Selbstbetrug

Selbstbetrug (03/2020)

Ende des 19. Jahrhunderts kamen Männer auf die geniale Idee, dass man zusammen jeweils Geld zurücklegen könnte, wenn es einem besser geht, damit man dieses Geld in Notzeiten oder bei Katastrophen oder bei Unfällen verteilen kann. Der Gedanke der Versicherung war geboren und in diesem Zusammenhang dürfen wir viele Staatsgebilde (vor allem die selbstbewusst „demokratisch“ genannten) als grösste und letzte Versicherung auffassen. (Inzwischen sind sogar die Zentralbanken wie die amerikanische FED, die europäische Zentralbank und andere Landesbanken zu Versicherungen geworden.)
Das geniale Prinzip finden wir in unserer Gesellschaft immer wieder. Das finden wir bei den Versicherungen, beim Staat, bei den Gerichten, ja sogar in den Familien. Es ist das geniale Dreiecksprinzip. Die Erfindung ist schon viel älter, aber wir haben Sie in den letzten 150 Jahren zur Spitze getrieben. Die Erfindung ist ähnlich genial wie die der Hand in der Evolutionsgeschichte des Menschen.
Das Prinzip ist sehr einfach: Ich habe einen Wunsch an einen Anderen oder an die Gemeinschaft oder die Natur oder an sonst wen. Einen Wunsch zu äussern ist immer unbequem, bedeutet immer, einen Mangel zu erklären, überhaupt wahrzunehmen und offenzulegen, den ein Anderer bitte schliessen möge. Unser berühmtes „Verhandeln auf Augenhöhe“, also gleichberechtigt. Das funktioniert im „Miteinander“ nicht. Der Andere behebt den Mangel natürlich gerne, wenn es für ihn kein Problem ist und der Andere (in diesem Fall ich), ihm sympathisch ist und seine Unterlegenheit damit anerkennt oder später einen Gegendienst erweist. (In der Regel verschenken wir ja nicht, sondern wir teilen Darlehen aus, nur ohne Vertrag.)
Dieses Prinzip ist mühsam. Es ist das typisch tierische, analoge, Prinzip der direkten Beziehung.
Das Dreiecksprinzip ermöglicht es, einen Dritten zu schaffen (in den ersten 150 Jahren als eigene Organisation, als juristische Person!, inzwischen zunehmend sogar als virtuelle Organisation). Er wird jetzt der Wünschende. Mit ihm aber schliesse ich einen Vertrag, Geld gegen Leistung. Da er aber kein realer Dritter ist, sondern nur ein juristischer oder gar virtueller, unterliegt er anderen Eigenschaften. Er ist nicht Person, ist nicht Mensch, ist nicht persönliches Gegenüber. Er ist ein Es. Versicherungsbetrug ist moralisch viel unbedenklicher als Betrug eines anderen Menschen. Und wenn die Bedingungen nicht ganz stimmen, dann wird gemauschelt und interpretiert, bis sie stimmen. Hoffentlich merkt es nur keiner.
Den Staat um Geld zu prellen, als Subvention, als Sozialhilfe oder als Steuerhinterziehung ist ein Kavaliersdelikt, kein Betrug. Er ist zumindest in dieser Beziehung ein „Es“, auch wenn wir ihn männlich bezeichnen. Einem Mitmenschen etwas wegzunehmen empfinden wir klar als Betrug.
Das Dritte stellt nun den Wunsch an meinen nicht mehr sichtbaren Mitmenschen. Das Dritte ist ja keine Person, kein Mensch. Mein nicht mehr mir direkt gegenüber Mitmensch fragt sich, was will das Dritte eigentlich? Eine Organisation, eine virtuelle Grösse, eine Versicherung, ein Staat, wollen plötzlich etwas von mir. Was für ein Recht dazu hat diese Organisation eigentlich? Da aber greift, dass ich und der Mitmensch im gleichen Boot sitzen. Denn wir sind beide versichert (vielleicht sogar noch bei der gleichen Versicherung, sehr wahrscheinlich aber im gleichen Staat). Der Anspruch des Anderen wird jetzt von einem Dritten gestellt. So kann er mich nicht mehr als Wünschenden identifizieren und ich ihn nicht mehr als Leistenden. Den Wunsch (nach Beiträgen oder Steuern oder Gebühren) äussert ja das Dritte und die Leistung erbringt der andere ja an das Dritte. Wir Menschen sind einander los, entfremdet, unsichtbar.
Für beide eine wunderbare Win-Win-Lösung, nicht wahr? Das Dritte wird aber zunehmend als Es mit Wünschen überhäuft und die Preise sind eigentlich zu hoch. Daran muss man doch drehen können? Kann man auch, denn die juristische Person, die Organisation, das Es nehmen wir Menschen nicht als betrogenen Partner oder als betrogenen Mitmenschen wahr. Da muss man schon im Dreieck denken können und das können Frauen schwer und Männer wollen es nicht.
Also muss das Dritte Schulden machen, damit die Preise sinken und die Leistungen steigen. Wie aber kann man Schulden machen? Einen Vierten gibt es nicht. Oder doch? Tatsächlich. Auch der ist schon erfunden. Wir haben es gar nicht gemerkt. Der Vierte war so einfach da. Er mochte sich gar nicht wehren. Denn Geld verleihen zeigt den eigenen Grossmut und Zinsen bringt es in der Regel auch noch. Das Prinzip ist noch viel genialer und einfacher als das Dreiecksprinzip. In sehr vielen Fällen schlüpfen die Personen 1 und 2 auch gleich noch in die Rolle von 4. Erst wird dem Staat kostengünstig Leistung abgetrotzt und hinterher wird ihm auch noch Geld geliehen mit Zinsen.
Versicherungen ohne Staatsbezug lassen sich nicht so einfach betrügen (die tun es über die Beiträge eher umgekehrt); staatsabhängige Versicherungen sehr wohl. Mit Versicherungen lässt sich aber von Staats wegen gerne den Bürgern etwas schenken, was man ihnen auf Umwegen aus der anderen Tasche entwendet hat. Deshalb ist der Staat (eigentlich gibt es den ja nicht, sondern nur seine Bürger und die Legislative-Vertreter und Exekutive-Vertreter) so sehr an Versicherungen interessiert.
Der Staat und seine nachgeordneten Strukturen fungieren seit der Mitte des letzten Jahrhunderts in grossem Masse als Goldesel (wie im Märchen). Das Dumme ist, wir leben nicht im Märchen, wir leben in der Realität. In der Realität muss aber jeder Euro, jeder Franken verdient und erarbeitet werden, von wem auch immer. Sonst verändert sich das Gleichgewicht zwischen dem Geldwert und dem Wert der Dinge mit Bezug zum Menschen.
Da aber der Staat eine Funktion von uns Staatsbürgern ist, betrügen wir uns selbst. Das wäre moralisch ja auch völlig in Ordnung. Warum sollen wir uns nicht selbst betrügen? In dem wir uns betrügen, betrügen wir aber alle anderen Staatsbürger mit. Da wir das aber in der grossen Volksmasse tun und nicht allein, fühlen wir uns weder schuldig, noch betrogen, sondern einfach wohl, solange unsere Gefühle dabei positiv sind und wir nicht nachdenken.
Solange eine Generation das unter sich ausmacht, könnten wir ja noch sagen, das sei gemeinschaftlicher Selbstbetrug. Was ist daran schlimm? Ist ja nur Selbstbetrug.
Irgendetwas scheint aber in unseren gemeinschaftlichen Köpfen nicht zu stimmen. Als 2008 die Finanzkrise kam, war allen klar, dass die Kreditwirtschaft zwar wirtschaftlich notwendig ist, dass ihr Einfluss aber zurückgefahren werden müsste. Die Schulden müssen reduziert werden. Heute, 12 Jahre später, hören wir, dass die Verschuldung rund um den Erdball etwa auf das Doppelte gewachsen sei. Natürlich ist keiner Schuld. Es ist einfach so geworden, keiner weiss warum, keiner stört sich wirklich dran, keiner kann etwas ändern, selbst unsere Macher in den höchsten politischen Ämtern nicht.
Jetzt kommt die Corona-Krise. Vielen Kleinen und Grossen geht das Geld aus. Gott sei Dank haben wir Macher in der Politik, die gleich den grossen Geldhahn aufdrehen. Ach, schau an, da haben wir so viel Geld erarbeitet und die Staaten haben es auf die hohe Kante gelegt, um es im Notfall als Reserve zu haben? Davon hatte ich doch bisher gar nichts gehört? Ach so, der Dukatenscheisser scheisst schon wieder eine Menge von Dukaten, die völlig unvorstellbar ist? Politiker überbieten sich mit den astronomischen Zahlen. Nachdem nach der Finanzkrise die Notenbanken bereits die Werte (Immobilien, Aktien und andere Wertpapiere) in die Inflation getrieben hatten (Die verantwortlichen Politiker konnten es nur nicht merken, weil diese nicht mit im Warenkorb zur Berechnung der Inflation enthalten waren), werden sie nun ganz schnell unsere Gebrauchsgüter und lebenserhaltenden Güter in die Inflation treiben. Und wir, das Volk, die Bürger, jubeln diesen Politikern zu? Können wir so dumm sein?
Seit dem zweiten Weltkrieg haben wir uns durch unseren Egoismus (sowohl in den Diktaturen, wo einer seinen oder wenige ihren Egoismus frönen können oder in den Demokratien, wo viele ihrem Egoismus frönen können) immer weiter in die Klemme von immer mehr Leistung haben wollen, aber immer weniger dafür Leistung erbringen wollen, verfahren. Wir befinden uns in der Sackgasse. Keiner merkt es! Oder?
Seien wir sehr vorsichtig! Die Politiker mit ihren grossen Hilfen bieten uns jetzt grosszügigst Geld an, dass sie uns und unseren Kindern später mit Zinsen aus der Tasche ziehen müssen oder dass uns den Crash verursacht. Die Politiker haben da keine andere Wahl. Wie oft wollen wir uns denn noch hinters Licht führen lassen?
Wir Nachkriegsgenerationen haben uns mit Wucht und Wonne dem Genuss, dem Wohlsein hingegeben. Wir dachten, das wäre die Realität. Wahrscheinlich stimmt das gar nicht? Realität ist viel mehr, nämlich auch die Minusseite? Nach dem grossen Krieg gingen alle davon aus, dass nun das grosse Haben, die bessere Welt, der Genuss käme. Den hatten wir ja auch. Die andere Seite, die Minusseite haben wir in unserem Selbstbetrug in einen riesigen Schuldenberg verdrängt. Nun versucht jede Generation, das grosse angewachsene Minus nicht selbst aufarbeiten zu müssen und verschiebt es auf die Generation nach ihr. Akteure wie Herr Draghi bekommen nach dem Ende ihrer Amtszeit sogar noch einen Orden dafür. Die erforderlichen Mittel dazu werden immer grösser, astronomisch.
Das ist doch im Reich der Lebewesen vermutlich wirklich einzigartig? Findet sich da ein ähnliches Beispiel? Wir bekämpfen und brandmarken die Kinderarbeit in den ärmeren Ländern, aber was wir für Arbeit unseren eigenen Kindern aufbürden (falls es nicht doch schon eher zum Crash kommt und uns betrifft), das nehmen wir gar nicht wahr? Wenn das kein Selbstbetrug und damit Betrug der jungen oder noch gar nicht geborenen Generationen ist, was ist dann Betrug?
Es scheint so, als wären wir gar nicht in der Lage, uns selbst zu ändern, oder?

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