Wie leben? Menschliches Zusammenleben:

Wie können wir leben?

9 Menschliches Zusammenleben: (07.11.2019)

Schmerz und Schuld:

Wer jemandem weh tut, ist Schuld. „Du tust mir weh, also bist Du Schuld“. Das ist schon fast ein Reflex. Wenn wir diesem Reflex nicht erliegen wollen, müssen wir schon wirklich aus uns heraustreten, die Situation auch von der anderen Seite betrachten und darüber nachdenken. Sonst wird uns unsere intuitive Reaktion sofort auf die vorgegebene Spur schicken, Frauen noch mehr als Männer: „Du tust mir weh, dann bist Du auch Schuld“. Deshalb wurden früher manche Boten, die schlechte Nachricht überbrachten, getötet. Sie waren eigentlich in unserem Sinne nicht Schuld, aber die Nachricht war schmerzhaft und deshalb wurden sie für schuldig erklärt. Wer unheimlich ist, wer nicht (zu uns) passt oder gar negativ auffällt, wer unser Weltbild stört, der ist Schuld.
Achten Sie darauf, dass Sie bei niemandem anecken, ausser, wenn Sie an der Macht sind. Aber selbst dann sind Sie nicht selten abhängig vom Wohlwollen Ihrer Untergebenen. Sonst ist so mancher Herrscher schnell seine Macht wieder los und vielleicht sogar auch sein Leben.
So kam es damals zu den Hexenverbrennungen. So kommt es heute zur Männerverachtung. Die Mechanismen sind die gleichen wie im Mittelalter. Wir haben uns nicht geändert. Durch unsere Ideologien haben wir uns nur von unserem Menschsein entfernt und mehr Schein als Sein aufgebaut. Unsere Intuition führt uns immer wieder in die gleichen Fallen. Da helfen auch das Recht und „gut und böse“ nichts. Wir müssen entgegen unserer Neigung, entgegen unserer Intuition auf andere zugehen und ihnen wohl wollen.
Oft ist die Reaktion „Du tust mir weh, Du bist Schuld!“ einfach fehl am Platz. Natürlich kann es sein, dass ich Ihnen weh tue. Dafür kann es sehr verschiedene Gründe geben. Erstens kommt da in Frage, und das wird häufig der Fall sein, dass wir Menschen sind, jeder getrennt vom anderen, mit eigenen Genen und speziellen Prägungen, die der/die Gegenüber gar nicht kennt und sich daher gar nicht darauf einstellen kann. Die Persönlichkeitsstruktur, die Grenzen des Menschseins resp. Menschenmöglichen – alles das kann zu Schmerzen beim Anderen führen. Die Frage von Schuld darauf anzuwenden, ist heikel, meist wahrscheinlich eher verdunkelnd als erhellend, auf jeden Fall trennend. Es gibt Unfälle und Zufälle, äusserliche Zwänge und Zusammenhänge. Nur in relativ wenigen Fällen wird die Frage nach der Schuld wirklich sinnvoll sein und wird es eine ausreichende Begründung für eine Schuldzuweisung (möglicherweise mit Strafe) geben. Ein Automatismus wie ihn unsere Intuition in aller Regel verursacht, ist an dieser Stelle bei Weitem nicht angebracht. Verhängte Strafen werden meist den oder die Falsche(n) treffen.
Dieser Reaktionsweise sollten wir uns bei unserem eigenen Handeln und Reagieren bewusst sein. Aber auch bei Anderen oder unserem Gegenüber wird solch eine Reaktion häufig sein, ohne dass sie demjenigen bewusst ist. Vielleicht können Sie durch Verständnis der Situation die Reaktion und ihre Folgen entschärfen? Dem oder der Anderen die Schuld an etwas zu geben, ist oft falsch, aber selbst wenn es nicht falsch ist, erleichtert es die Situation fast nie. Es lenkt zwar von unserer eigenen Person zunächst ab, wird aber in dem/der Anderen den Schmerz so wesentlich verstärken, dass weitere Kommunikation oder gar Verständnis kaum noch möglich sind. Schuldzuweisungen, selbst wenn sie richtig sind, sollten wir wo immer möglich, vermeiden. Die Schuldfrage nicht unnötig auszugraben oder bewusst nicht als Argument gegen den/die Andere(n) zu gebrauchen, macht Zusammenleben leichter. Wenn uns bewusst ist, wie häufig unsere eigenen Vorstellungen unrealistisch sind, wie oft unsere Anschauungen unbegründet sind, wie oft wir nicht Recht haben, dann fallen uns Schuldzuweisungen gegenüber Anderen schwer. Unser Vermeiden von Schuldzuweisungen verringert die Schmerzen im Gegenüber. Schenken wir ihr/ihm das.
Im Verkehrsrecht ist es sehr offensichtlich, aber auch in vielen anderen Prozessen und Rechtsfragen spielt es eine grosse Rolle: Der Verursacher ist der Schuldige. Im Gerichtssaal wird vielleicht noch abgestuft (mutwillig, bewusst, vorsätzlich oder fahrlässig oder nur teilweise, billigend in Kauf genommen, unvorsichtig etc.), in der Presse aber und auf jeden Fall am Biertisch und beim Kaffeekränzchen ist der Schuldige schon gefunden. Und wenn eine Differenz besteht zwischen dem Urteil am Biertisch oder beim Kaffeekränzchen im Vergleich zum Gerichtssaal, dann ist schon wieder gleich der Schuldige gefunden, nämlich die (meist zu nachsichtigen) Richter. Hat da schon mal jemand nachgedacht?
Du bist Schuld!“ Damit ist eine Trennung vollzogen: Ich bin gut. Ich bin Opfer. Du bist böse. Du bist Täter. Damit ist die Trennung perfekt. Das veranlasst aber auch viele zur Passivität, zum blossen Konsum. So vermeidet man, zum Täter zu werden, zum Bösen, zum Schuldigen.
Nicht nur physische Schmerzen verleiten uns voreilig, nach (dem/der) Schuldigen zu suchen, psychische Schmerzen auch. Dazu gehört der Trennungsschmerz, der Einsamkeitsschmerz, der Nichtverstehensschmerz, der Lieblosigkeitsschmerz, der Mobbingschmerz und andere.
Zusammenleben verursacht viel Reibung. Da braucht es viel zwischenmenschliches „Öl“. Das gegenseitige Begehren ist solch ein wunderbares Öl. Aber es hält nur etwa vier Jahre, was dann? Die Aura des Neuen ist solch ein Öl, aber neu ist alles immer nur sehr kurz. Was dann? Nicht eindeutig von einem Organ verursachter Schmerz ist keine Krankheit und ist daher keine Begründung für einen Arztbesuch oder gar eine Medikamenteneinnahme. Solcher Schmerz ist keine Krankheit! Solcher Schmerz gehört zum Leben! Erleiden Sie ihn geduldig. Er wird Ihnen viel Täuschung ersparen oder abnehmen.
Enttäuschungen sind typische Vorgänge, die uns starke Schmerzen verursachen. Erleichterung finden wir, weil eigentlich sofort klar ist, wer Verursacher, also Schuldiger ist, also böse ist. Wirklich? Ist das so einfach?
Enttäuschungen gibt es ja nur, weil wir nicht eins sind mit der Realität. Die Enttäuschungen zeigen uns, wie breit die Lücke ist zwischen uns und der Realität, zwischen uns und den Anderen, zwischen uns und den Dingen, ja in gewissem Sinne sogar zwischen uns und uns selbst. Auch wir gehören zur Realität und doch auch zur Theorie. So denken wir von den Einen zu gut und werden enttäuscht und denken von den anderen zu schlecht und werden dann überrascht (auch eine Form von Enttäuschung). Letztere tut oft nicht so weh. Wahrscheinlich hat da jemand wirklich geschenkt?
Wie gehe ich denn mit Enttäuschungen um? In der Kindheit erliegen wir vielen Täuschungen, in der Balz ganz extrem. Spätestens in der Mitte des Lebens sind wir alle von unseren Partnern enttäuscht. Die negativen Gefühle nehmen überhand. Die erste Scheidung ist hinter uns. Männer die Frauen und Frauen die Männer können jeweils das andere Geschlecht sowieso vergessen. Wir sind vorsichtig geworden, wenn wir das andere Geschlecht nicht sowieso eher verabscheuen, Frauen wahrscheinlich intensiver als Männer. Aber auch in anderen Bereichen des Lebens ist das so: Politiker sind des Volkes überdrüssig, weil es störrisch ist und das Volk verabscheut die Politiker, weil die nur täuschen und in die eigene Tasche wirtschaften. Arbeitgeber bekommen nicht genügend Leistung von den Arbeitnehmern und Arbeitnehmer nicht genug Geld und Sozialleistungen von den Arbeitgebern. So können wir noch viele Paare im Leben finden. Leben besteht aus Täuschung und Enttäuschung, aus Schein und Sein und es geht gar nicht anders. Wer es vermeiden will, aus welchem Grund auch immer (z.B. aus moralischen Gründen), versucht Leben zu vermeiden und täuscht sich schon wieder. Es gibt kein Entrinnen, eine Naturregel!
Wenn Sie jemand enttäuscht, dann tut er Ihnen weh. Also ist er Schuld, also böse und damit gehört er bestraft. Danken Sie ihm auf Knien, denn er hat sie von einer Täuschung befreit, hat sie also der Realität, der Wahrheit ein gutes Stück näher gebracht. Üben Sie diese Dankbarkeit immer wieder. Schenken Sie Vertrauen, aber rechnen Sie mit jeder Enttäuschung und seien Sie dankbar für sie. Sinnvoll leben können wir nicht anders!
Wir beschuldigen viel zu oft andere Menschen. Je weiter sie weg sind (je grösser die Entfernung, je fremder sie uns sind, je indirekter die Beziehung ist (über Dritte oder digital …), desto schneller beschuldigen wir sie. Sie können sich nicht wehren. Dann beschimpfen wir sie, machen sie nieder, richten sie. Nicht sie sind dann eigentlich die Täter, sondern jetzt sind es wir.
Suchen wir nicht immer einen Schuldigen. Die Naturgesetze beschuldigen wir nicht (obwohl wir uns nach einem Sturz mit Verletzung über die Erdanziehungskraft und nicht über uns selbst ärgern). So sollten wir uns auch den biologischen Naturregeln unterordnen. Typischerweise sind Menschen die ausführenden Organe der biologischen Naturregeln, also die Verursacher, aber nicht die Schuldigen. Sie können nichts dafür, dass sie leben. Also beschuldigen wir sie auch nicht.
Es stimmt auch nicht, dass die Anderen sich ändern müssen, dass wir sie dazu bringen müssen per Gesetz oder per Vertrag oder mit anderen Mitteln. Werden wir geduldig, werden wir Patient, Leidender, selbstbeherrscht, bescheiden.
Hören wir auf damit: Ich bin gut und Du bist böse, Du bist Täter (Schuldiger) und ich bin Opfer (Unschuldiger), ich bin objektiv und Du bist subjektiv (bist also mit Deinen Klagen und Beschwerden nicht ernst zu nehmen).

 

Der Weg und die Extreme:

Wir können menschliches Leben, sowohl im Kleinen (in der einzelnen Person), als auch im grossen (in der menschlichen Gesellschaft) mit einem breiten Weg vergleichen. Definiert ist der Weg durch seine seitlichen Begrenzungen, die Randwälle, die Extreme. Alles zwischen den Extremen, zwischen den Rändern, ist der Weg. Die gute Mitte zwischen beiden Extremen zu finden ist im realen Leben meist schwierig. In der Mitte gibt es keinen roten Faden, keinen Strich, keine Orientierungsmarken. Auf den Fahrstrassen hat man deshalb extra die Strichelung auf der Mitte als Markierung eingeführt. Ohne sie ist die Orientierung an der Mitte schwer.
Das Bild passt in mehrerer Hinsicht oder veranschaulicht mehrere Tatsachen.
Der Mensch besteht aus der Mitte, dem normalen unbedeutenden Leben, das kaum einer wahrnimmt. Dazu gehören aber die beiden Ränder „gut“ und „böse“, „rechts und links“… Da gibt es auch noch andere mögliche Extrempositionen.
Die Gesellschaft besteht aus einem breiten Strom von unauffälligen Menschen, der Mitte. Sie und die Menschen in ihr fallen nicht auf. An ihnen kann man sich aber auch nicht orientieren. Wir neigen dazu, bequem und faul in der Mitte zu schwimmen. Der Strom der Menschheit wird begrenzt auf beiden Seiten durch die Extreme. Nur an Hand der Extreme ist es uns möglich, die dazwischen befindliche Mitte wahrzunehmen. Verbieten wir aber die Extreme, töten sie, stecken sie ins Gefängnis oder vernichten sie irgendwie anders, wird der Richtung Mitte befindliche Anteil des Stromes zur neuen Begrenzung. Es entsteht ein neues Extrem, nur durch etwas andere Positionen charakterisiert. Es ist eine biologische Naturregel, dass die Gesellschaft eine Mitte hat und zwei (oder in der Realität anders als im Bild vielleicht sogar mehr) Ränder, die Extreme. Nehmen wir sie wahr und richten uns nach ihnen aus, aber versuchen wir bitte nicht, sie zu vernichten. Die Folge ist nur Krieg, niemals der Frieden, den wir eigentlich durch die Abschaffung der Extreme schaffen wollten. Die Extreme gehören zu uns. Nutzen wir sie zur Orientierung. Sehen wir sie uns an. Integrieren wir sie. Unser eigener Weg ist auch kein gerader immer schön in der Mitte der Strasse oder des Stromes, sondern mehr oder weniger hin und her geworfen zwischen den Extremen. In den Extremen nehmen wir jeweils wahr, dass wir unsere Richtung ändern müssen. In der Mitte ist theoretisch der beste Weg, aber wir finden ihn seltenst. Er ist nicht markiert. Die aber, die sich in der Mitte treiben lassen, die sind die uninteressante, unförmige Masse. Dazu wollen wir auch nicht gehören.
Was machen wir, wenn wir nicht zur Mitte gehören wollen? Wir bewegen uns aktiv auf eine Position zu und da ist die Wahrscheinlichkeit relativ gross, dass es eine Extremposition sein wird. Positionen in der Mitte sind für jemanden, der gerade aus der Mitte kommt und sich abgrenzen will, sehr wahrscheinlich unattraktiv. Sehen wir uns doch vor, dass nicht wir die gefährlichen Extremisten werden oder sind, ohne es zu merken. Sinnvoll wäre ein Schwimmen in der Mitte unter Einschluss der Extreme. Das aber verbraucht viel Kraft, viel Toleranz, viel aufeinander zu Gehen und sich Verstehen. Sie ahnen, wie schwer uns das gelingen wird, aber wenigstens Ziel sollte es sein.
Ein Land im fernen Osten versucht derzeit sehr penibel, die Extreme durch Umerziehung auf Mittellinie zu bringen. Im Grunde ist es der Versuch, den Menschen zu klonen, ohne ihn zu klonen. Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, glauben Sie, dass Sie damit Ihr wertvolles Riesenreich zusammenhalten und befrieden können? Sie schaffen auf Jahrhunderte hinaus Unfrieden oder eine unförmige, bedeutungslose Biomasse (genannt: Volk). Wollen Sie das wirklich?
Im Zusammenleben von Mann und Frau über längere Zeit sehen wir bei vielen, dass das, was wir haben an Wert verliert und das, was wir nicht haben, was wir entbehren müssen, an Wert gewinnt. Noch ein bisschen Gefühl dazu und schon entsteht ein explosives Gemisch.
Im Zusammenleben der Völker ist das nicht anders. Völker, die unbedingt ihre Freiheit haben wollen und dafür schon viele Jahre kämpfen, werden auch in 100 Jahren noch kämpfen, es sei denn, sie bekämen ihre Freiheit, ihre Selbstständigkeit und ihre territoriale Integrität. Wir erinnern uns: Der Mensch ist ein Tier und zumindest die Männer verteidigen oder erobern ihr Revier. Sehr geehrter Herr Erdogan, glauben Sie, dass Sie mit den Kurden in ihrem eigenen Land je zur Ruhe kommen werden, wenn sie ihnen weiter ihren eigenen Staat verwehren? Sie werden auf ewig Feinde bleiben, leider nicht erst werden. Das Gleiche gilt für Spanien und für viele andere Länder. Wenn Sie mit Ihren Nachbarn oder Mitbewohnern des eigenen Landes Frieden haben wollen, dann schenken Sie ihnen die Freiheit, Selbstbestimmung und das Geld.
Das gilt heute für alle Zentraleinheiten (Bündnisse, Länder, Gesellschaften, etc): Für eine friedliche, fruchtbare, freudeschaffende Zukunft ist eine ausgewogene Abstimmung von Zentrale und Peripherie, oben und unten, arm und reich, etc. bedingungshaft wichtig. Nicht das Trennen und Widerstand Leisten schafft lebenswerte Zukunft, sondern das Vereinen und Wohlwollen. So finden die Extreme und die Mitte zusammen, ohne ihre Identität zu verlieren. Wer will schon seine Identität aufgeben?
Leider oder zum Glück (je nach Sichtweise) stimmt auch, dass Vieles, was wir haben oder geniessen, nicht unser Verdienst ist, sondern schlicht Glück oder Zufall oder weil Andere vor uns so günstige Verhältnisse geschaffen haben. Wir geniessen, was andere geschaffen haben. Bilden wir uns nicht zu viel auf uns und unsere Leistung ein. Nehmen wir unseren Überfluss als Geschenk, auch wenn wir nicht wissen von wem. Denken wir auch daran, dass oft Überfluss unmenschlich ist, wenn nicht hier, dann an dem Ort, wo er weggenommen wurde.
Das Bild mit dem Strom und den Ufern bzw. der Strasse und den Rändern passt auch noch für eine weitere menschliche Reaktionsweise:
Der einzelne Mensch oder die Gesellschaft merken, dass eine Handlungsweise sie in die Irre, in eine Grenzsituation (meist negativ), in einen Konflikt oder ähnliches bringt. Dann wird die Richtung des Denkens und Handelns geändert. Das Leben geht weiter. Nicht selten stellen wir später aber fest, dass unsere Reaktion über das Ziel hinausschoss. Das Ziel wäre eigentlich in der Mitte im Strom gewesen, schön austariert zwischen den Extremen. Nur dort fehlte die Markierung. Kein Mensch konnte erkennen, wo die Mitte ist. Vielleicht hätte in Ruhe Nachdenken uns der Mitte etwas näher gebracht? Und so erleben wir immer wieder, dass wir über das Ziel hinausgeschossen sind und leider erst recht spät oder sogar zu spät im anderen Extrem wieder unsere Richtung korrigieren können. Das lässt sich nicht ändern. Das sind biologische Naturregeln, an die wir unser Denken und Handeln anpassen müssen. Wir können das genauso wenig abschaffen, wie wir die Gravitationskraft abschaffen können. Genauso sinnlos ist es, Gesetze oder Regeln zu erlassen, die diese Entwicklung verhindern sollen. Das sind völlig nutzlose Gesetze! Sie können nicht per Gesetz biologische Naturregeln ausser Kraft setzen, genauso wenig wie Naturgesetze.
In der Regel versucht der Mensch, seinen guten Teil breit darzustellen und seinen bösen Teil hinter dem guten gut zu verstecken. Vorhanden sind beide. Dem Einen gelingt das Versteckspiel besser als dem Anderen. Frauen gelingt es oft besser als Männern. Aber, auch wenn wir es bei uns oder anderen nicht wahrnehmen, wir dürfen es als biologische Naturregel annehmen, dass es so ist. Wer etwas anderes sagt, redet „Fake“. (Wir erinnern uns: Wir wollten kritisch werden und uns ein verlässliches Urteil selbst bilden.)

 

Win-win-Situationen:

Win-win-Situationen sind etwas besonderes. Im Grunde zielen die Gleichheitsgedanken darauf ab. Auch die Idee des Kommunismus und des Sozialismus beruhen darauf. Alle leben und sind gleich. Win-win in bester Ausformung.
Win-win-Situationen sind selten. Wenn sie erreicht werden, dann werden sie gefeiert. Man hat endlich eine gute Situation geschaffen. Jeder gewinnt (dann kann ja auch eigentlich keiner verlieren?)! Das ist ja fast schon Himmel auf Erden. Jetzt können wir uns ausruhen.
Die entsprechenden Parteien leben, arbeiten, handeln und feiern miteinander. „Was geht es uns gut gegenüber vorher“. Aber das Leben ist ungerecht. Im Leben gibt es viele Situationen und Ereignisse und Prozesse, die nicht gerecht verteilt sind, sondern im grossen Massstab zufällig (also relativ gleich), aber im kleinen Massstab sehr ungleich. So ändern sich die Situationen für die einzelnen Seiten und die getroffenen Regelungen bevorteilen den Einen und benachteiligen den Anderen. Da kann Gesundheit eine Rolle spielen (oder besser Krankheit), wirtschaftlicher Erfolg (oder besser Misserfolg), Trends, Moden, Wetterereignisse und vieles mehr. Das geht eine Zeit lang. Dann werden die Verhältnisse ungleich. Die Regeln aber gelten und der, der im Vorteil ist, wird kaum auf den Vorteil verzichten wollen. Der Benachteiligte wird, sobald er das erkennt, schlechte Gefühle entwickeln. Das Desaster ist kaum zu umgehen.
Win-win-Situationen neigen also ganz klar dazu, in der sich verändernden Gesellschaft, langsam und unmerklich zu Gewinner- und Verlierer-Beziehungen und schliesslich Extremsituationen zu werden. Deshalb gibt es ja im Sozialismus den Staat, der dann den bevorteilten Bürgern die Grenzen zeigen muss und die benachteiligten Bürger beschützen muss. Die Ursprungssituation muss immer wieder mit Druck oder sogar Gewalt hergestellt werden. Wahrscheinlich ist es eine biologische Naturregel, dass Win-win-Regelungen keinen Bestand haben? Dann werden wir sie wahrscheinlich auch nicht per Gesetz auf Dauer schaffen können?
Ende der 80iger und in den 90iger Jahren des letzten Jahrhunderts glaubte man in Russland und in Westeuropa, für beide Seiten eine Win-win-Situation geschaffen zu haben. Herr Putin sah das später anders und seither ist ein neuer kalter Krieg im Gange, stellenweise sogar heiß.

 

Steter Tropfen füllt das Fass, Grenzen überschreiten:

Alles fängt mit kleinen Schritten an. Steter Tropfen… Das verändert nichts im Leben. Die kleinen Schritte, die Tropfen, ändern in und an unserem Leben nichts und sie werden auch nicht gefährlich. Mit denen können wir leben.
Das Problem sind die Grössenverhältnisse zwischen vorhandener Menge und gefasster Menge. Irgendwann ist das Gefäss voll. Dann geschieht das Unvorhergesehene und Unfassbare. Es läuft über. Veränderungen im Leben geschehen langsam, unmerklich und an bestimmten Stellen wird plötzlich eine Grenze überschritten und die Änderung wird unübersehbar. Philosophen sprechen dann von Revolutionen und grossen gesellschaftlichen Umwälzungen. Das gilt aber auch im Kleinen, in unserem Leben.
Ich fürchte, hier haben wir schon wieder eine biologische Naturregel vor uns. Wir können dieses Prinzip nicht einfach ändern, nicht durch Gesetze oder Regelungen, wahrscheinlich auch nicht durch technische Kniffe wie „Wasserstandsanzeiger“, die vor Erreichen der Grenze Alarm schlagen. Hier hilft nur „Wachwerden“ und „Wachbleiben“, auf die Umgebung achten, Sensibilität entwickeln für kleinste Veränderungen. Männer haben das viel schwerer und nötiger als Frauen und man kann das nicht delegieren. Diese Sensibilität braucht jeder selbst.
Wir sind jedoch Menschen, die Hälfte auch Männer. Uns fehlt leider diese Sensibilität. Es hilft nur, liebevoll und tolerant zu werden, anderen und sich selbst gegenüber und den Rückweg möglichst nicht zu versperren und die Gefahren jenseits der Grenze möglichst klein zu halten. Das Vermeiden solcher Situationen ist langweiliges Treiben im Fluss. Wer lebt und sich bewegt, wird solche Erlebnisse immer wieder haben und sie lassen sich nicht vermeiden. Wenn es keinen Rückweg gibt, werden wir auch damit leben müssen. Wir müssen uns klar machen, dass wir die Folgen auch aushalten müssen. Die gehören zum Leben. Manchmal sind sie sogar tödlich. Der Tod gehört zum Leben. Risiken gehören zum Leben. Versuchen Sie die Risiken abzuschätzen und sich darauf einzustellen, aber meiden Sie sie nicht, ganz bewusst nicht.
Leben ist ein Experiment, vielleicht sogar ein Experiment Gottes und/oder der Evolution? Auch wir leben unser Leben als Experiment. Es gibt keine Möglichkeit, es probehalber vorweg im Labor zu probieren. Leben ist immer gleich der Ernstfall. Wir müssen damit rechnen, dass es schief geht. Ärgern wir uns nicht darüber, wenn es schief geht. Denken wir nach, vorweg, um den sinnvollsten Weg zu finden, hernach, um die Erfahrungen zu sammeln. Vielleicht helfen sie uns später doch noch einmal?
Was aber an dieser Stelle nicht sein müsste, sind Strafen. Da hat einer die Grenze für sein Handeln nicht schnell genug gemerkt, hat damit eine Regel gebrochen. Nun muss er auch noch vom Gesetz, von der Justiz, vom Staat bestraft werden. Da stellt sich doch sehr schnell die Frage, ob hier nicht ein Gesetzgeber (wer auch immer) aus Eigennutz Gesetze aufgestellt hat, um „Übeltäter“ zusätzlich noch eins auszuwischen, sie zu strafen, zu erziehen. Hier lohnte es sich sicher, über so manche Gesetze und Regelungen nachzudenken, ob sie menschlichem Leben wirklich förderlich sind oder ob sie uns nicht eigentlich immer weiter abwürgen? Hätten wir nachgedacht, hätten wir diese Gesetze alle gar nicht. Menschen, vor allem Männer, mögen keine Erziehung durch Andere.
Wir neigen sehr dazu, wenn das Fass überlief, die letzten Tropfen als Ursache des Desasters zu nehmen. Stimmt das? Haben nicht alle Tropfen vorher, die sich auch in dem Fass gesammelt haben, in gleicher Weise zur Füllung des Fasses beigetragen? Intuitiv schauen wir nach den letzten Tropfen und alle vorher vergessen wir, beachten sie nicht. Wer nachhaltig solche Fehlläufe verhindern will, fange nicht erst am Schluss an, achtsam zu werden, sondern weit vorher, am besten schon am Anfang. Vielleicht sind frühere Tropfen die viel wichtigeren, die viel einflussreicheren, die viel leichter zu vermeidenden gewesen?

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