Urteilen

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Wir leben heute in einer Informationsgesellschaft. Immer und überall sollen uns und anderen Daten zur Verfügung stehen, damit wir uns rasch ein Urteil bilden können, eine eigene Meinung entwickeln. Ist das überhaupt sinnvoll?
Wir sind jetzt in der misslichen Lage, plötzlich mit einer ganz neuen Situation konfrontiert zu sein. Es hat sich ein neues Virus entwickelt und es verbreitet sich in der Welt. Wir Menschen werden wohl sinnvollerweise darauf reagieren. Aber wir kennen es noch gar nicht. Es ist neu.
Das bedeutet, es ist neu. Keiner kennt es bisher. Keiner kann verlässliche, begründete Aussagen dazu treffen. Es gibt einige Wissenschaftler, die andere Corona-Epidemien mitgemacht und analysiert und darauf reagiert haben. Man kann in gleicher Weise oder ähnlich handeln, je nach dem, was man damals im Umgang mit der Epidemie als sinnvoll erkannt hat. Ob das für dieses Virus auch gilt, weiss kein Mensch. Es ist neu.
Wenn wir lesen und hören, wer jetzt alles etwas zu der Epidemie zu sagen hat, dann reiben wir uns die Augen. Da gibt es natürlich einige Wissenschaftler, die die frischen Erkenntnisse in aktuelle Verhaltensweisen ummünzen möchten und müssen und das immer wieder aktuell tun. Verantwortung tragende Personen in Regierungen und in der Wirtschaft müssen Entscheidungen fällen, nicht wissend, ob sie angemessen sind oder nicht. Man kann es derzeit einfach nicht beurteilen. Da lesen wir aber schon in den Medien, was alles angemessen und unangemessen sei, was richtig und was falsch sei. Der eine hat diese Meinung, der Andere eine andere. Über die Wissenschaftler und damit befassten Politiker haben wir bereits eine Meinung, ein Urteil. Die Lage wird beurteilt, jeden Tag neu und wird kommentiert.
Können wir uns angesichts der Situation überhaupt ein Urteil bilden? Die wenigen Informationen sind Zeugenberichte, Erkenntnisse von Wissenschaftlern und Entscheidungen von Politikern. Jedes Urteil, dass wir uns heute darüber bilden, kann nur ein Vorurteil sein, denn verlässliche Daten liegen ja gar nicht vor, können es auch gar nicht. Der Haken ist nämlich, dass Frauen sehr gerne sehr schnell mit Vorurteilen auf Grund irgendwelcher Gefühle (jetzt meist Angst oder Unsicherheit) daher kommen und sie lange nicht wieder los werden, weil sich die Gefühle nicht so schnell ändern. Männer aber haben hinterher das Problem, dass sie ihr Vorurteil nicht einfach so schnell widerrufen oder ändern können. Sonst gelten sie als Wendehälse, heute so und morgen so, nicht souverän, nicht professionell, nicht verlässlich.
Warum haben dann so viele Menschen, Frauen und Männer, Journalisten, offizielle Kommentatoren und solche, die es gerne wären oder meinen, es zu sein und in den (un-)sozialen Netzwerken Aktive ihre Meinungen, Kommentare, also Vorurteile kund zu tun? Müssen wir die lesen? Selbst in der NZZ fand ich solche.
Wie wäre es, wenn wir unsere intuitive Art, immer rasch zu urteilen und sich eine Meinung zu bilden, bremsen würden? Sind Urteile lebensnotwendig? In den meisten Fällen, nicht nur beim Thema Corona-Virus, stehen uns doch gar nicht alle Informationen zur Verfügung. Wir urteilen in der Regel auf der Basis einer mehr oder weniger unsicheren und einseitigen Informationslage. Das ist die beste Voraussetzung, sich Vorurteile zu bilden statt durchdachter und gut informierter Urteile. Vielleicht ist letzteres sogar gar nicht möglich?
Dabei sind wir doch heute so dabei, alle Vorurteile zu verteufeln, anzuprangern, als böse zu brandmarken und die Menschen, die sie kundtun gleich mit. Dabei muss doch auffallen, dass wir alle in dieser Hinsicht offenkundig und brutal doppelmoralisch leben. Die Vorurteile der Anderen brandmarken wir aufs schärfste und drohen mit den schlimmsten Konsequenzen und erwarten, dass sich die Anderen ändern. Selbst aber sind wir völlig selbstverständlich dabei, uns möglichst schnell zu jedem Thema Vorurteile zu bilden, deren Realitätsnähe wir gar nicht beurteilen können.
Würde es uns vielleicht viel besser zu Gesicht stehen, uns unserer vielen Vorurteile, denen wir anhängen, bewusst zu werden? Vorurteile sind schwer wieder zu entfernen und durch durchdachte Urteile auszutauschen. Meist hindert uns unsere Intuition, also der Schatten, über den wir selbst nicht springen können oder wollen, daran. Wir merken es nur gar nicht. Wir leben in einer eklatanten und dauerhaften Selbsttäuschung.

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