Übereilter Griff zum Asthmaspray

An: Tagesanzeiger  Leserforum,  8021 Zürich
Betrifft: Artikel „Übereilter Griff zum Asthmaspray“ vom 10.1.2017
Sehr geehrte Damen und Herren
Ihren Artikel in der Zeitung zu lesen hat mich sehr gefreut. Mit dem Inhalt muss ich mich allerdings eher etwas kritisch auseinandersetzen.
Bei der Diagnostik und Therapie von Asthma kommt es nämlich sehr darauf an, welcher Weltanschauung Sie anhängen.
Wenn Sie glauben, dass nur gilt, was Sie messen oder bildlich darstellen können, dann ist Asthma sehr häufig überdiagnostiziert in unserer Medizin.
Wenn sie glauben, dass ausser den Messwerten und Bildern noch viel mehr im Leben eine Rolle spielt, dann stellen sie plötzlich fest, dass in Mitteleuropa viele Asthmatiker herumlaufen, die nie als solche erkannt werden und natürlich auch nicht behandelt werden.
Und wenn ich dann bei einer 74 Jahre alten Frau den Lebenslauf abfrage und nach typischen Spuren eines Asthmas suche und natürlich erst heute die entsprechende Diagnostik durchführe, dann rutscht mir schon manchmal der Satz heraus „Da haben sie nun ein Leben lang versucht, sich auf ihr Asthma einzustellen und entsprechend auf Dinge und Lebensqualität verzichtet, nur weil nie jemand auf die Idee gekommen ist, mal die richtigen Fragen zu stellen.“ Und wie viele Ärzte wird diese Frau in ihren 74 Jahren wohl konsultiert haben? Und ich betreibe Schulmedizin und nichts anderes und bin überzeugt von ihr.
Asthma ist eine erbliche Kondition. Dass wir von Vorfahren mit Asthma oder COPD nicht wissen, liegt ja oft auch daran, dass die damals natürlich in gleicher Weise nicht untersucht und behandelt wurden. Aber fragen wir beispielsweise nicht nach Erkrankungen in der Familie, sondern nach Verwandten, die viel gehustet haben oder die Probleme mit Belastung hatten, weil sie nicht gut Luft bekamen, dann nimmt die Zahl schon zu. (Da muss man natürlich noch Herzkranke differenzieren)
Also: Die Definition ist sehr abhängig vom Grad der Erfassung von Daten und da ist die wissenschaftliche Medizin heute sehr einseitig orientiert, nicht alle, aber viele Experten.
Zweitens ist Asthma eine Erkrankung mit sehr wechselhaftem Verlauf. Es kann Zeiträume von zwanzig Jahren geben ohne Beschwerden. Sind diese Patienten dann gesund oder merken sie nur nichts?
Wenn Sie aber in der Pause untersuchen, finden Sie nichts. Ein Jahr später leiden die Patienten wieder und keiner denkt ans Asthma.
So einfach ist das also mit zu viel und zu wenig nicht.
Das Problem ist nicht, dass Hausärzte zu schnell Asthmamedikamente geben, sondern dass es nur mal eine Notfalltherapie ist, die keine Vorstellung beim Spezialisten auslöst, denn es geht danach ja erstmal unterschiedlich lange wieder besser. Asthmatiker gehören in die langfristige Betreuung der Fachärzte, damit eine kontinuierlich angemessene Therapie erfolgt und nicht nur immer Therapie von Notfall zu Notfall. Und auch bei einer spastischen Bronchitis können Asthmamedikamente kurzfristig mal sinnvoll sein, was ja auch geschrieben wurde.
Und noch ein Wort zu den Nebenwirkungen, gerade vom Cortison:
Ich habe nun seit 25 Jahren viele Asthmatiker behandelt und auch viele Kinder. Es ist nach zehn Jahren kein Elternpaar zu mir gekommen und hat geklagt: Unser Kind ist einen cm weniger gewachsen als die Geschwister. Sie sind dran Schuld. Nun geht es unserem Kind schlecht. Nein, viele Kinder haben eine deutlich bessere Lebensqualität gehabt und waren sportlich und gesundheitlich fit. Wir reden von grossem Nutzen bei kleinsten Risiken.
Wir haben Gott sei Dank heute so nebenwirkungsarme und gut wirksame Medikamente, dass für 95% der Asthmatiker die Erkrankung gar nicht mehr einschränkend sein muss. Man muss sie nur ordentlich behandeln! Und von diesen 95% muss nicht ein einziges Kind später unter Nebenwirkungen leiden, wo wir reumütig sagen müssten „Oh, hätten wir das mal lieber nicht so behandelt“!
Da müssen wir der gleichen wissenschaftlichen Medizin, die ich oben kritisiere und der oft gescholtenen Pharmaindustrie sehr danken, dass sie uns hierher gebracht haben. Das ist ein grosser Segen, den viele einfach viel zu selbstverständlich nehmen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Ich wünsche Ihnen viel Weisheit in der Informationsauswahl für Ihre Leser, denn der Heuhaufen, in dem die wenigen Stecknadeln (gute und richtige Informationen) heute liegen, ist ja unübersichtlich gross geworden. Sie haben eine schwere Arbeit!!!
Herzliche Grüsse
W. Flade
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Ein Gedanke zu “Übereilter Griff zum Asthmaspray

  1. Pasqualina Grisendi

    Lieber Dr. Flade
    Ich leide seid ein Paar Jahren an Hyperventilation … d.h ich bin recht verunsichert: ob ich Panikattacken habe, die eine Hyperventilation auslösen
    oder ob ich durch falsche Atmung ( manchmal muss ich einfach viel zu tief einschnaufen oder bekomme Gähnattacken?‘) Panikattacken ausgelöst werden??

    Der Hausarzt hat mir Citalopram verordnet und bei akuter Hyperventilation Lexotanil…
    Und der Lungenarzt in Wattwil eine Plastiktüte um hineinzuatmen…

    Was meinen Sie, könnten Sie mir helfen, dass ich diese Anfälle weniger bekomme?
    Soll ich mich für eine Konsultation bei Ihnen anmelden?

    Glg
    Pasqui Grisendi

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