Wie leben? Freiheit

Wie können wir leben?

11 Freiheit: (06.10.2019)

Heute ist das Zeitalter des Kampfes um seine Freiheit, um sein Recht, um Gleichheit, um Mitbestimmung, um Selbstbestimmung… Das Dumme ist nur, man wird durch den Kampf und durch das Erreichte nicht lebendiger (eher stirbt man im Kampf) und man wird auch nicht freier, gleicher, selbstbestimmter, denn die anhaltende Verteidigung des Erreichten macht den ewigen Kampf nötig oder man ist Sieger. Aber dann ist man auch nicht mehr der Gleiche, sondern Sieger und die anderen sind Besiegte, sind unfrei. Dann haben nur die Vorzeichen gewechselt und der Kampf geht von der anderen Seite los. Das geht nun schon seit Jahrtausenden so und keiner lernt aus der Geschichte. Jeder neue Freiheitskämpfer kommt wieder auf eine dieser Spuren: Entweder tot oder verloren und Knecht oder Sieger und Unterdrücker für Andere. Die Beispiele, wo es nicht so ablief in den letzten 5000 Jahren, sind vermutlich an einer Hand abzuzählen.
Es gibt eine andere Möglichkeit: Es gibt passive Toleranz: Du bist weit weg, bist nicht in meinem Gesichtsfeld, am besten auch nicht in meinem Denkkreis. Du kannst machen, was Du willst. Wir gehen uns aus dem Weg. Du tangierst mich nicht. Ich tangiere Dich nicht. Zu Zeiten kleiner Gesellschaften und grosser Distanzen und Räume war das oft möglich. Auf der heute eng bewohnten Erde wird diese Möglichkeit immer seltener.
Es gäbe noch eine Alternative: Die Steigerung ist aktive Toleranz: Du bist, wie Du bist und Du bist Du, aber ich lasse Dich in mein Leben, meine Wohnung, meine Stadt und wir tolerieren unsere Andersartigkeit in täglicher Berührung und lieben und pflegen Deine und meine Art zu leben: Geschenkte aktive Toleranz.
Europa wird aktive Toleranz lernen müssen, wenn es Europa bleiben will, falls es das christliche/nachchristliche Europa bleiben will. Und genau damit wird sich Europa verändern. Europa, die EU, haben gar keine andere Wahl.
Da gibt es Linke und Rechte, Globalisierungsgegner und -befürworter, Grüne und Schwarze, Separatisten und Unionisten, Christen und Moslems, Katholiken und Protestenten, … Alle diese Gruppen sind Opfergruppen (zumindest aus eigener Sicht), die um ihre Freiheit kämpfen, um die Selbstbestimmung in ihrem Land. Und dann werden Kopftuchverbote, Schleierverbote etc. durchgesetzt, als wenn das Einhalten dieses Gesetzes einen Gesinnungswandel bewirken würde. Liebe sich durchgesetzte Bevölkerungsgruppen, Sie dürfen absolut sicher sein, dass Sie das Gegenteil erreichen werden und dass Sie auch noch den Freiheitskämpfern ihre Freiheit rauben müssen, also dass Sie selbst zu Unterdrückern werden. Das ist eine biologische Naturregel. Das Löschen von Facebookseiten, von Veröffentlichungen und Zeichen von Extremisten ist löblich. Aber die Geächteten werden Auswege finden, das Gesetz zu umgehen und sie sind nun Opfer. Jetzt werden für sie alle Kampfmittel im Kampf für ihre Freiheit geheiligt.
Fragen Sie die Freiheitskämpfer. Sie haben alle für eine „gute Sache“ gekämpft, nicht für eine Böse (zumindest in der eigenen Wahrnehmung!). Und doch haben sie lauter Gefangene, Vergewaltigte, Gefolterte, Geklonte und Tote verursacht. Da stimmt doch etwas nicht? Aus der Geschichte lernen ist doch so schwer.
Denken wir an die Rassentrennung in den USA seit der Sklaverei. Die Trennungslinie verlief zwischen „Weiss“ und „Schwarz“. Und wir alle aus der zeitlichen und örtlichen Entfernung denken entrüstet, dass das doch schlimm sei und das man so doch nicht miteinander leben könne. Heute verläuft die Grenze an der EU-Aussengrenze oder sogar an der Landesgrenze und die Grenze verläuft zwischen Bürger und Immigrant (Schwarze, Araber, Asiaten, …). Die Mechanismen sind die gleichen. Wer hat hier aus der Geschichte gelernt?
Da hat jemand einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit? Oder ist es nur ein ausgeprägter Sinn für Egoismus oder/und Stolz? Eine Schwäche für den Schwachen? Stolz, dem Schwachen zu helfen und am Ende könnte vielleicht sogar der der Schuldige sein? Intuition gegen Nachdenken?
Es gibt keine Freiheit ausser geschenkter. Alles andere ist erkämpfte Macht mit dem schönen Namen „Freiheit“. (Und dann sind die Anderen nicht mehr frei). Und schenken können nur wir selbst und freiwillig. Kämpfen Sie nicht gegen etwas, was es auch sei. Der Kampf gegen etwas ist genauso sinnlos wie der Kampf um Freiheit.
Aber gerade an diesem Punkt wird menschliches Zusammenleben oft besonders schwierig. Es kommt zum Streit. Jeder kämpft um sein Recht oder seine Freiheit oder gegen ein Übel (denn jeder fühlt sich selbst als Opfer, sonst gäbe es keinen Grund zu kämpfen). Und mein Recht und meine Freiheit sind „gut“. Also kämpfe ich für eine gute Sache. Es kann nicht anders sein. Die Folge ist, dass mein Gegenüber egoistisch sein muss, denn er kämpft ja nicht für meine Sache, sondern für seine. Und sein Egoismus ist „böse“. Es kann gar nicht anders sein. Vielleicht würde ich ja als Geschenk noch darauf verzichten, weiter zu kämpfen. Aber mein Gegenüber ist im Kampfmodus. Viele Kämpfe und Kriege sind nicht einfach zu beenden, indem einer sagt: „Tschüss, ich gehe jetzt nach Hause zu Muttern oder meiner Frau und Kindern. Das Schlachtfeld überlasse ich Dir.“ Das Dilemma haben viele Kriegsherren und Völker durchlitten. Das funktioniert nicht. Aber, wenn der Andere gerade seinen Egoismus durchdrückt, dann ist das doch der schlechteste Zeitpunkt, um ihm etwas zu schenken. Das würde der ja gerade als Aufforderung verstehen, mich weiter zu vernichten. Nein, wir müssten jetzt in doppelter Weise schenken: Erst durch den Verzicht auf den Kampf und dann durch das Verschenken von Recht und Freiheit an den egoistischen (bösen) Gegner. „Ich erkläre Dich zum Sieger und Gewinner der Beute und wenn Du mir nach dem Leben trachtest, dann schenke ich Dir auch mein Leben (in welcher Form auch immer).“
Schenken: In dieser Welt sind nun Werte in so unvorstellbarer Menge angehäuft worden. Warum sollten diese Werte dann nicht zumindest teilweise verschenkt werden können? Ausgerechnet in den christlichen und nachchristlichen Ländern waren die Anhäufungen der Werte lange Zeit am grössten. Oder haben die vorhandenen Dinge in diesen Ländern nur den grössten Wert? Wird woanders den vorhandenen Dingen weniger Wert beigemessen? Denn absolute Werte gibt es ja nicht! Der Wert der Dinge steigt, je mehr Menschen diese Dinge haben wollen. Was da ist, aber keiner haben will, ist wertlos, auch wenn es Gold ist oder Geld. Wert ist relativ, bezogen auf uns Menschen, den Wert, den wir einem Ding beimessen.
Kann man etwas verschenken, ohne Wert? Kann man etwas verschenken, dass gar keiner haben will? Ist das Gegenteil von Egoismus Schenken oder Abgeben? Es ist klar: Ein Geschenk muss einen Wert haben. Sonst ist es Müll. Nur wer etwas hat, kann etwas schenken. Wer etwas verschenken will oder wer jemandem etwas schenken will, der muss zuvor ergründen, ob der zu Beschenkende sich das Geschenk auch wünscht oder ob er zumindest damit etwas anfangen kann, ob es für ihn einen Wert darstellt.
Wenn wir allerdings Schenkende und Beschenkte in unserer Umgebung betrachten (und wir gehören da durchaus dazu), dann fällt auf, dass fast immer ein Geschenk als Geschenk gemeint wird, aber vom Beschenkten als Darlehen erachtet wird. Bei nächster Gelegenheit „schenke“ ich wieder etwa gleichviel zurück. So funktionieren Freund- und Nachbarschaften, aber auch Ehen und Beziehungen. Und der Übergang von „Ich schenke Dir“ zu „Ich schenke Dir, damit Du bei mir bleibst oder damit ich Dein Sternchen bin …“ ist unscharf. In der Regel wird eben doch dem Anderen das geschenkt, was man selber gern hätte, weil man glaubt, dass der das auch wünscht. Das ist eine breite Falle zwischen den Geschlechtern, denn Beide wünschen sich in aller Regel völlig unterschiedliche Dinge. Und wie wir weiter oben schon sahen, verschenken sich Frauen oft während der Beziehung und merken es nicht. Erst wenn sie leer gebrannt sind und auf jeden Fall am Ende der Beziehung spüren sie den Verlust und dann wird zurückgefordert. Sonst gehen sie daran ins Burn out, in die Depression, ins „Fatigue“ und andere Mangelzustände, weil sie innerlich bankrott gehen. Angemessenes Geschenk von Seiten des Mannes kann daher immer auch sein: Ich achte auf Dich, liebe Frau, und sehe darauf, dass Dein Darlehen nie zu umfangreich wird und dass immer auch genügend Tilgung geschieht, damit Du nicht leer läufst.
Männer, wir sollten den Frauen jede Liebe schenken, bloss keine Freiheit, die würden sie missverstehen. Und doch brauchen Frauen auch Freiheit, Freiheit, tun und lassen zu können, was sie wollen, sich zu kleiden, zu äussern, zu reisen, zu essen, zu schlafen, wie sie wollen. Männer, Eure Liebe wird sie bei Euch halten, nicht Euer Gefängnis. Als Frauen all diese Freiheiten ganz unerwartet bekamen, nutzten sie sie gar nicht, denn sie liebten plötzlich den, der ihnen die Freiheit gab. Das ist natürlich kein Mechanismus, auf den sich ein Mann verlassen darf und kann. Wir sind Menschen, widersprüchlich, Männer wie Frauen. Aber es ist meine mehrfache Beobachtung im Leben. Und zumindest bei Frauen ist es noch wichtiger, die Freiheit zu haben, tun und lassen zu können was sie will (und den Mann aus Freiheit zu lieben oder auch nicht), als Geld zu haben. Geld ohne Freiheit ist nichts. Freiheit ohne Geld ist wichtig, Geld noch dazu, ist Luxus. Frauen lieben Luxus, wir Männer nicht?
Frauen, bitte schenken Sie Ihren Männern Sex und Freiheit. Auf die passende Abstimmung von Beidem kommt es an.
Mütter, könnten Sie Ihren Kindern vertrauen und alle Freiheit schenken? Je älter Ihre Kinder werden, desto mehr? Freiheit im Sinne von „aktiver Toleranz“ und von Loslassen!
Politiker (Diktatoren und Demokraten), wenn Sie Ihre Bürger gewinnen wollen, dann schenken Sie Ihnen Freiheit in jeder Hinsicht. Das gibt zwar keine automatische Gewähr, sie zu gewinnen, aber umgekehrt, wenn sie ihnen die Freiheit beschneiden oder gar rauben, werden Sie sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit gegen sich aufbringen, also verlieren. Wahrscheinlich ist auch das eine biologische Naturregel.
Warum sollten wir als Menschen nicht alle Menschen als Menschen anerkennen (und lieben)? Schenken wir ihnen das oder teilen wir das Menschsein miteinander. Warum schenken wir nicht jedem seine Freiheit und sein Menschsein?
Der Verdacht liegt nahe, dass all die Kämpfer unserer Zeit nur gegen biologische Naturregeln kämpfen. Der Kampf ist aussichtslos. Er ist nicht zu gewinnen. Am Rande gibt es jede Menge Kollateralschäden.
Mit den biologischen Naturregeln muss man sich arrangieren wie mit den materiellen Naturgesetzen. Hören Sie auf zu kämpfen. Legen Sie die Waffen nieder oder beschaffen Sie sich gar nicht erst welche.
Es gibt in der Literatur lange Abhandlungen über die Würde des Menschen. Was ist Würde, wie bekommt man sie, wie erhält man sie. Wie über Freiheit, Gerechtigkeit, Objektivität und ähnliches, kann man sich natürlich auch über Würde viele Gedanken machen. Die Theorien können geradezu ausufern.
Mit Würde ist es wie mit Freiheit. Wer sich Würde oder Achtung oder einen angemessenen Platz als Mensch unter Menschen sichern will, wird das schwer durch Kampf erreichen. Würde kann man sich nicht erkämpfen, schon gar nicht auf Kosten anderer. Sonst entwürdigt man nämlich die Anderen. Würde, verdienten Respekt, erwerben wir uns nur durch Verzicht und Leistung. Verzicht und Leistung garantieren aber kein Würde. Würde gewinnt man. Würde gewinnt ein Mensch, der um seinen eigenen Schein und sein Sein weiss und beides in Einklang bringen kann. Würde gewinnt ein Mensch, der sein Selbst und das der Anderen in Balance halten kann. Würde ist eine Form von Leben im Ausgleich zwischen Selbstbezug und Selbstbetrug sowie Bescheidenheit und Selbstbeherrschung. Deshalb kann man auch Würde wieder verlieren. Würde ist zwar eine Form von Beziehung anderer zum Würdenträger, aber die Anderen können dem Würdenträger nicht einfach Würde schenken. Sie braucht schon eine Leistung und Verzicht als Begründung. Sonst ist die Achtung nur Schein.

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