammeln wir die noch heilen Steine aus den Trümmern und bauen neue Strukturen in Übereinstimmung mit dem menschlichen Sein und der Welt.
Holen wir die Moderne und erst recht die Postmoderne vom Sockel. Sie waren nur ein Irrtum.
Immer die nächste Generation ist wichtig, nicht wir selbst. Die aktuelle Generation (vor allem die Frauen) kümmerte sich jeweils um das Gedeihen und angemessene Leben der nächsten Generation. Was die aktuelle Generation hatte, wurde an die nächste verschenkt, vererbt. Heute ist es umgekehrt. Die aktuelle Generation nimmt sich in Form von hoher Staatsverschuldung den erhofften Reichtum der nächsten Generationen und im sogenannten „Generationenvertrag“ wird die nächste Generation zusätzlich gleich noch dazu verdonnert, neben dem Schulden abzahlen auch die Renten der Generation vorher zu berappen. Und mit der verbrauchten Erde muss sich diese Generation auch gleich noch plagen. Wir Nachkriegsgenerationen sind doch schon einzigartig egoistisch, diebisch und destruktiv veranlagt. Übertreffen wir nicht trotz „Friedens“ noch die Kriegsgenerationen vor uns?
Die nach 1980 geborenen sind besonders schlimm dran, weil die beiden Nachkriegsgenerationen sie ausgebeutet haben, als sie sich noch gar nicht wehren konnten. In der Kindheit wurden sie aber von ihren Eltern nicht auf das Leben vorbereitet. Sie wurden statt dessen verwöhnt bis ins Extrem. Das wird ein sehr böses Erwachen geben.
Tiefgreifende Wandel in der Gesellschaft führen über Prägung der Spiegelneurone erst über Generationen zur Beruhigung. Der schnelle Wandel, den wir Menschen heute verursachen, macht vieles schlimmer, nicht besser. Der schnelle Wandel schafft Unsicherheit, Chaos und Beziehungsverlust.
Liebes Silicon-Valley, bitte verlängern Sie nicht das Leben des Menschen auf 200 oder gar 1000 Jahre, sondern sorgen Sie dafür, dass wir der Realität des Lebens und des Menschen näher kommen, dass wir uns der Realität immer mehr anpassen, nicht gezwungenermassen in Notzeiten, sondern freiwillig, ganz bewusst und aktiv, proaktiv, vorausschauend. Denken Sie vor wissenschaftlichen Weiterentwicklungen des Menschen nach, was für Folgen das für uns Menschen und unsere Erde hätte, auch die negativen. Wäre das wirklich sinnvoll? Braucht Wissenschaft vielleicht eine Selbstbegrenzung durch Sie Wissenschaftler selbst?
Eine der prägenden Auseinandersetzungen in Zukunft wird die zwischen Ost und West sein, zwischen Asien und dem Westen, zwischen 1 oder/und 2. Dabei geht dieser Kampf, diese Auseinandersetzung ins Leere. Leiden und Sterben in diesem Kampf oder für eine der beiden Seiten wird völlig sinnlos sein, denn die Realität wird sehr wahrscheinlich heissen: 1=2.
Nach dem Ende des „kalten Krieges“ stellte Francis Fukuyama die These auf, „Die Geschichte gehe jetzt zu Ende“. Sollten wir gemeinschaftlichen Selbstmord begehen? Sah er das Ende der Menschheit bereits kommen?
Tilo Sarazin mit seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ hat noch viel mehr Recht, als ihm lieb sein dürfte: Die Menschheit schafft sich ab (und merkt es nicht einmal).
Zeit hat den Charakter einer wandernden Grauzone (Sollten wir nicht den Begriff „Grauzone“ durch „farbenprächtige Zone der Vielfalt“ ersetzen? Könnten wir das nicht in vielen Bereichen unseres Lebens tun?). Mit der Wanderung dieser Zone (wichtig: nicht Linie!) ändern sich immer wieder unsere Grundlagen, unsere Bewertungen, unsere Anschauungen, unsere Wünsche… R.D. Precht spricht hier in seinem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“ von „Shifting baselines“. Meint er ähnliches?

 

Ich wage mal einen sehr kurzen Abriss aus der menschlichen Geschichte und ich muss Sie warnen: Ich bin kein Historiker. Ich habe nur oft zugehört, habe ein wenig nachgedacht und bin hoffnungslos relativ.
Wir Menschen haben eine sehr lange tierische Geschichte hinter uns. Zumindest glauben wir das, wenn wir die Evolutionstheorie als realitätsnah annehmen. Über hunderttausende von Jahren können wir fast nur indirekte Informationen aus Funden ableiten. Dann kamen in den letzten zehntausend Jahren etliche „Hochkulturen“, Kulturen von Menschen, die sich vom Tier unterschieden. Werkzeuge, Selbstverständnis, Denken und Nachdenken, Philosophie und Religion bekamen und hatten einen grossen Platz unter den Menschen, die uns bekannt wurden. Die vielen Anderen wurden uns nicht bekannt. Die Geschichte verschweigt sie uns. Sie hinterliessen keinen für uns identifizierbaren Fuss- oder Lebensabdruck.
Um die Stunde 0 nach christlicher Zeitrechnung kam Jesus zu den Juden. Die Bedeutung haben wir schon erörtert.
Seit 325/380 christlicher Zeitrechnung läuft die Geschichte in die Irre. Seitdem glauben Menschen immer mehr, dass der Zweck die Mittel heiligt. Das haben Christen übernommen, Männer, die damit in der Folge einen kleinen Weltkrieg auslösten, einen Glaubenskrieg, der die gesamte damals bekannte Welt ergriff. Das war noch eine kleine Welt. Viele Völker schliefen noch unberührt in der Versenkung. Aber dieses Ereignis, das Christentum wird zur Staatsreligion erhoben, ist ein sehr einschneidendes Ereignis. Bis dahin liessen die meisten Christen wie Jesus ihr Leben für ihren Glauben an Jesus den Erlöser. Es war ein furchtbares Leiden und Sterben. Die Jesus Christus folgenden Menschen mussten ihren Glauben mit Schmerzen und dem eigenen Leben bezahlen, denn die Anwendung von Gewalt hätte ihren Glauben entweiht.
325/380 ändert sich das und wie das bei uns Menschen so ist, wir wechseln von einem Extrem in das gegenteilige. Es geschieht nicht die Befreiung für die Christen und fertig. Jetzt entsteht ein laizistischer Staat wie 15 Jahrhunderte später mehr oder weniger. Nein, jetzt werden die Andersgläubigen unterdrückt, erleiden die Schmerzen und bezahlen ihren abweichenden Glauben mit dem Leben. Damit wird der christliche Glauben durch die Gewaltmittel entweiht und für die folgenden Jahrhunderte wird der christliche Glauben zur herrschenden Ideologie. Es geschehen Kreuzzüge und allerlei andere Gewalttaten, die mit dem Leben und Sterben Jesu nicht vereinbar sind.
Dann kam das „finstere“ Mittelalter. Die Menschen quälten sich mit Phantasien, denn sie kannten viele auf sie einstürmende Dinge dieser Welt nicht wirklich. Dazu waren sie ihnen auch noch ausgesetzt ohne Feuerwaffen, die aus Distanz töten. Für viele Phänomene hatten sie keine Erklärungen. Sie machten sich welche, so gut sie eben konnten und sie hielten sie genauso für Urteile wie wir unsere Beurteilungen heute als Urteile ansehen, obwohl sie nur Vorurteile sein können. Sie hatten kein Licht (ausser Feuer und Tageslicht). Sie hatten keine Maschinen, die ihnen die Arbeit abnahmen. Sie hatten keine Transportmittel ausser den eigenen Beinen und fremden Beinen. Die Liste dessen, was wir heute haben und die damals nicht hatten, lässt sich unendlich verlängern. Aber ihr Körper war an diese Zustände gewöhnt. Er war für diese Zustände ausgelegt. Und die Erde war im Vergleich zum Verbrauch durch den Menschen luxuriös mit Ressourcen ausgestattet. Die Erde und der Mensch waren ein erstaunlich gut eingespieltes Team. Das Dumme, der Mensch war der Erde unterlegen und ausgeliefert, nicht nur ein paar seltenen Naturgewalten, sondern täglichen einschränkenden Einflüssen. Das war schon ein „finsteres“ Mittelalter. Da gibt es gar keine Frage. Wer möchte dorthin zurück? Ich oute mich, ich nicht.
Das Mittelalter war schon wirklich finster, natürlich! Dem eigenen Egoismus waren sehr enge Grenzen gesetzt. Für Egozentriker war das natürlich wirklich finster. Endlich seinem Egoismus freien Lauf lassen zu können, das war natürlich eine neue Zeit. Das bedeutete Befreiung. Aber wenn wir Egoismus weiter denken, dann wird die Neuzeit erst recht finster. Heute erleben wir die Auswirkungen dieser Unrechtsjahrhunderte. Gruppenbildung, Völkerbildung, Rassenbildung ist ja nichts gutes oder böses, sondern einfach menschlich, Ausdruck von Mensch sein. Aber das angetane Unrecht hat Menschen der letzten Jahrhunderte und heute geprägt und böse Gefühle erzeugt und es wird wahrscheinlich Jahrhunderte des aufeinander Zugehens und aufeinander Achtens brauchen, bis diese Gefühle wieder ausgemerzt sind. Da braucht es Milliarden Menschen, die aufeinander zu gehen und Rücksicht nehmen aufeinander, ohne zu fordern.
Im Mittelalter spielte die Religion, in der damals bekannten und „entwickelten“ Welt vor allem das Christentum, eine grosse Rolle. So lag und liegt es auch heute noch nahe, die Schuld für die „Finsternis“ des Mittelalters der Kirche oder dem Christentum in die Schuhe zu schieben. Wer konnte denn das widerlegen? Zeitliche Parallelität bedingt kausalen Zusammenhang. So einfach ist das und unser Bauchgefühl hat schliesslich Recht. Zeitlich parallel gingen diese Strukturen. Ob sie sich gegenseitig kausal beeinflussten, wissen wir nicht und lassen wir daher offen. Selbst wenn ein kausaler Zusammenhang bestünde, wäre ja auch immer noch die Frage: In welche Richtung?
Im ausgehenden 15. Jahrhundert bahnten sich grosse neue Entwicklungen an. In der katholischen Kirche wurde langsam klar, dass die christliche Lehre in der Form kirchlichen Lebens nicht mehr vorkam. Die christliche Botschaft war derart dreist und eng an den Egoismus bestimmter Männer (im kleinen Massstab auch Frauen) gebunden, dass für eine Gruppe von Menschen neue Formen nötig wurden, damit die christliche Botschaft wieder Platz finden konnte. Heute im Nachhinein werden wir wohl annehmen müssen, dass dabei gravierende Fehler gemacht wurden, aber hinterher ist man immer schlauer. Deshalb bin ja auch ich solch ein Schlaumeier.
Parallel dazu und oft miteinander verknüpft fand die erste grosse Globalisierung statt. Forscher zogen aus, die ganze Erde zu erkunden. Die kirchlichen Vertreter zogen gleich mit, um allen die beste bis dahin bekannte und geglaubte Botschaft zu überbringen. Mit von der Partie waren allerdings auch die „Eigentümer“ der Welt. Sie dachten sich, Ihre Eigentümer zu vergrössern und sie taten es ausgiebig. Die Jahrhunderte vom Ende des 15. Jahrhunderts bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts müssen wir eigentlich als den gigantischsten Weltkrieg auffassen, der bisher stattfand. Dieser Weltkrieg verdient tatsächlich den Namen Weltkrieg, denn er zog auf einer der beiden Seiten nahezu alle Länder mit in den Krieg. Geben wir ihm den Namen „0. Weltkrieg“. Dann brauchen wir die Bezeichnungen der beiden anderen Weltkriege nicht zu ändern.
Der 0. Weltkrieg war eine Aneinanderreihung von Eroberungskriegen und Unterjochungen, Versklavungen und Genoziden, wie sie uns in gesicherten Häusern und sicheren Staaten lebenden Individualisten überhaupt nicht vorstellbar ist. Die Hauptauswirkungen dieses Krieges hatten die Eroberungen und die Ausbeutung und Versklavung. Die Forschung und die Christianisierung blieben dagegen zweitrangig.
Das war ein Krieg der damals weiter entwickelten Völker gegen die, die weniger Waffen entwickelt hatten, die weniger Eroberungsgeist hatten, die vielleicht mehr mit sich selbst beschäftigt waren, die sich selbst mehr genügten oder die bequemer waren oder auch dümmer? Es wäre ja spannend, unvoreingenommen nach den Ursachen für diese Ungleichheit zu suchen, unabhängig von Rassismusvorwürfen, Moralkeule, Geld, Einfluss, Ideologie, Politik etc. Das Dumme: Wir werden all diese Einseitigkeiten nicht los. Keiner von uns kann sich zur Objektivität aufschwingen und sagen „So war es“. Wir können nur eine Seite bejahen oder die Gegenseite oder müssen mühevoll nachdenken, ohne das Ziel je zu erreichen.
Wenn wir pro Jahrhundert vier bis fünf Generationen rechnen, dann waren in dieser Zeit 22 bis 27 Generationen betroffen, die auf einer der beiden Seiten (die meisten ja auf der unterlegenen Seite) von diesen Ereignissen geprägt wurden. Das ist tief in das Völkergedächtnis, tief in das Unterbewusste und das Bewusstsein, tief in die Lebensweise und nicht zuletzt auch in äussere Verhältnisse wie unterschiedliche Bildung und Eigentumsverhältnisse eingegangen. Wir sind Rassisten ganz verschiedener Prägung in beide Richtungen geworden. Wir haben Angst voreinander, meiden uns am liebsten, haben wenig Kraft, unsere menschliche Intoleranz wegen solcher Unmenschen auf der anderen Seite zu überwinden. Und Rachegefühle, -gedanken und -pläne kommen ja auch noch dazu. Früher hiess es als fortschrittliches Ziel bereits „Auge um Auge und Zahn um Zahn“, weil die Rache dazu neigte, immer mehr zu schaden als vorher geschehen war und damit zur Eskalation zu führen. Wir wollen glauben, dass wir jetzt mal so eben zu ändern seien innerhalb einer Generation und alles wird gut? Das es nicht gelingt, liegt natürlich immer an den Anderen. „Ach, wären die doch so gut wie ich“… Dann wäre alles gut, denn die würden mir zu Füssen liegen und mir alle Wünsche erfüllen. Das wollen die aber nicht, sondern die wollen es umgekehrt.
Wir können Menschen, ja können uns selbst nicht einfach so umschalten: So, jetzt funktioniere mal so, wie ich es will und für richtig halte. Die Festplatte, der Speicher kann nicht so eben mal einfach geleert werden. Wer es versucht, wie derzeit in den chinesischen Umerziehungslagern oder früher unter Mao tse tung oder in den russischen Lagern eines Archipel Gulag und viele Andere oder in weniger gewalttätigem Masse durch die 68er, der wendet eben doch Gewalt an und entheiligt damit seinen Zweck, das Ziel.
Wozu also all die Demonstrationen, all die Proteste, all die Artikel und Bücher darüber, die Filme und und und? Nur weil wir eben nicht fertig werden mit all dem Leid und Unrecht und Schmerz, den Generation um Generation, Volk um Volk erlitten und verinnerlicht haben. Selbst die Täter waren auch Opfer. In der Regel ist zerstören viel schneller vollbracht als aufbauen oder wieder aufbauen. 25 Generationen hätten wir dann vielleicht zu verdoppeln? Wir könnten ja jetzt eine Studie bei den Experten und den Computeraktivisten dazu in Auftrag geben. Ich käme also auf ungefähr 50 Generationen. Das wären eintausend Jahre. Ob die Rechner dann mittels Computersimulationen auf 23,75 oder 28,35 Generationen kämen hat keinerlei Bedeutung, wäre aber wissenschaftlich genauer, denn wir hätten jetzt auch noch Stellen hinter dem Komma. In eintausend Jahren wird keiner mehr nach diesen Computersimulationen fragen. Der breite Graubereich oder besser farbige Bereich (Buntbereich) menschlicher Diversität würde solche Zahlen sowieso konterkarieren. Selbst wenn wir viel Glück hätten und ich mich verschätzt hätte und es keine Verdopplung der Anzahl Generationen bräuchte, sondern nur die einfache Übernahme auf die Gegenseite, wären wir immer noch bei 500 Jahren Abklingen der Schäden in den Menschen (vorausgesetzt, es kommen keine neuen dazu).
Jetzt haben wir mal eine Vorstellung vom Ausmass der Folgen unseres europäischen Egoismus vom ausgehenden 15. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die zwei bekannten Weltkriege des letzten Jahrhunderts kommen dann erst noch dazu. Auch sie hinterliessen tiefe Spuren in den Menschen der beteiligten und geringer auch unbeteiligten Völker. Seit 1945 gibt es nun endlich keine Kriege mehr. Alle liegen sich glücklich und tolerant und nicht auf Rache sinnend in den Armen. Absolute Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme prägen seit 1945 die Wirtschaft, Wissenschaft, Religion und Politik.
Dann sprechen wir noch davon, dass wir unsere Welt besser gemacht hätten? Ja, die in unseren gut abgeschotteten europäischen und westlichen Ländern. Drum herum kocht und brodelt es.
Wenn ich die Zeichen der Waffenindustrien, der Spannungen zwischen den Völkern und sozialen Schichten, der Egoismen der regierenden Männer (glücklicherweise kaum Frauen), der Überbevölkerung und der geschichtlichen Hintergründe sehen, dann käme es doch einem ausgesprochenen Wunder gleich, wenn im laufenden Jahrhundert nicht noch intensivere Kriege auf uns zu kommen als die uns schon bekannten.
Im letzten Jahrhundert haben nun die USA die Rolle der Weltpolizei übernommen, besser, des Weltmilitärs. Sie haben geglaubt, dass der Zweck des selbstgeglaubten Guten ihre militärischen Mittel heiligen würde und nun merken wir, dass das Gegenteil der Fall ist. Die früheren Siegermächte unter Einschluss der USA sind noch verhasster geworden. Es spricht vieles dafür, dass der dritte, dann eigentlich der vierte Weltkrieg seinen Grund im nullten finden wird. Der gesamte Rest der Welt wird an den ehemaligen Siegern Rache üben. So verkehrt sich das Gute von damals in das Böse von heute. Wo es damals hiess „Europa zuerst“ (jedes Land für sich zuerst) wird sich jetzt zeigen, dass am Ende das Gegenteil dabei herauskommt. Die Zusammenhänge haben viel grössere Zeitbögen als wir glauben. Gott und/oder die Evolution haben eine Ewigkeit oder zumindest Milliarden Jahre Zeit. Für wie bedeutsam wir Menschen, noch dazu jeder einzelne sich, uns halten, ist doch so etwas von überheblich und unangemessen. „Die Menschheit schafft sich selber ab (in Anlehnung an „Deutschland schafft sich ab“, wir erinnern uns?).
Die Krise Nordamerikas und vor allem der USA heute ist: Die Auswanderer und damit Einwanderer in die USA gingen davon aus, dass sie eine bessere Welt aufbauen würden als die alte (aus der sie auswanderten). Seit dem sesshaft Werden der Einwanderer sind die Amerikaner davon überzeugt, die besseren Menschen zu sein, die bessere Gesellschaft und den besseren Staat, die beste Demokratie aufgebaut zu haben. Ich fürchte, die heutige Krise der USA ist die Erkenntnis, dass das alles nur Selbstbetrug war und ist und dass nun die Wirklichkeit offenbar wird. Eine auf maximalem Egoismus aufgebaute Gesellschaft kann nicht „gut“ sein und kann auch die Welt nicht „besser“ machen.
Der zweite Weltkrieg (1939 bis 1945) suggerierte, dass für die vielen erbrachten Opfer Gewalt zur Überwindung das rechte Mittel sei. Unter gewissen Umständen mag man das glauben. Ich will auch nicht dagegen wettern. Ob der zweite Weltkrieg aber als Begründung dafür gelten kann, dass Gewalt als Abwehr, als Verteidigung den Zweck (den Sieg) nicht entheilige? Ich muss gestehen, dass ich froh bin, dass das Hitlerregime überwunden wurde, aber dass der Sieg die Gewalt heiligte? Da bekomme ich doch zunehmend Zweifel. Eher zeigt das Beispiel, dass wir gar keine Chance haben, von uns aus, heilig zu werden oder zu bleiben. Diese Gewalt und dieser Sieg bedeuten jedoch nicht, dass damit jede Gewalt als Abwehr zuvor und hernach geheiligt sei. Wir können uns nicht darauf berufen.
Kleine Länder und kleine Strukturen verlieren immer mehr Bedeutung, verlieren immer mehr Einfluss. Heute muss man grosse Einheiten bilden, Staatenbünde oder Bundesstaaten. So erreicht man mehr. In Zukunft werden diese Blöcke miteinander Krieg führen. Weltkriege sind kaum noch zu vermeiden.
Die Geschichte vom nullten Weltkrieg bis heute zeigt, dass Gewalt immer wieder Gegengewalt hervorgerufen hat. Entrinnen konnte man höchstens durch 100%igen Genocid. Deswegen gab es ja Herrscher, die genau dieses Ziel verfolgten und noch verfolgen werden. Gewalt ist natürlich physische Gewalt (Waffen, Krieg etc.), aber auch psychische Gewalt, politische Gewalt (Zölle, Sanktionen, Beschränkungen, Gesetze, Regeln…). Dazu gehört auch wirtschaftliche Gewalt mittels Knebelverträgen, Maffia, Subventionen (häufig auch Ideendiebstahl und Diskussionsgewalt (der Krieg der Argumente). Wer, zumindest welcher Mann, lässt sich schon überzeugen und verliert nicht dabei sein Gesicht vor sich selbst, wird nicht seines Selbstbetruges gewahr? Das aber ist beschämend und vermeiden wir um jeden Preis. Damit entweihen wir unsere Ziele.
Das sich selbst belügen Müssen scheint in Asien noch wichtiger zu sein als im Westen. Sonst müsste man nicht so höllisch aufpassen, dass der Partner nicht sein Gesicht verliert. Sonst verliert der Partner seine Persönlichkeit, seine Würde. Spiele das Spiel mit bis zum Ende. Das würde aber auch bedeuten, dass im Osten der Selbstbetrug unausweichlich ist. Wie wollen östliche Bewohner dieses Planeten dann realistisch werden? Das ist ihre Realität. Wir Bewohner des Westens müssen das akzeptieren. Das ist ein Geheimnis des Ostens.
 
Verlassen wir die Weltkriege. Endlich Frieden, zumindest im klassischen Westen, in den USA, Kanada, Australien, Neuseeland und dem grössten Teil Europas. Neue Generationen wachsen heran.
Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin.“ Was für eine lächerliche, altkluge Denkweise von uns in jungen Jahren. Der Krieg sucht uns heim. Meist sind die im Krieg, die gar nicht den Krieg gewollt oder verursacht haben. Die, die ihn verursachten sind gar nicht im Kriegsgeschehen. Wie wollen Sie Frieden machen? Die Jungen leben in Illusionen und die alten können sich aus ihren negativen Erinnerungen nicht lösen.
Die Neuzeit ist die Illusionszeit. Die Illusion der Neuzeit ist, sie mache etwas neues. Das ist nicht ganz falsch. Sie hat das Ego, den Menschen als Egoisten als uneingeschränkt gut in die Mitte gestellt. Endlich dürfen wir ohne schlechtes Gewissen Egoisten sein und uns ganz und gar um uns selbst kümmern. Das wäre ja nur halb so schlimm, aber wir erwarten als egoistische Egoisten dann doch, dass auch die anderen sich um uns kümmern (auch wenn wir das nicht erwidern).
Die 70 Nachkriegsjahre nach dem 2. Weltkrieg waren nicht normal, stellten nicht die Normalität auf dieser Erde dar. Alles wurde durch Raubbau und durch Schuldenmachen geschönt, vor allem unser Einkommen, unsere Gewinne, unsere Möglichkeiten, unsere Individualiät, unser Glauben, sparen zu können für das Alter.
Wer räumt nach den vielen Kriegen im Nahen und Mittleren Osten dort wieder auf und gibt den Menschen eine lebenswerte Zukunft? Deutschland und Europa versuchen es mit Geld, vor allem der nächsten Generation, die sich nicht wehren kann gegen den Raub.
Auf die Spitze getrieben haben das schliesslich die 68er. Sie waren und sind nun gänzlich davon überzeugt, nun endlich die Welt vom Alten befreit zu haben. Sie sind so vollständig davon überzeugt, dass nachdenken für sie gar nicht mehr möglich ist. Zweifel ist nicht erlaubt und da Nachdenken von Anderen Zweifel wecken könnte, wurden diese Fragen zum Tabu gemacht. Über Tabus kann man nicht mehr gemeinsam nachdenken oder gar reden.
Der Egoist muss zum Individualisten werden und wird schliesslich vereinsamen, denn wenn jeder sich nur noch um sich selber kümmert, könnte es theoretisch wohl weniger Kriege geben, aber auch weniger beziehungshaftes Leben. Ist Leben ohne entsprechende Beziehungen dem Menschen gemäss? Ich hätte da so meine Zweifel. Der 68er Lebensentwurf ist eine Sackgasse. Der Welteroberungskrieg war eine Sackgasse.
Die 68er wollten ja gerade nicht aus der Geschichte lernen, sondern sie wollten sich selbst verwirklichen. Damit meinten sie, aus der Geschichte gelernt zu haben. Jeder manipuliert seine Geschichte hinterher, nicht nur die Völker, nicht nur die Herrscher, ganz besonders jeder Einzelne.
Bei den Frauen der 68iger Generation wurde endlich der tägliche Kampf mit sich selbst um die eigene Selbstbeherrschung zu Gunsten der Kinder in Richtung des Selbst der Frau verschoben. Endlich kann auch die Frau und Mutter sich selbst in den Vordergrund stellen. Die Frauen sind erleichtert und fassen das als Fortschritt auf. Gefühlsmässig ist das völlig nachvollziehbar. Aber was ist mit den Frauen, damit auch mit den Männern und vor allem mit den Kindern passiert? Frauen haben den Unterschied gar nicht verstanden. Glücklicherweise wirken die Gene noch teilweise. Jetzt sind die Kinder störendes Anhängsel, das halt mit durchgeschleppt werden muss, denn schliesslich müssen Kinder ja sein oder sie kamen ungewollt. Kinder in warmherziger, fürsorglicher, gewünschter Atmosphäre? Das war einmal, falls es überhaupt jemals war. Menschlich? Plötzlich können nur noch liebevolle und zugreifende Männer das Leben der Kinder menschlicher machen, einen Lebensmittelpunkt bilden, denn die Frauen/Mütter müssen ja Karriere machen. Was sollen das für Kinder werden?
Generation Z? Nein, Generation „Karriere, digitale Welt und Party“. In diese Lebensauffassung passen Kinder nicht hinein. Selbstbeherrschung ja, aber nur für die Karriere, sonst nicht. Und die Generation ist nicht einmal selbst Schuld, dass sie so geworden ist. Wir, die Eltern haben ihnen das so vorgelebt und ihnen eingetrichtert. Karriere, Karriere, Karriere!
Die Millenials wollen wieder Familie und Freizeit, aber sie glauben, dass sie ein Recht darauf haben. Sie scheuen den Einsatz. Wer sollte ihnen denn das Recht darauf ohne Einsatz schenken?
Warum Generation Z? Kommt danach keine neue Generation? Haben die Namensgeber schon beschlossen, die Menschheit nun auszumerzen? Name ist auch Programm. Sind wir in der Namensgebung schon so gedankenlos geworden, dass wir das bei der Namensgebung schon gar nicht mehr mit bedenken können?
Der Corona-Virus ist eine willkommene Chance zum Nachdenken. Er weckt die Egoisten und die Karrieretypen. Plötzlich ist da etwas im Weg. Für die Einen ist es eine Beleidigung, dass es so etwas überhaupt noch gibt. Du störst meine Freiheit. Was fällt Dir ein? Für die Anderen ist so etwas schlicht nicht mehr vorstellbar. Wer hat da so geschlammt, dass sich so ein kleiner unscheinbarer Virus uns noch in den Weg stellt? Auf den angemessen zu reagieren ist unterhalb unserer Würde. Beide Generationen haben gar keine Möglichkeit mehr in ihrem Gedankengut, angemessen auf solch ein Auftreten zu reagieren. Denken und Handeln gegen den eigenen Egoismus wurden nicht entwickelt.
Das „wir ändern und verbessern mal fix die Welt“ der jungen Revoluzer im letzten Jahrhundert ist so etwas von in die Hose gegangen, dass es uns doch nachzudenken geben müsste, oder?
Die 68er hatten das Glück, dass die alte Generation so vom Krieg geschwächt war, dass sie plötzlich die Oberhand gewinnen konnten. Sie hatten ferner das Glück, dass sie nach dem Krieg vom Aufbauboom profitierten. In Aufbauphasen insbesondere nach Kriegen, Krisen und Unwettern werden immer Arbeitnehmer gebraucht und Unternehmer haben leichtes Spiel, erfolgreich zu sein. Mindestens diese zwei geschenkten Vorteile haben die 68er genutzt, um ihre (egoistische) Philosophie durchzudrücken. Die heute jungen Leute werden wieder eine starke alte Generation vor sich haben. Sie werden vieles vom Erkämpften wieder verlieren. Sie werden wieder eine Verlierergeneration, glauben und wollen aber, die Alten überflügeln.
Sind wir nicht heute bereits auf dem absteigenden Teil der Gausskurve, weil wir auf Grund einer falschen philosophischen Entscheidung „Wenn wir alle egoistisch handeln, funktionieren Markt und Leben besser, wird die Welt besser.“ die Erde und auch uns selbst weit überfordert haben? Möglicherweise ist der Corona-Virus der letzte Tropfen, der das Fass nach langem schrittweisem Füllen zum Überlaufen bringt?
Dass der Kapitalismus die dem menschlichen Egoismus nächstliegende Gesellschaftsform ist, ist im Nachhinein einsichtig. Das sahen unsere Vorfahren, erst die Kapitalisten, dann die Revolutionäre schon ganz richtig. Dem widersprechen wir auch nicht. Dass die Sackgasse dieser Gesellschaftsform durch den Kommunismus eine Lösung finden könnte, entbehrt nicht der Logik. Da aber der Kommunismus offenbar dem menschlichen Egoismus völlig widerspricht (was der Logik entspricht), haben wir immer wieder in der Realität gesehen, dass er nur unter Druck von oben funktioniert und damit also nicht funktioniert. Es wurde so oft und in verschiedenen Variationen ausprobiert und es gibt heute noch genügend Herrscher und Idealisten, die es immer wieder neu versuchen. Da wird uns noch viel Unmenschlichkeit begegnen. Der Kommunismus funktioniert also auch nicht. In der Folge kam nicht der Neoliberalismus, sondern der Neokapitalismus. Nun sind wir wieder dort, wo unsere Vorfahren schon vor 200 Jahren standen. Was können wir daraus lernen?