Asthma und Schmerzen, ein Versicherungsproblem

An einen Kantonsrat sowie einen Psychiater(05/2018)
Betr.: Unseren gemeinsamen Patienten und Mitbürger
Lieber X, lieber Y
Ich habe Euch beide in die Behandlung resp. Versorgung dieses Mannes eingebunden. Wir Mediziner sind entsetzt, wie von offizieller Seite mit ihm umgegangen wird. X sieht das natürlich von der entgegengesetzten Seite, der durch politische Aktion für Gleichheit, Wirtschaftlichkeit und beste Versorgung der Schutzbefohlenen sorgenden Politikers.
Ich möchte einige Gedanken dazu mitteilen, denn er wird uns ja noch weiter beschäftigen und er ist ja auch nicht der Einzige mit dieser Problematik.
Ich bin psychiatrisch nicht vorgebildet und ich habe auch keine psychiatrische Anamnese bei ihm gemacht. Aber wenn ich das richtig sehe, dann leidet er unter einer reaktiven, durch die aktuelle Extremsituation, die zumindest subjektiv gefühlt seine und der Familie Existenz bedroht, an einer Art von Depression und Konfusion. Seine Selbstmordäusserungen kann man werten wie bei Frauen, die eigentlich nicht ihrem Leben ein Ende setzen wollen, sondern damit einfach nur Ihre Verzweiflung ausdrücken und extrem ernst um Hilfe schreien.
Seine zwei Krankheiten, die Schmerzen und später das Asthma und die damit verbundenen körperlichen Einschränkungen, die dann zum Leistungsverlust, zum Jobverlust und damit zum Verlust der finanziellen Eigenversorgung geführt haben und die in der Folge verängstigende Situation, dass keiner seine Erkrankungen glauben bzw. annehmen wollte und dass er um die äussere Versorgung seiner Familie sehr bangen musste, haben ihn völlig dekompensieren lassen. Wenn er wieder in die damaligen Verhältnisse zurückkommen würde, wäre auch seine Psyche wieder am Rande der normalen Funktionalität. Diese Normalisierung versagen ihm aber sein Körper und unsere Gesellschaft.
Die somatischen Beschwerden, die er hat, sind ein grundlegend philosophisches Problem: Ist nur der krank, der auch mit wissenschaftlich anerkannten Methoden zweifelsfrei beweisen kann, dass er krank ist?
Die Problematik chronischer Schmerzen ist ja in der Schweiz über viele Jahre sehr locker betrachtet worden und die IV-Renten wurden sehr grosszügig gesprochen. Es ist heute völlig nachvollziehbar, dass diese Praxis auch in einem reichen Staat nicht auf Dauer durchzuhalten ist. Deswegen hat man in den 00 Jahren dieses Jahrhunderts die Praxis genau ins Gegenteil verkehrt und hat höchstrichterlich festgelegt, dass chronische Schmerzen immer per Willenskraft und Medikamenten zu überwinden seien, also 100 % Arbeitsfähigkeit bestehe. Dagegen sind Patienten und Ärzte aus der Versorgung zu Felde gezogen, weil das eine unmenschliche Praxis für die Betroffenen wurde. Das Bundesgericht hat 2014 diese Maxime ein wenig gelockert, aber erst vor kurzen wurde dem wieder Einhalt geboten. Knallhart urteilenden Richtern ist die chronische Schmerzproblematik von Patienten daher egal. Sie bekommen keine IV-Rente. Basta.
Die Asthmaproblematik liegt ein wenig anders, ähnelt der der Schmerzen jedoch in manchem.
Auch Asthmatiker erleiden mit ihrer Konstitution resp. Krankheit eine Menge Beschwerden und Behinderungen, die unsere Gesellschaft gar nicht wahrnimmt und unsere Medizin auch nicht. Selbst viele Pneumologen sind da völlig kenntnisfrei. Das sind ganz überwiegend Beschwerden, die wir nicht messen können, selbst mit Fragebogen sehr schwer, weil jeder die entsprechenden Fragen aus seinem Leben anders füllt. Man muss sich schon ein bisschen in die Patienten hineindenken, muss sie nach Lebensgewohnheiten und Körperreaktionen befragen. Dann bekommt man eine Menge heraus, aber nichts „objektives“ nichts gemessenes. Ich habe regelmässig Patienten, die von anderen Ärzten, auch von Pneumologen attestiert bekommen, dass sie trotz ihrer Beschwerden gesund seien und auf jeden Fall kein Asthma hätten. Die gemessene Lungenfunktion war ja schliesslich normal. Dass das unter gewissen Umständen bei vielen Asthmatikern so ist, ist eigentlich bekannt, wird aber mangels gegenteiliger objektiver Befunde negiert. Die objektiven Befunde sind normal, also beweise mir, dass Du krank bist. Und das kann der Asthmatiker nicht, weil seine Beschwerden ja subjektiv sind.
Ich bin ja sowohl ärztlich als auch gutachterlich tätig. Daher habe ich in der Schweiz die Situation von beiden Seiten kennengelernt. De facto müssen wir sagen:
In der Schweiz sind derzeit Patienten, die nicht objektiv beweisen können, dass sie krank sind, nicht iv-versichert. (Wobei das in Deutschland nicht so sehr viel anders ist und das ist ja eigentlich egal, wie es woanders ist).
Natürlich muss der Gesetzgeber Gesetze erlassen, die den Missbrauch ausschliessen, aber in der jetzigen Form schliesst er damit gleich auch alle Menschen aus, die ihre Krankheit nicht wissenschaftlich objektiv beweisen können. Und es wäre in diesem Zusammenhang auch einmal interessant, über die Begriffe „objektiv“ und „subjektiv“ in der Medizin nachzudenken. (Falls Ihr da mitgeht, auf meiner Internetseite tue ich das.)
Ich habe keine Lösung für das Problem. Lieber X, ich sage Dir vorher, was Eure Juristen zu dem IV-Bescheid sagen werden. Nein, Du weisst die Antwort jetzt schon selbst. Formaljuristisch kann die offizielle Schweiz den Fall derzeit nicht adäquat behandeln.
Bitte nehmt mir meine Gedanken nicht übel (es ist tatsächlich so einfach nur ein wertfreies Nachdenken) und wenn ich etwas falsch sehe, diskutiere ich natürlich sehr gerne darüber. Aber so beurteile ich den Fall derzeit. Und er ist nicht mein einziger Fall mit dieser Problematik.
Herzliche Grüsse
Wilfried

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