Ausschnitt aus „Wie leben?“

Aus „Vorentscheidungen:“

Gleich zu Beginn möchte ich Sie warnen. Ich werde Sie in vielerlei Hinsicht enttäuschen. Ich halte das für einen genauso gewinnbringenden wie schmerzhaften und nervenaufreibenden Vorgang. Nachdenken führt zur „Ent-Täuschung“. Sie werden staunen. Das Manuskript wird Sie enttäuschen, weil es keinen durchgehenden roten Faden hat. Das Leben ist einfach zu vielfältig und zu komplex, so dass es mir nicht möglich ist, das auf die Spur eines dünnen, wenn auch roten, Fadens zu komprimieren. Nein, wir sind vielseitig und in alle Richtungen interessiert und deshalb hapert es an Systematik. Wir lassen auch unseren Gedanken freien Lauf. Dann laufen sie eben oft quer oder sogar gegen den Strom. Na und? Ich leiste mir das schon viele Jahre. Ich empfehle Ihnen: „Leisten Sie sich das auch!“ So wird Leben spannend.
Ein kleiner technischer Rat: Viele Menschen vor uns schrieben und nicht wenige Menschen neben uns schreiben Tagebuch. Das ist wie fotografieren. Sie können sich später besser erinnern als ohne. Aber es hilft Ihnen nur für die Erinnerung, für die Frage: Was habe ich erlebt. Späteren Lesern hilft es ein wenig, zu ergründen, was hat den Menschen (oder Künstler) zu dem gemacht, was er war?
Nein, schreiben Sie in Ihr Tagebuch nicht, was sie erlebt haben, sondern was sie gedacht haben, was Sie nachgedacht haben, was Sie erkannt haben und was Sie in der Folge eher als richtig oder eher als falsch betrachten würden und umgekehrt. Machen Sie sich Rubriken, fassen Sie bestimmte Themenbereiche zusammen und schreiben Sie so vorsortiert Ihre Gedanken auf. Später, wenn Sie wieder in die gleiche Rubrik schreiben wollen, lesen Sie das vorher Gedachte und ändern das Neue oder vervollständigen das Alte oder schreiben einen neuen Absatz, wenn es vorher noch nichts gab. Sie werden merken, dass sich Ihr Denken und Nachdenken entwickeln, dass Sie neue Erkenntnisse haben. Sie werden sich Ihres eigenen Bewusstseins bewusster, nicht aus Überheblichkeit, nicht wegen unbegründeten Selbstvertrauens, sondern weil Sie Zusammenhänge erfasst haben, weil Sie Für und Wider abgewogen haben, weil Sie auch die Rückseite der Medaille, die keiner wahrnimmt, mit bedacht haben.
Man kann Beobachtungen des Menschen in verschiedenen Formen darlegen: Als Krimi, als Roman, als Satire, als Komik, als Kabarett und vielen anderen. Die meisten dieser Formen haben gemeinsam, dass sie spannend, unterhaltsam und packend sind, weil sie unser Gefühl ansprechen. Dann sind wir gefühlsmässig, intuitiv dabei, aber unser Denkapparat, unser Nachdenken ist weitgehend ausgeschaltet. Solche ergreifenden Werke können Sie von vielen Künstlern der letzten 2 Jahrtausende lesen, sehen oder hören. Und die Intuition gibt uns an manchen Stellen ungeahnte Chancen des Verständnisses, z.B. in der Bindung der Geschlechter aneinander. Aber die Intuition blendet Vieles aus und richtet unser Augenmerk und unser Verständnis nur auf gewisse Teilbereiche des Lebens und andere Bereiche werden einfach nicht erreicht. Um dies alles zu vermeiden, wähle ich bewusst das Format einer gedanklichen, verstandesmässigen Auseinandersetzung, auch wenn mir damit klar ist, dass viele von Ihnen sich dieser Auseinandersetzung nicht werden stellen wollen, dass Ihnen das zu langweilig ist und eben vor allem Frauen viel zu gefühlsarm. Allerdings werden Sie merken, dass es mir leider nicht immer gelingt, die Emotionen beim Denken völlig abzuschalten. Dazu bin ich zu leidenschaftlicher Nachdenker und einfach zu sehr physischer Mensch. Ich bin ein Bengel, kein Engel und auch kein abgehobener Führer. Ich lade Sie ein, mit mir nachzudenken. Sie dürfen auch vorauseilen oder abschweifen, wenden, zurückgehen, wieder dazustossen, schlafen gehen, wütend werden, was Sie wollen. Ich wünsche Ihnen alle Freiheit im Nachdenken.
Weiss jemand, der sagt „Das habe ich immer schon gesagt!“, was er da sagt? Sollen wir ihm glauben, dass er bis heute nicht schlauer geworden ist, als er damals schon war? Das wäre schlimm. Dann hoffen wir, dass er kein Amt bekleidet und nicht viel Einfluss hat. Oder war er damals schon so schlau wie heute? Alle Achtung! Wir gratulieren! Aber sollen wir ihm das so glauben? In all den Jahren keine Veränderung? Wollen wir da nicht lieber erst Fragen stellen? Also, machen wir die Klappe zu und Augen, Ohren und alle Sinne auf!
Setzen wir uns hin, Beine hoch, ein Glas Wein in der Hand, schliessen die Augen und überlegen: Was tun wir hier eigentlich? Ich werde Sie mitnehmen auf eine Reise. Bleiben Sie ruhig sitzen. Ihre hoffentlich bequeme Sitzgelegenheit ist eine gute Position zum Fliegen, zum Beobachten und zum Wahrnehmen.
Im weitesten Sinne beschäftigen wir uns jetzt mit Biologie, im etwas engeren Sinne mit der Tierwelt. Wir beobachten den Menschen, Frau und Mann, passive, konsumierende Menschen und aktive, bestimmende, verändernde Menschen. Wir betrachten den Menschen möglichst unvoreingenommen, ohne Methodik (obwohl ja auch das wieder eine Methode ist), nicht im wissenschaftlichen Sinne. Wir verzichten bewusst auf Fragebögen, Statistiken und Einschluss- und Ausschlusskriterien. Wir bleiben unwissenschaftlich, aber nah dran, vielleicht so wie Alexander von Humboldt oder andere, die zu ihrer Zeit mit offenen Augen durch die Welt reisten und eine Entdeckung nach der anderen machten. Sie dachten darüber nach, fixierten das Entdeckte in Bildern und brachten Beschreibungen zu Papier.
Sie schlossen nichts aus (wie Ausschlusskriterien in der Medizin). Sie bauten keine abstrakten Denk- und Beurteilungssysteme. Sie entdeckten das Leben in seinen vielen und reichen Facetten. Wir nun betrachten einen kleinen Ausschnitt, an bestimmten Stellen auch grössere Zusammenhänge.
Wenn Sie mögen, weiter geht es hinter dem Impressum.

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